GAPPA – FRANKENSTEINS FLIEGENDE MONSTER
(DAIKYOJU GAPPA)
Haruyasu Noguchi, Japan 1967
Vorsicht – dieses Review enthält SPOILER!
Ein Blick zurück zum japanischen Riesenmonsterkino der Sechzigerjahre, das auch jenseits der Godzilla-Filme einige Perlen bereithält. Gappa – Frankensteins fliegende Monster (im Original Daikyoju Gappa, im Folgenden nur Gappa), ein Streifen aus dem Kaijū-Eiga-Schicksalsjahr 1967, in dem das Subgenre (oder Genre, wenn man möchte) bis zum Hals im Trash versank, weil es nicht nur bei den bereits etablierten Studios bergab ging (Tōhō machte sein Kultmonster mit Frankensteins Monster jagen Godzillas Sohn lächerlich und Daiei nahm mit Gamera vs. Gaos schon mal leicht Kurs auf kindgerechte Unterhaltung), sondern auch die Konkurrenzunternehmen der Tōhō und sogar die Südkoreaner ins vermeintlich lukrative Geschäft mit den Riesenmonstern einstiegen – und dabei jämmerlich baden gingen: Shochiku mit Guila, Nikkatsu mit Gappa und die koreanischen Nachbarn mit Yongary. Sehen wir also, was im Hause Nikkatsu produziert wurde ...
Japan. Wobei: Eigentlich ist es eher die Südsee ... aber vielleicht sollte man es sortieren und doch mit Japan beginnen. Dort hat der Verleger und Unternehmer Funazu große Pläne – er möchte einen riesigen exotischen Freizeitpark namens „Playmate Land“ (!) errichten, damit seine Landsleute nicht mehr mühsam und kostspielig in tropische Gebiete reisen müssen, sondern gewissermaßen vor der Haustür unter Palmen liegen und Südsee-Feeling genießen können (vor allem sollen sie ihm freilich die Taschen füllen).
Tolle Idee, nur muss noch an einer authentischen Gestaltung, Einrichtung und Besiedlung gearbeitet werden – in einen Tropenpark gehören nun mal auch tropische Pflanzen und Tiere (Krokodile wären zum Beispiel nicht übel, meint der Bauherr). Daher schickt Funazu seine Mitarbeiter Hiroshi Kurosaki und Itoko Koyanagi gemeinsam mit einigen Wissenschaftlern der Universität Tokio unter Leitung des Professors Daize Tonooka auf eine Entdeckungs- und Anschaffungsreise in die Südsee – und damit sind wir nun beim eigentlichen Start des Films.
Ziel der Expedition ist die „Obelisk-Insel“, auf der nicht nur repräsentative Pflanzen gesammelt, sondern auch ein paar möglichst exotische und idealerweise noch unbekannte Vertreter der polynesischen Fauna rekrutiert werden sollen (zu der im erweiterten Sinn auch Eingeborene zählen ...). Mit einem sehr exotischen Vertreter dieser Fauna bekommt man es bereits unterwegs zu tun, aber das offenbar riesige Wesen, zu dem zwei in der Tiefe des Meeres leuchtende Augen gehören, hält sich noch vornehm zurück und lässt unsere Forscher und Sammler weiterfahren. Nach einem kurzen Seebeben kommen sie wohlbehalten an der Küste der Obelisk-Insel an, wo gerade der alles weit überragende Inselvulkan aufs Heftigste ausbricht. Das hält jedoch niemanden von der ordentlichen Durchführung der Expedition ab, und so werden sieben Leute für den anstehenden Landgang auserkoren, darunter auch Kurosaki und seine Kollegin Itoko (ich verwende die Namen, mit denen die Beteiligten im Film angesprochen werden – wie fast immer ist das bei Frauen der Vorname, was hier natürlich keine Respektlosigkeit sein soll und auch freundlicher klingt).
Nach einem anstrengenden Marsch durch die karge und schroffe Felslandschaft der Insel treffen die Landgänger schließlich auf eine Horde braun angepinselter Japaner ... im Kontext des Kaijū Eiga sind das natürlich Eingeborene, sprich „Südseeinsulaner“. Ob die sich friedlich oder feindlich verhalten werden, ist nicht gleich klar, aber ihr Häuptling spricht Japanisch und sieht in den Expeditionsteilnehmern jene Japaner, deren Erscheinen ihm zum Ende des Zweiten Weltkriegs von einem gestrandeten Offizier der Nippon-Armee versprochen wurde. Da durch dieses Erscheinen ein gewisser „Gappa“ zufrieden und glücklich sein soll (warum zum Kuckuck??), ist bei den Eingeborenen erst einmal gute Laune angesagt – was sich leider in Form eines rituellen Tanzes beziehungsweise nervendem Herumgehüpfe äußert.
