Review

Staffel 1

Der Mittvierziger Rolf Larsen (Anders W. Berthelsen) ist Beamter bei der Kopenhagener Polizei und ermittelt aktuell in einem Fall von Kindesentführung. Der ruhige Polizist mit Jägerbart, verheiratet mit der rothaarigen Flugbegleiterin Maria (Johanne Louise Schmidt), selbst seit fast einem Jahr Vater, bezweifelt jedoch das allzuschnell feststehende Urteil seiner Kollegen: Er kann sich nicht vorstellen, daß der Hauptverdächtige, ein abgelehnter Asylwerber, sein eigenes, mit einer Dänin gezeugtes Kind entführt. Als sich kurzfristig eine heiße Spur nach Polen ergibt, schifft er sich mitsamt dem langjährigen Kollegen und Freund Jarl (Nicolas Bro) auf der Fähre ein, notgedrungen mit seiner kleinen Tochter, da Mama Maria auf Fortbildung weilt. Als er aber auf der nächtlichen stürmischen Überfahrt den Kinderwagen für einen kurzen Gang zur Toilette unbeobachtet abstellt, ereignet sich ein Unglück - denn als der Polizist kaum eine Minute später wieder zurückkehrt, liegt der Wagen zur Reling hin umgekippt ein Stockwerk tiefer, vom Säugling keine Spur. Rolf ist außer sich, stürmt die Brücke, fordert den Kapitän zum Beidrehen auf und ist auch von seinem Kollegen Jarl nicht zu bändigen...
Mit diesen dramatischen Ereignissen endet die erste Episode, und es folgt ein harter Schnitt: 5 Jahre später ist Rolf immer noch nicht darüber hinweggekommen, seine geliebte Tochter in jener Nacht verloren zu haben, hadert mit sich und dem Schicksal, pflegt die vage Hoffnung, daß sein Kind doch noch irgendwie leben würde und hat sich auf einen Posten in der norddänischen Provinz versetzen lassen, während seine inzwischen von ihm geschiedene Ehefrau Maria oftmals das Grab der für tot erklärten Kleinen besucht und pflegt.

In einer davon unabhängigen Parallelhandlung hat die junge Julita (Zofia Wichlacz) in einer südostpolnischen Kleinstadt ein Problem: Die 19jährige ist schwanger und befürchtet, daß ihr Freund, der demnächst in Warschau Medizin studieren wird, sie mit dem Kind sitzen lassen könnte. Als dieser ihr jedoch überraschend einen Heiratsantrag macht, scheint das junge Glück perfekt zu sein. Doch Julitas Mutter sowie die Schwiegereltern in spe eröffnen der jungen Frau schon sehr bald, daß ein Kind zu diesem Zeitpunkt einer erwarteten Arzt-Karriere des Vaters hinderlich sein würde - sie soll abtreiben lassen, eine Klink dafür sei schon gefunden. Die lebenslustige junge Frau, die sich zuvor schon einmal auf eigene Faust nach den Kosten für eine Abtreibung erkundigt hatte, ist wie vom Donner gerührt: Sie will ihr Kind unbedingt behalten, was auch der werdende Vater, kaum daß er von dieser elterlichen "Entscheidung" gehört hat, untermauern will: Doch als er wutentbrannt auf sein Motorrad steigt, baut er einen tödlichen Unfall. Die schwangere Julita ist nun ganz allein...

Soweit die Ausgangslage zweier unterschiedlicher Handlungsstränge, die in der von ARTE France und Nordisc Film produzierten TV-Serie Kidnapping in 8 Episoden à 40 Minuten langsam zusammengeführt werden. Die beiden geschilderten Schicksalsschläge weiten sich nämlich nach und nach zu einem europäischen Thriller aus: Rolf, wegen eines simplen Autodiebstahls zwecks DNA-Abgleichs nach Kopenhagen geschickt, entdeckt dort einen Bug in der zentralen DNA-Datenbank, zu dessen Behebung ihn der darob peinlich berührte Polizeidirektor dazubleiben bittet; als infolgedessen ein Hilfsersuchen der französischen Polizei zu einem Mordfall eintrifft, muß eilends ein Team aufgestellt werden, um den angekündigten Ermittler angemessen unterstützen zu können - somit ist Rolf wieder "im Geschäft". Gemeinsam mit der von ihm ausgewählten jungen Kollegin Neel (Olivia Joof Lewerissa) reisen sie unter der Leitung der resoluten französischen Kommissarin Claire Bobin (Charlotte Rampling) schon bald nach Polen, um mit den dortigen Kollegen die seinerzeit abrupt abgebrochene heiße Spur der Kindesentführung wieder aufzunehmen...

