Fortsetzungen zu sogenannten Kultfilmen sind mit Vorsicht zu genießen, selbst wenn sie sämtliche Zuschauerrekorde brechen. Der Nachfolger von "Matrix" würde so oder so ein Renner werden, da können Kritiker schreiben was sie wollen: Trailer üben auf die Zielgruppe halt doch mehr Wirkung aus als tausend Worte.
Ich war ja gespannt, denn sowohl mein Bekanntenkreis als auch der überwiegende Teil der Medien sparte mit Begriffen wie "Meisterwerk". Warum, das zeigen bereits die Anfangsminuten, die wahnsinnig schnell und effektgeladen heruntergespult werden. Bereits da zeigt sich, worauf es ankommt: Effekte und spektakuläre Zeitlupeneinstellungen, wo es geht, und wenn sie noch so übertrieben aussehen.
Blöd nur, dass man sich als Zuschauer ein wenig verloren fühlt, wenn man "Animatrix" und "Enter the Matrix" nicht kennt. So ist in den Folgeminuten noch mehr Aufmerksamkeit geboten, was aber gar nicht so leicht fällt, denn die komplette Sequenz in Zion ist überaus zäh. Viele Gespräche erscheinen hier unnötig, noch schlimmer ein total hanebüchener Tanz von ca. fünf Minuten, der eher an den vorher in der Werbung gezeigten "Bacardi-Rigo"-Spot erinnert. Dazu läuft völlig unpassend Techno, dabei immer wieder Zwischenschnitte auf die sich liebenden Neo und Trinity, damit auch alle 14jährigen, die unbemerkt an den Türstehern vorbeigekommen sind, etwas zu gaffen haben. Sorry, aber plakativer geht es nicht mehr!
Glücklicherweise ist damit der Tiefpunkt erreicht und es geht wieder bergauf. Spätestens ab dem Besuch beim Merowinger ist man wieder hellwach. Man spürt förmlich, dass etwas wichtiges passieren wird, etwas, dass neuen Pep in die Story bringt. Aber erst später, denn zunächst sorgt der Merowinger selber für einen Schuss Humor, darauf darf Monica Bellucci mit ihren Reizen spielen und schließlich gipfelt das alles in einem toll choreographiertem Kampf mit anschließender Verfolgungsjagd auf dem Freeway, der eigens für "Matrix Reloaded" erbaut wurde. Darauf haben wir alle gewartet, das optische Highlight des Films ist gekommen und dürfte wohl neue Maßstäbe in Sachen Action setzen, denn so etwas gewaltiges gab es bis dato nicht zu sehen.
Wer aber eher auf altmodische Action steht, ist hier schlecht beraten. Sämtliche Martial-Arts-Einlagen und Explosionen kommen eher comichaft-übertrieben daher, sehen trotzdem lecker aus. Neben der Verfolgungsjagd sollte man noch den Kampf Neos mit den unzähligen Agents Smiths erwähnen, der sich zwar auf schmalen Grat zur Lächerlichkeit befindet, aber absolut stylisch ausschaut.
Für die anspruchsvollen Zuschauer gibt es zwischendurch immer wieder philosophisch angehauchte Gespräche, die jedoch ein bisschen zu gewollt auf tiefgeistig getrimmt wurden. Religiöse Parallelen sind ebenfalls unübersehbar, Neo selbst wird hier vollends zu Messias erkoren, Morpheus hält eine Ansprache an die Bewohner Zions im Stile Moses.
Eine grandiose Wendung der Story vollzieht sich in den letzten 20 Minuten. Endlich ist dieses Gefühl wieder da, das Teil 1 so außergewöhnlich gemacht hat. Der Plot macht eine 180°-Wende und regt vor allem bei dem Gespräch mit dem Architekten zum Nachdenken an. Vielleicht hätte man sich davon in den zwei Stunden zuvor etwas mehr gewünscht, aber die Trailer haben ja schließlich erwarten lassen, dass man sich hier voll und ganz auf den Massengeschmack verlässt und da ist zuviel Hirn nicht unbedingt gut. Aber nicht falsch verstehen: Für einen Mainstreamer ist "Matrix Reloaded" immer noch überaus intelligent.
Was ich zum Schluss noch losbringen möchte, ist eine Beschwerde über den Soundtrack: Da hat man passendes Zeugs wie "P.O.D." usw. auf dem OST, was auch im Abspann zu hören ist, und stopft den kompletten Film mit aufgemotztem, pseudo-coolem Techno-Gedudel voll, was spätestens ab der zweiten Actionszene auf den Geist geht. Von der Musik her hat man bei Teil 1 die deutlich bessere Wahl getroffen.
Summa summarum ist "Matrix Reloded" das bisherige Action-Highlight des Jahres, zumindest bis "Terminator 3" in den Kinos läuft. Eye-Candy vom Feinsten, perfekt animierte Kämpfe und Actionsequenzen lassen das Herz eines jeden Fans höher schlagen. Das täuscht dann doch etwas über die gähnend langweilige erste Stunde und ein paar Logik-Fauxpässe hinweg. Die letzten Minuten machen schließlich noch ungeheure Lust auf Teil 3, weswegen man mit einem zufriedenen Gefühl aus dem Kino geht.
Wie hoch man das einschätzen kann, wird Teil 3 im November zeigen, da der zweite und dritte Teil quasi zusamenhängen. Ich warte erneut gespannt!