Kurosaki, der daran (verständlicherweise!) kein gesteigertes Interesse hat, lässt sich derweil gemeinsam mit Itoko von einem hochgradig unsympathischen Eingeborenenkind zu einer Statue führen, die er vom Schiff aus gesehen hat – er will prüfen, ob sich Bezüge zu den Figuren auf der Osterinsel finden lassen. Der Junge stellt die Statue als „Gappa“ vor, der oder die oder das erstens kein Gott sei und zweitens fliegen könne. Weiter als bis hierhin solle man aber nicht mehr gehen. Kurosaki und Itoko, die übrigens scheinbar eine Liebesbeziehung haben (oder wenigstens haben wollen), sind freilich nicht aus dem fernen Japan angereist, um irgendwo nicht mehr weiterzugehen. Und so betreten sie ungeachtet aller verzweifelten Warnungen des Jungen („Gappa wird strafen!“) eine Höhle, nachdem ihnen ein mittelschweres Erdbeben freundlicherweise den Eingang derselben freigeräumt hat.
In dieser Höhle, in der sich auch ein schöner blauer See befindet, entdecken sie nach einigem Umherirren ein großes, leicht gemustertes Ei (wir reden von etwa einem Meter Höhe), müssen sich aber sicherheitshalber sofort wieder zurückziehen, weil schon das nächste Beben, ähm ... bebt. Das Ei kullert derweil ein Stück weit in der Höhle herum, zerbricht – und gibt ein derart erbärmlich aussehendes Jungtier respektive Jungmonster frei, dass man es an dieser Stelle einfach noch nicht glauben möchte. Nachdem sich der Boden beruhigt hat, folgen Kurosaki und die anderen inzwischen zu ihm gestoßenen Expeditionsteilnehmer einer Eigelb-Spur, finden das neugeborene Wesen ... und fangen es ein! Wie sie das bewerkstelligen, zeigt man uns nicht – einen Schnitt später hockt es bereits in einem frisch zusammengebastelten Holzkäfig im Dorf der Eingeborenen und sieht seinem Abtransport nach Japan entgegen, denn natürlich soll es die große Attraktion des Playmate-Lands werden. Der Eingeborenenhäuptling ist außer sich und beschwört die Japaner, das Jungtier frei zu lassen („Gappa wird strafen!“), aber die zeigen sich stur. Der Häuptling wiederum hält nichts vom Vorschlag, mit seinem Stamm nach Japan umzusiedeln (ins Playmate-Land ...), und so trennt man sich nicht wirklich einvernehmlich.
Auf der Rückreise weiß Professor Tonooka schon vieles, was man in dieser Sache wissen muss: Das Ei ist einer Art prähistorischem Reptil zuzuordnen, hat viele Millionen Jahre lang (!) in der Höhle herumgelegen und sei nun eben zerbrochen, sodass das Jungtier schlüpfen konnte (herrje – und ich mache mir mitunter Sorgen, dass die Eier in meinem Kühlschrank verderben könnten). Während sich Tonooka über sein „Studienobjekt für die Evolution der Reptilien“ freut, herrscht unter den Bewohnern der Obelisk-Insel reichlich miese Laune – und diese Bewohner werden nicht nur von den Eingeborenen repräsentiert: Dem hellblauen See in der bereits bekannten Höhle entsteigt ein riesiges, gummivogelartiges Monstrum, entdeckt die herumliegenden Eierschalen und stimmt ein debiles Klage- oder Wutgebrumm an. Man darf vermuten, dass es die Mutter des entführten Jungtiers ist.
Kurz darauf bebt es dank des unablässig ausbrechenden Vulkans erneut, und zwar so stark, dass wieder ein paar Felsen verrutschen und für einen noch größeren Höhlenausgang sorgen. Aus dem treten nun zwei der riesigen gummivogelartigen Monster ins Freie, bei denen es sich, so viel sollte inzwischen klar sein, um ausgewachsene „Gappas“ handelt (etwas genauer: echt bekloppt aussehende, auf zwei Beinen laufende Eidechsen mit Schnabel und Flügeln). Die beiden machen sich denkbar verstimmt auf den Weg zum Eingeborenendorf und trampeln dort alles kurz und klein, ohne Rücksicht auf die Bewohner und deren Leben zu nehmen. Wenigstens ein Teil der Eingeborenen kann sich jedoch zu den Booten des Stamms retten und hinaus auf Meer flüchten. Sie haben Glück: Bald darauf treffen sie auf ein gerade aufgetauchtes amerikanisches Spielzeug-U-Boot und werden von dessen Besatzung an Bord genommen.
