Ich mag Jazz sehr. Wobei das nicht auf jede Spielart zutrifft, denn Jazz ist vielfältig und ein ausuferndes Feld tonalen Wirkens mit so vielen Stilen, dass dieses kurze Wort nur ein Oberbegriff für eine ganze musikalische Welt darstellt. Mit Pixars Ankündigung, dem nächsten animierten Spielfilm einen solchen Anstrich geben zu wollen, war die Neugier in mir geweckt. Doch dann: Kein Kinostart aufgrund der Corona-Pandemie. Anstatt dessen feierte das neue Werk „Soul“ seine Premiere für die breite Masse auf Disneys Streamingdienst. Soweit zum Einzählen.
Wie schon beim grandiosen „Alles steht Kopf“ führte bei „Soul“ Pete Docter Regie und ebenfalls wie bei Docters Vorgängerwerk spricht der vorliegende Film wieder ein mitunter abstraktes und auch erwachseneres Thema an. Denn gerade, als dem resignierten Musiklehrer Joe Gardner die vermeintliche Chance seines Lebens offeriert wird - ein Auftritt zusammen mit einer verehrten Jazzlegende - sorgt ein Unfall dafür, dass Joes Seele seinen Körper verlässt und sich ins Jenseits aufmacht. Doch so leicht lässt sich Joe nicht um seine Chance bringen.
Den weiteren Inhalt sollte man unvoreingenommen auf sich wirken lassen. Und hierbei gelingt es Pixar größtenteils, dieses komplexe und auch philosophische Thema durch die gewählte Bebilderung und Erzählung in einen nachvollziehbaren Kontext zu setzen. Sowohl optisch als auch inhaltlich weiß man hier das „Davorseits“ (Picasso lässt grüßen) als auch die weltliche Umgebung gekonnt in Szene zu setzen. Bei letzterer grenzt das schon an Fotorealismus, wobei state of the art bei Pixar bekanntermaßen keine Ausnahme darstellt.
Die Geschichte selber hat auch ein paar Wendungen parat und nimmt sich immer wieder Zeit für die ernsten Momente, die Selbstreflexion und das Erkennen nicht nur der Sterblichkeit, sondern auch der Bedeutung der eigenen Zeit und das Befüllen dieser mit Sinn. Klingt schwer, ist es aber nicht. Zumindest nicht, wenn es so wie hier präsentiert wird. Trotzdem kann der Film für die jüngeren Zuschauer auch mal zu hoch sein, doch können diese sich, wie auch bei „Alles steht Kopf“ an der optischen Raffinesse und den sympathischen Figuren erfreuen. Die Metaebene erschließt sich hier in späteren Jahren.
Humor ist trotz alledem vorhanden. Und Musik natürlich. Denn „Soul“ beschäftigt sich nicht nur mit dem Leben und dem, was eventuell danach kommt, sondern auch mit dem sich Verlieren in etwas, das man liebt zu tun. Und bei Joe ist es das Klavierspiel, der Jazz. So finden sich einige entsprechende Kompositionen von Jon Batiste im Film, während Trent Reznor und Atticus Ross die klassische Untermalung beisteuerten. Beide Parteien geben sich keine Blöße, wobei Batistes Stücke aufgrund der Geschichte im Vordergrund stehen.
Man kann diskutieren, dass der Film negative Umstände im Hinblick auf den scheinbaren Einfluss darauf, wer wo auf diesem Planeten landet, aufwächst und Grausamkeiten erdulden muss, völlig außer Acht lässt. Oder ob in dem vorgestellten System aufgrund der vergebenen Eigenschaften vor der Reise der Seelen zur Erde eine Art vorgelagerte Exkulpation jedweden schlechten Verhaltens im späteren Leben vorliegt. Im Rahmen dieser Erzählung hat man hier wohl auf eine Auseinandersetzung verzichtet, was man den Machern wohl nachsehen kann.
Mit „Soul“ ist Pixar mal wieder ein sehr sehenswerter Film gelungen, der ein komplexes Thema anspricht, es fantasievoll und anschaulich umsetzt. Interessante Figuren, ein feiner Soundtrack und eine emotionale Erzählweise machen ihn zum besten Film, den die Pixelschmiede seit „Alles steht Kopf“ geschaffen hat. Ein Film mit Seele(n).