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Rette mich wer kann 


Eine Frau meint, sie würde morgen sterben. Sie hat keine Angst, dass das passieren könnte, sondern sie ist sich sicher. Wie auch immer es passieren wird - am nächsten Tag ist finito. Das sagt sie auch ihrer Freundin, die ihr natürlich nicht glauben kann und sie für etwas verrückt erklärt - bis auch in ihr ein Licht aufgeht und sie davon zutiefst überzeugt ist, dass auch sie den nächsten Tag nicht überleben wird. Also ein ansteckender Gedanke, virale Angst, kollektive Unsicherheit, ein unsichtbarer Feind. Das ist Thema und mehr als klarer (Sub)Text von „She Dies Tomorrow“. Kommt euch bekannt vor? Jup, das ist definitiv einer der verschachteltsten Horrorfilme der Stunde, (thematisch) des Jahres, und gerade die Pandemie verleiht ihm noch etliche diskussionswürdige, gedankenanregende, angsteinflössende Ebenen und Schichten, über die sich die Macher während der Produktion sicher in diesem ganz realen Ausmaße noch nicht im Klaren waren...

„She Dies Tomorrow“ befindet sich irgendwo im creepy Arthouse zwischen „It Follows“ und einer lichtempfindlichen Kunstausstellung, mit feinsten Farbspielen und surrealen Einschüben. Dazu ein famoser „Song“ von Mozart (Entstehungsgeschichte ebenfalls passend!), intensives Schauspiel (wenn auch manchmal zwischen steif und drüber pendelnd) und eben das grandiose Grundthema. Und Letzteres ist absolut das, was „She Dies Tomorrow“ auf ein nächstes Level hebt, den Film bleiben und gelten lassen wird. Denn egal wie wenig Greif- und Sichtbares es hier gibt - das Ding wirkt nach. Und das bei jedem, der sich in den letzten Monaten mal mit der Vergänglichkeit, Ansteckung, Depressionen und dem für uns alle unausweichlichen Tod beschäftigt hat. Und da dürfte es nicht viele Leute geben, die sich da rausnehmen können. Ich z.B. (und solche extrem privaten Anekdoten und Probleme lasse ich normalerweise fast nie in Filmkritiken einfliessen!) leide seit dem Frühjahr, der ersten Corona-Hochphase (die auch noch kurz nach meiner Verlobung auftrat), unter deutlichen, belastenden Atemproblemen und Herzstichen, gerade/meist im ruhenden, nachdenklichen Zustand. Durch etliche Tests und Untersuchungen ist mittlerweile ziemlich sicher klar, dass es sich nicht um Corona oder körperliche Krankheit handelt(e), sondern eher um psychische Bedenken/Stress/Druck, die sich körperlich bemerkbar machen, manifestiert hatten. Das wird zum Glück langsam immer weniger - aber es macht(e) Angst, lässt einen reflektieren und verändert einen, besonders deine Sicht auf's sehr schnell vergängliche Leben. Und genau da hat mich dieser (zugebenermassen etwas prätentiöse) Slowburner eiskalt erwischt und etliche Punkte aufgegriffen. Und ich bin mir hundertprozentig sicher, dass es nicht nur mir so geht. Und darum braucht diese (oft auch schwarzhumorige!) Metapher, dieser filmische Denkanstoß, auch null Splatter, Gore oder Schocks, um es einem brutal den Rücken runterkrabbeln zu lassen... Denn ist es nicht schon fast bewiesen, dass die meisten Menschen (erst recht sehr sensible) tatsächlich irgendwie merken, wenn es zu Ende geht? 

Fazit: ein mutiger, akuter und unterschwellig enorm verunsichernder, neugierig machender, schockierender Trip voller Angst, Vorahnung und Gänsehaut. Rauschhaft, minimalistisch und toll. Arthouse-Terror wie er kaum ansteckender kommen kann. Im Schatten der realen Pandemie noch beängstigender als eh schon. Für den ganz großen Wurf fehlt dann aber doch die ein oder andere handfeste, fleischige Sehenswürdigkeit. Die aber wohl gegen das Konzept arbeiten würde. 

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