Die komplexe Handlung baut eine stetig steigende Spannung auf und führt den Zuschauer langsam aber sicher in die verborgene Welt des Kinderhandels ein. Geschickt - aber nie verwirrend - setzt das Drehbuch zwei zeitlich unterschiedliche Erzählebenen ein, indem es einerseits das internationale Team in Dänemark, Polen und Frankreich ermitteln läßt, während es andererseits das (zunächst nicht erkennbar 5 Jahre zuvor spielende) Schicksal der jungen Julita schildert: Die Hochschwangere wendet sich nämlich widerwillig an ein örtliches katholisches Kloster der "barmherzigen Schwestern", das nicht nur eine Babyklappe anbietet, sondern auch jungen "gefallenen" Müttern eine Bleibe bis zur Entbindung offeriert. Einmal drinnen, muß die genauso sympathische wie naive Julita allerdings feststellen, daß die meisten jungen Mitschwangeren ihre Kinder - unter mehr oder weniger sanftem Druck der Schwestern - zur Adoption freigeben, was sie jedoch keineswegs beabsichtigt...

Neben dem Thriller-üblichen Whodunit berührt Kidnapping auch ethische Fragen und beleuchtet die durchaus ambivalent zu beurteilenden Gefühlslagen der Beteiligten: Da ist beispielsweise Hauptdarsteller Rolf, der einen fast 6 Jahre zurückliegenden Entführungsfall wieder aufrollt, seiner Teamleiterin Bobin aber wohlweislich den seinerzeit erlittenen und ihn nach wie vor stark beschäftigenden Verlust der eigenen Tochter verschweigt, um nicht als "vorbelastet" aus dem Team verbannt zu werden; das ist ein wohlsituiertes französisches Homosexuellen-Pärchen, das seinen Kinderwunsch - mit einer Samenabgabe und 40.000 € für eine Leihmutter zumindest halbwegs rechtlich gedeckt - endlich erfüllt sah und nun realisieren muß, daß alles nur Lug und Trug war; oder aber ein untadeliges Lehrer-Ehepaar aus Warschau, das neben anderen ein adoptiertes Kind jahrelang liebevoll großgezogen hatte und nun damit konfrontiert wird, daß die Adoptionspapiere gefälscht waren...

Daß das Drehbuch auf Action-Szenen weitgehendst verzichtet und persönliche Betroffenheit(en) in den Vordergrund stellt, dabei zu keiner Zeit Schuldzuweisungen vornimmt, sondern auch den vordergründig als "Bösen" zu bezeichnenden Protagonisten einen (freilich diskussionswürdigen) Erklärungsspielraum zubilligt, dieses feinfühlige Operieren mit allerlei Zwischentönen, die letztlich dem Zuseher selbst eine moralische Beurteilung des Gezeigten überläßt, ist den Script-Verantwortlichen hoch anzurechnen. Wenn es an Kidnapping überhaupt etwas auszusetzen gäbe, wären es Kleinigkeiten wie z.B. die (Neben-)Rolle der jungen Polizistin Neel, deren unkonventioneller Film-Charakter mit ein paar wenig überzeugenden Szenen, in denen sie (entgegen jeder Logik alleine und ohne Verstärkung anzufordern) gefährliche Verbrecher jagt, eingeführt wird - aber dies tut dem spannenden, von seinen (Haupt-)Darstellern gleichermaßen getragenen Plot keinen Abbruch.

Die bis in die Nebenrollen tadellos besetzte und in jeder Hinsicht dezent abgefilmte TV-Serie DNA, wie die mit insgesamt 321 Laufminuten (inklusive dezentem Vor- und Abspann sowie Kurz-Resümee) im Original betitelte Produktion heißt, wartet am Ende mit einem nicht einkalkulierbaren Plot-Twist auf und endet in einem wirklich bewegenden Finale - einem Finale der leisen Töne selbstverständlich...
Eine ganz klare Empfehlung meinerseits: 9,4 Punkte.

Details
Ähnliche Filme