In Japan streitet man derweil ein wenig über den weiteren Umgang mit dem fleißig wachsenden (zwei Fuß pro Tag!) Gappa-Jungtier – Funazu und Kurosaki geht es dabei ausschließlich um den Profit, der sich mit ihm über die Auflagenstärke ihrer Zeitschrift und das Interesse am Playmate-Land erzielen lässt, während Professor Tonooka den Standpunkt der Wissenschaft vertritt und an seine Forschungsarbeit denkt. Itoko indes findet beides nicht gut und meint, dass man das Tier, das ihr inzwischen ans Herz gewachsen ist, zurück in seine Heimat bringen und frei lassen müsse. Vorerst verbleibt es jedoch in einer abgelegenen Außenstelle der Uni, wo Professor Tonooka anhand einiger Gehirnstrommessungen feststellt, dass es nicht nur eine Art Eidechsen-Sonderling ist, sondern auch Merkmale der Vögel aufweist (ähm ... Kunststück, wenn es einen Schnabel und Flügel hat). Vögel aber könnten aus der Ferne mit ihren Artgenossen kommunizieren ...
Diese Artgenossen, sprich die beiden Gappas von der Obelisk-Insel, sind natürlich schon längst im Anmarsch. Vor der Sagami Bay schießen sie (mit Düsenjägergeräuschen!) aus dem Meer heraus und erheben sich in die Lüfte, um in Atami zu landen und dort an Häusern zu zerlegen, was ihnen vor die Füße kommt. Zeit fürs japanische „Militär“: Ein paar Dutzend Panzer (wir reden selbstverständlich über Spielzeug) rollen an und nehmen die Monster unter Beschuss. Was sie jedoch treffen, ist die Stadt – mit zehn bis fünfzehn abgefeuerten Granaten haben sie Atami endgültig dem Erdboden gleich gemacht (!!), sodass für die Monster nichts mehr zu tun bleibt und sie davonfliegen (beziehungsweise stocksteif durch die Lüfte davongleiten ...). Kurz darauf machen sie einen kleinen Zwischenstopp in einem ländlichen Gebiet, zertrümmern dort schnell das einzige Bauwerk weit und breit (eine große Pagode) und bekommen es anschließend mit der japanischen Luftwaffe zu tun, die sie mit mehreren Düsenjägerstaffeln angreift. Kein Problem für die Gappas: Wie ihre großen Vorbilder aus den Häusern Tōhō und Daiei verfügen auch sie über einen atomaren oder wie auch immer betriebenen Atemstrahl, mit dem sie in aller Ruhe so ziemlich den gesamten Kampfjetbestand der Japaner vom Himmel holen. Als das erledigt ist, fliegen die Gappas weiter und tauchen schließlich in einem See bei Nikkō ab.
Das Militär kann eine ernüchternde Zwischenbilanz ziehen: Weder mit den bisher eingesetzten konventionellen Waffen noch mit Giftgas konnte den Monstern, deren Atemstrahl die „Stärke eines Vulkanausbruchs“ habe, ein nennenswerter Schaden zugefügt werden. Nun möchte man mit Raketen gegen die Gappas vorgehen, aber dazu müsste man sie erst einmal an die Wasseroberfläche bekommen. Wie soll das bewerkstelligt werden? Nun, Professor Tonooka hat da eine prima Idee: Schallwellen könnten die Ungeheuer aus ihrem Schlupfwinkel verscheuchen.
So werden vier Ruderboote mit Türmen aus Trichterlautsprechern bestückt, aus denen schlicht und ergreifend nervtötender Lärm dröhnen und den Gappas die Freude am Unterwasserdasein verderben soll. Gleichzeitig trifft ein gewisser Doktor McDonald von der US-Navy ein, der an Bord des erwähnten U-Boots war und den geretteten Eingeborenenjungen im Schlepptau hat. Und damit sind wir bei der Szene, in der ein etwa zehnjähriger Insel-Eingeborener den verantwortlichen Vertretern von Wissenschaft, Politik und Militär erklären muss, worauf noch keiner von ihnen gekommen ist – nämlich dass die beiden großen Gappas nur unterwegs sind, um ihr Kind zurückzuholen. Also, noch mal: Ein zehnjähriger Insel-Eingeborener erklärt den Vertretern von Wissenschaft, Politik und Militär, worauf noch keiner von ihnen gekommen ist – nämlich dass die beiden großen Gappas nur unterwegs sind, um ihr Kind zurückzuholen. OmG.
