Mit „Citizen Kane“ verbindet man in der Regel zuerst den Namen Orson Welles und womöglich noch William Randolph Hearst. Somit war es wohl mal an der Zeit, auf eine andere, für die Entstehung eines der bekanntesten filmischen Werke, bedeutenden Figur zu blicken.
Herman J. Mankiewicz, seines Zeichens Autor innerhalb des früheren Studiosystems in Hollywood, verfasste das Drehbuch zu „Citizen Kane“, vielleicht als eine Art Rache an Hearst, vielleicht auch aus Frust wegen all der ihn umgebenden Figuren in einem System, das Kunst und Politik derart vermengt, dass die Grenzen mehr als fließend sind.
Der titelgebende Schreiberling steht freilich auch im Mittelpunkt, wobei man keine wirkliche Biographie erwarten sollte. Inszenierung nach Vorschrift gibt es hier nicht, vielmehr springt die Geschichte, eingebettet in die Episode der Drehbucherstellung, durch die Zeiten und zeigt in Ausschnitten Stationen in Manks Leben und Schaffen, die nicht nur die Entstehung seines sein Opus' Magnum beeinflussen, sondern auch die Figur an sich beleuchten. Letzteres geschieht dabei allerdings für einen solchen Film fast schon zu dezent, ohne das triefende Drama. Eine einerseits wohltuende Eigenschaft. Wobei sich Mank in Sachen Schlagfertigkeit nicht zurückhält und dies immer wieder für Erheiterung sorgt, seine Kommentare sind knapp und treffend geschrieben. Überhaupt ist der Film sehr dialoglastig, driftet dabei aber nie in inhaltsleeres Geschwafel ab.
Andererseits setzt der Film, um alle Anspielungen und Kommentare zu verstehen, viel Hintergrundwissen voraus. Nicht nur über Welles' Film, dessen Kenntnis hier auch zur Steigerung des Sehvergnügens beiträgt, sondern ebenso über Personen, Zusammenhänge und Strukturen des „alten Hollywood“. Und das geht mir dann doch ab, womit ich mich zumindest trotz der ansprechend verfassten Dialoge nicht immer mitgenommen fühlte. Gleiches gilt, und das dürfte mein Hauptkritikpunkt an „Mank“ sein, für die emotionale Nähe zu den Charakteren. Man lernt sie kennen, mehr oder weniger, aber der letzte Griff nach ihrer Seele, um sich an sie zu binden, will nicht erfolgen. Vielleicht wäre ein bisschen von dem zuvor erwähnten Drama doch von Vorteil gewesen.
Für mich legt sich der Film mit den Namen David Fincher und Gary Oldman die Messlatte selbst schon über den Durchschnitt und in der Gesamtheit enttäuscht mich die Zusammenarbeit der beiden nicht. Fincher lässt den Film in Ruhe seinen Weg nehmen und überlässt Oldman die Bühne, die dieser für ein nuanciertes Spiel nutzt. Auch der Rest vom Cast ist ohne Tadel, wobei Charles Dance als Hearst und Amanda Seyfried als Marion Davis am ehesten in Erinnerung bleiben. Letztlich trägt ein ziemlich ungesund aussehender Oldman den Film aber gut alleine.
Präsentiert in schwarz-weiß liefert Erik Messerschmidt stilsicher komponierte Bilder, der Soundtrack des Gespanns Trent Reznor / Atticus Ross passt sich der verfilmten Epoche an und gibt sich vielseitig – alles in Mono. Auch die Ausstattung gibt kaum Anlass zur Kritik. Das alte Hollywood erhebt sich hier, nur um seziert zu werden, in nostalgischem Design und Kostümierungen, in der Dekadenz hier und in nicht optimal sitzenden Klamotten da. Ein netter Einfall auch, Einblendungen bei Szenenwechseln im Drehbuchstil zu halten.
Ist „Mank“ auch keine klassische Biographie und erfährt man über die Entstehung von „Citizen Kane“ als Film wenig bis nichts, so bleibt er doch stets interessant, trotz des gemächlichen Tempos, der permanenten Dialoglast und dem Fehlen einer klassischen Spannungskurve. Vielleicht erkennt man hier und da auch Parallelen zur heutigen Situation; die Rettung des Kinos, die große Depression.
Und trotz seiner etwas distanzierten Art hinsichtlich einer emotionalen Bindung zu seinen Charakteren konnte ich mich an der Machart des Films erfreuen, an den schwelgerischen Bildern. Technisch ist „Mank“ ganz groß, mit tollen Darstellern und einem sehr gelungenen Soundtrack.
„Das ist ein Geschäft, bei dem der Käufer nichts als eine Erinnerung für sein Geld bekommt“, wird Studioboss Mayer im Film zitiert. Sieht man sich die Kontroverse nach Erscheinen von „Citizen Kane“ an, sind es vielleicht manchmal doch mehr als nur Erinnerungen. An den Film erinnert man sich auch heute noch. Vielleicht nun auch wieder mehr an Mankiewicz.