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Kriege hinterlassen Verzweiflung und Verbitterung bis hin zu tief verwurzelten Rachegelüsten. Das wurde in den 90ern von Roman Polanski in dem Kammerspiel „Der Tod und das Mädchen“ mit geringen Mitteln umgesetzt und auch die Regiearbeit des israelischen Filmemachers Yaval Adler hat einige Schuldfragen zu klären.

USA, Anfang der Sechziger: Während des Zweiten Weltkriegs lernte die aus Rumänien stammende Maja (Noomi Rapace) den nunmehr in einer kleinen Vorstadt praktizierenden Arzt Lewis (Chris Messina) kennen. Sie gründeten eine Familie und haben einen Sohn. Eines Tages wähnt Maja im Park einen ihrer Peiniger wieder zu erkennen, den Nazi Karl (Joel Kinnaman). Kurzerhand kidnappt sie den Fabrikarbeiter und verschleppt ihn in den Keller ihres Hauses. Der Entführte beteuert vehement, Thomas zu heißen, aus der Schweiz zu stammen und niemals aktiv am Weltkrieg teilgenommen zu haben. Langsam kommen Lewis Zweifel an der Glaubwürdigkeit seiner Frau…

Auch die von Adler selbst ausgearbeitete Prämisse ist über weite Teile als Kammerspiel angelegt und spielt sich überwiegend im Keller des Hauses ab. Dieser Handlungsort dient auch von der Farbgebung her als Zentrale der beiden anderen Kontraste: Einerseits die spießige, beinahe bunt anmutende Vorstadtidylle und andererseits die in Schwarzweiß gehaltenen Rückblenden des brutalen Übergriffes durch eine Gruppe von Nazis, bei denen mit viel Schatten gearbeitet wird.

15 Jahre liegt jene traumatisierende Tat zurück und natürlich stellt sich die Frage, inwieweit Maja die Ereignisse und vor allem die Gesichter der Peiniger noch präsent sind, zumal sie noch einige Erinnerungslücken zu schließen hat. Die Frage nach wahren Identitäten war nach dem Weltkrieg beileibe kein Einzelfall, doch auch für Maja gibt es ihrem Mann gegenüber einiges zu klären, während dieser als bemitleidenswerter Spielball kaum eine Chance hat, eine richtige Entscheidung zu treffen, die auf moralischer Ebene auch nur ansatzweise etwas mit Gerechtigkeit zu tun hat.

Der Psychothriller lässt sich im Mittelteil einige Male etwas zuviel Zeit, mitunter tritt er ein wenig auf der Stelle und er klammert dabei die Persönlichkeit des vermeintlichen Opfers beinahe komplett aus. Dadurch entsteht ein Ungleichgewicht unter den drei wesentlichen Figuren, was zugleich ein wenig Spannung nimmt, denn direkte Konfrontationen lassen auch stets ein wenig auf die jeweiligen Charaktere schließen, was hier beinahe völlig ausbleibt.
Schuld, Leid und Vergeltung sind komplexe Themen, die hier nur teilweise etwas mehr in die Tiefe gehen und dabei zumindest Majas Vergangenheit etwas greifbarer erscheinen lassen.

Rapace performt bei alledem recht eindringlich und hält sich bei kleineren Gefühlsausbrüchen angenehm zurück, während ihr Gesichtsausdruck stets zwischen Entschlossenheit und Unsicherheit schwankt, was ihre Maja treffend auf den Punkt bringt. Kinnaman holt noch relativ viel aus der eher undankbaren, weil eindimensional angelegten Figur heraus, während man Messina das blanke Entsetzen über die Tat genauso abnimmt, wie die Sorge um Frau und Sohn.

Mal abgesehen von der gelungenen Gestaltung der Sets und der insgesamt recht überzeugenden Ausstattung fährt Adlers Psychothriller nur bedingt Empathie ein. Denn trotz dreier überzeugender Mimen sind die Figuren etwas zu schlicht angelegt und die Möglichkeiten einer schlüssigen Auflösung bleiben eher begrenzt. Dennoch fesselt die Prämisse der latenten Ungewissheit bis zum Schluss, mehr Mut bei der Ausarbeitung hätte wahrscheinlich etwas mehr Dynamik und Spannung einbringen können.
6,5 von 10

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