Wenn man die Prämisse von „Herr der Fliegen“ ins Weltall katapultiert und die Protagonisten eine sonderbare Edition von Menschen sind, deren Gefühlswelt bis dato weitgehend unterdrückt wurde, bietet das eine durchaus ansprechende Ausgangssituation. Autor und Regisseur Neil Burger kratzt bei den gruppendynamischen Entwicklungen jedoch nur an der Oberfläche, wodurch einige Begebenheiten unglaubwürdig ausfallen.
Im Jahre 2063: Dürre, Hunger und Erderwärmung treiben die Menschen zum Leben auf einen anderen Planeten, der nach einer Reisedauer von 86 Jahren erreicht werden soll. Für diesen Zweck wurden 30 Menschen herangezüchtet, deren Heranwachsen ohne die Freiheit üblicher Menschen vonstatten ging. Als ihre elterliche Begleitperson (Colin Farrell) bei einem Unfall stirbt, sind die Jugendlichen auf sich allein gestellt und nach dem Absetzen der gefühlshemmenden Droge bilden sich zwei Lager um Ärztin Sela (Lilly-Rose Depp), dem vernünftigen Christopher (Tye Sheridan) und dem aufrührerischen Zac (Fionn Whitehead)…
Wie ist die Natur des Menschen gestrickt, wenn jene bereits von vornherein unterdrückt wird und es eine Gesellschaftsordnung ohne wirkliches Vorbild gibt? Die Titelgebenden sind ohne Eltern, Sonnenlicht, ohne Umgang mit Tier und Natur aufgewachsen, sie kennen kaum emotionale Impulse und sind aufgrund der täglichen Einnahme der versteckten Droge sexuell desinteressiert. Leider unterscheidet Burger nur zwischen Gut und Böse, es finden kaum Charakterentwicklungen statt, zumal niemand der Anwesenden etwaige Entwicklungen zu reflektieren scheint, - und das, obwohl die emotionsblockende Substanz abgesetzt wurde.
Zudem erscheint es extrem unglaubwürdig, dass nur eine erwachsene Bezugsperson für 30 Heranwachsende zuständig ist, denn immerhin hängt die Existenz der Menschheit von der langen Reise ab, die ja schließlich auch ohne Vernunftsorgan fortgesetzt wird. Die eine oder andere Eskalation ist natürlich vorprogrammiert, doch wenn sexuelle Bedürfnisse dadurch nachgeholt werden, dass sich Betreffende mit Kleidung aneinander reiben, wirkt das eher unfreiwillig komisch. Interessanter wird es erst, als versteckte Waffen gefunden werden und das Tempo im letzten Drittel spürbar anzieht.
Bei alledem ist die Ausstattung zwar recht steril ausgefallen, mit scheinbar endlosen hellen Gängen und nur spärlich eingesetzten Requisiten, doch ein, zwei Außenszenen untermauern, dass an der Gestaltung der Sets wenig auszusetzen ist und die Kamera stets voll auf Höhe des Geschehens fungiert. Zudem fällt die musikalische Untermalung mindestens solide aus, was ebenfalls auf die darstellerischen Leistungen zutrifft. Allen voran Fionn Whitehead als zuweilen diabolischer Zac und Lilly-Rose Depp mit zurückhaltender, jedoch nicht minder präsenter Performance.
Storytechnische Überraschungen sind unterm Strich nicht zu erwarten und obgleich sich Spannungsmomente eher in Grenzen halten, fällt das sozilogische Experiment nicht uninteressant aus. Leider kranken einige Entwicklungen an wenig nachvollziehbaren Verhaltensweisen, während einige Nebenfiguren zu beinahe namenlosen Stereotypen verkommen. Folgerichtig wäre insgesamt mehr Tiefe drin gewesen, interessante Ansätze lassen das kammerspielartige Treiben jedoch einigermaßen kurzweilig erscheinen.
Knapp
6 von 10