Itoko fühlt sich dadurch in ihrem Denken bestätigt und drängt Kurosaki noch einmal, seinen Standpunkt zu wechseln und sich für die Geschicke des gefangenen Jungtiers einzusetzen. Kurosaki sieht nun endlich ein, dass sie recht hat, aber das kommt zu spät: „Sie fangen an!“, muss er feststellen.
Ja, sie fangen an – das heißt, dass die Boote mit den Lautsprechern per Fernsteuerung auf den See hinausgefahren und in dessen Mitte versenkt (!) werden, um unter Wasser ordentlich Krach zu machen. Tatsächlich arbeiten die Lautsprecher auch bei extremer Nässe, und der von ihnen verbreitete Lärm geht den beiden Gappas wunschgemäß derartig auf die Nerven, dass sie sich an die Oberfläche des Sees begeben. Auftritt der japanischen „Artillerie“: Die Monster werden unter massiven Raketenbeschuss genommen. Das zeigt tatsächlich Wirkung, denn die Gappas vergessen vor Schreck sogar ihre Atemstrahlen und verdrücken sich lieber an einen gemütlicheren Ort. Als sie aus dem See herausfliegen, erzeugen sie jedoch eine gigantische Flutwelle, die ganz Nikkō und Teile des Umlands zerstört.
Kurz darauf wird vermeldet, dass sie sich in südlicher Richtung bewegen, also zweifelsfrei Kurs auf Tokio nehmen. Während sich das Militär mit eher geringen Erfolgsaussichten auf den Schutz der Hauptstadt vorbereitet, versucht Kurosaki, seinen Chef zur Freilassung des Gappa-Jungtiers zu veranlassen – ohne Erfolg. Funazu glaubt anscheinend noch immer an den großen Reibach. Kurosaki aber zeigt nun Rückgrat, ignoriert die Interessen des Verlegers und verkündet, dass er und seine Verbündeten (vornehmlich also Itoko und der Eingeborenenjunge) nun „allein handeln“ würden. Das tun sie auch, und zwar schnell wie der Wind: Nur einen Schnitt später hängt Jung-Gappa schon in einem Netz an zwei kleinen Zeppelinen und wird zum Flughafen von Tokio geflogen.
Nun müssen freilich auch seine Eltern noch dorthin gelotst werden, die gerade ihrer obersten Genreverpflichtung nachkommen und eine schöne große Ölraffinerie demolieren beziehungsweise in Flammen aufgehen lassen. Über Lautsprecher (schon wieder) werden auf der Rollbahn des Flugplatzes ehemals aufgenommene Rufe des Jungtiers abgespielt, und bald darauf kommen fürwahr die Gappa-Eltern angeglitten und können ein Wiedersehen mit ihrem Nachwuchs feiern. Wobei: Es ist ja gar kein Wiedersehen, denn die beiden Großen begegnen ihrem Kind hier zum ersten Mal. Umso ausführlicher gestaltet sich demnach die Familienzusammenführung, in deren Rahmen der Kleine auch noch in die Kunst des Fliegens respektive Gleitens eingeweiht werden muss. Dann aber, irgendwann, nehmen die drei doch eigentlich sehr freundlichen Monster Abschied von den Menschen und gleiten in den noch dunklen Morgenhimmel ... bis uns der reichlich skurrile Abspannsong aus der warmen Melancholie dieses Abschieds reißt. „Sayonara Nippon – sayonara Gappa!“, wird da gesungen.
Gappa ist ein Kaijū Eiga, wie er im Buche steht. Genauer genommen ist es sogar ein Kaijū Eiga, wie er in vielen Büchern steht – etwas Neues hat der Streifen nämlich beileibe nicht zu bieten. Stattdessen sehen wir das, was wir immer in den japanischen Monsterfilmen seiner Epoche sehen: Menschliche Charaktere, die uns nicht die Bohne interessieren und ein paar Monster, die ausgewählte Städte zu Klump treten, mit Atemstrahlen, ähm ... herumstrahlen und sich vom Beschuss durch das Militär nicht wirklich stören lassen (zumal sie ohnehin nur in Glücksfällen getroffen werden ...). Dazu gibt’s auch wieder einmal eine tropische Insel mit braun angemalten Japanern (aka „Eingeborene“), die der Handlung mit allerlei nervenden Tänzen die Zeit für Besseres rauben.
