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Es ist der bis dato erwachsenste Streifen der Animationsschmiede Pixar, dem eine Kinoauswertung aus bekannten Gründen verwehrt blieb und der bei einigen jüngeren Zuschauern wahrscheinlich für lange Gesichter gesorgt hätte. Obwohl, hinsichtlich der detailreichen, opulenten Animation kann die Leinwand gar nicht groß genug sein.

Jazz-Musiker Joe Gardner (Jamie Foxx, im Deutschen Charles Rettinghaus) träumt von einem großen Auftritt im Jazzclub, als er versehentlich in einem tiefen Schacht landet und sich kurz darauf auf der Treppe ins Jenseits befindet. Jeder Versuch, dem Davorseits zu entkommen, scheitert und so soll er sich der Seele mit der schlichten Bezeichnung 22 als Mentor annehmen, die jedoch so gar keine Lust auf die Erde hat. Doch Joe gibt nicht auf, - schließlich hat er noch den Auftritt im Jazzclub zu absolvieren…

Ernste Töne waren bei Regisseur Pete Docter bereits einige Male vorzufinden: In „Oben“ ging es um die Bedürfnisse eines alten Mannes, in „Alles steht Kopf“ schlichtweg um Gefühle, während es in „Soul“ um Themen einer typischen Midlife-Crisis geht, auch wenn diese zu keiner Zeit erwähnt wird. Erfolgsdruck, verpasste Chancen, ein manchmal resignierendes Zwischenresümee eines vielleicht gar nicht mal so langweiligen Lebens spielen primär im finalen Akt eine gewichtige Rolle.

Dieses Zwischenreich ist natürlich so ein Fall für sich, wenn noch zu formende Seelen wie grünliche Knubbel durch surreale Landschaften kullern, während ihre Mentoren aussehen, als wären sie in ihrer Strichmännchenzeichnung dem Pinsel eines Picasso entsprungen. Hinzu kommen verirrte Seelen, die wie graue, einäugige Monster herumwandeln, während Joe immerhin seinen Hut behalten durfte. Für treffsichere Lacher wird jedoch auch hier gesorgt, denn an der widerspenstigen Seele 22 scheiterten bereits berühmte Persönlichkeiten wie Mutter Teresa, Lincoln, Kopernikus oder Carl Jung.

Im Mittelteil geht es schließlich etwas temporeicher und turbulenter zu, als der klassische Körpertausch für allerlei Situationskomik sorgt. Im herbstlichen New York kristallisiert sich indes der Ideenreichtum der Macher heraus, ob durch die Atmosphäre im Jazzclub oder per Vogelperspektive auf die Lichter der Stadt, - technisch ist das atemberaubend gut umgesetzt.
Hinzu gesellt sich ein extrem starker Score, der schon für sich stehend mitreißt. Jazz nimmt nur einen Teil davon ein und selbst wenn man eigentlich nicht auf diese Musikrichtung steht, sind einige gefällige Parts dabei.

Wenn eine übergewichtige Katze versucht, eine Tür zu öffnen oder beim Lauf in einer Kurve etwas übers Ziel hinaus schliddert, sind das schlichtweg lustige Momente, die trotz vieler ernster und nachdenklich stimmender Aspekte immer noch von der Partie sind, nur insgesamt nicht soviel Raum einnehmen, wie man es von frühern Pixar-Filmen gewohnt ist.
„Soul“ ist eine Ode an das Leben. Eines, das nicht zwangsläufig durch hohe Ziele bestimmt werden muss, sondern manchmal durch die ruhigen, aufmerksam und sehr bewusst wahrgenommenen Momente sehr wertvoll erscheinen kann.
8,5 von 10

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