Apropos Handlung: Gappa spiegelt fast haargenau das Geschehen im britischen Monsterheuler Gorgo, der sechs Jahre zuvor von Eugène Louriè gedreht wurde – auch dort will eine Riesenechse ihr Junges zurückholen. Mancherorts wird Gappa sogar als ordentliches Remake des britischen Vorbilds gehandelt, obwohl die beiden Skriptautoren Iwao Yamazaki und Ryûzô Nakanishi felsenfest behauptet haben, dass ihnen Eugène Louriès Arbeit unbekannt war. Mag sein, mag nicht sein – an dem, was man hier zu sehen bekommt, ändert es nichts. Und das hinkt seinen Vorbildern doch ein gutes Stück weit hinterher.
Maßgeblich ist dabei, dass Haruyasu Noguchi (in der IMDb fälschlicherweise Hiroshi Noguchi,) und seine Skriptautoren ihre Geschichte furchtbar uninspiriert erzählen, zahlreiche Holperer und Sprünge produzieren (wie kommt zum Beispiel der Jung-Gappa gegen den Willen Funazus urplötzlich von seinem Gefängnis im Institut in ein Netz, das an zwei Zeppelinen hängt?) und keinerlei Interesse für ihr Personal wecken können – zumindest das emotionslose Treiben der menschlichen Mitwirkenden lässt einen vollends kalt. Als Identifikationsfigur kommt im Prinzip nur Itoko infrage, aber die bleibt nicht zuletzt dank des mehr als bedenklichen Frauenbilds, das hier propagiert wird, nur eine Randerscheinung und dauerhaft in der Defensive.
Somit wächst das Gappa-Jungtier zum Sympathieträger heran, nur ... es sieht dermaßen bescheuert aus, dass man es einfach nicht ernst nehmen mag. In Sachen Lächerlichkeit kann es diese Kreatur locker mit Godzillas Sohn Minilla respektive Minya und auch mit Shochikus Guila aufnehmen (noch weiter daneben sind im Genre nur die unsäglichen Doratos, die Tōhō in Godzilla – Duell der Megasaurier auf die Kaijū-Freunde losgelassen hat, aber die sind nicht lächerlich, sondern einfach nur kindisch und doof), und dieser Umstand fordert doch eine Menge Toleranz oder sagen wir einmal ... Einfühlungsvermögen vom Zuschauer.
Dass man in den Sequenzen, an denen der Jung-Gappa beteiligt ist, vor Lachen ein paar Dialogzeilen überhört, sollte derweil nicht tragisch sein – ich denke, dass hier ohnehin schadlos auf die Hälfte aller Dialogzeilen verzichtet werden kann. Umso weniger verzichten möchte man deshalb auf zünftige Monsteraction, und die bekommt man dankenswerterweise auch geboten, obgleich es lange dauert, bis die beiden Eltern-Gappas endlich in Japan einreisen und die erste Stadt in Trümmer legen ... wobei es eigentlich das Militär höchstselbst ist, das den hier betroffenen Ort Atami auslöscht: Dass die Panzer aus allen Rohren auf die Monster feuern, obwohl die sich mitten im dicht bebauten Stadtzentrum befinden, ist schon ein echter Knüller. Auf jeden Fall kracht und blitzt und raucht es im letzten Filmdrittel ausgiebig (allein die Sequenz, in der die Gappas einen Düsenjet nach dem anderen vom Himmel holen, ist ellenlang), und wenn auch niemals die Intensität vergleichbarer Passagen aus dem Hause Tōhō erzielt wird, macht es doch Freude, den eher trägen und debil krächzenden Gappas bei der genrespezifischen Arbeit zuzusehen.
Was ihrem Tun an Wucht und Zielstrebigkeit fehlt, machen sie zu großen Teilen mit ihrer (vorsichtig gesagt) skurrilen Erscheinung wett. An dieser Stelle bliebe zu hinterfragen, inwieweit sie tatsächlich lächerlich sein sollen – mancherorts wird Nikkatsus einzigem Kaijū Eiga nachgesagt, dass es sich bei ihm um eine Parodie oder Satire handelt. Diesen Eindruck hatte ich nicht: Der Streifen folgt beharrlich bis stumpfsinnig den seinerzeit gültigen Gesetzen des Genres, und in denen ist nun mal ein gewisses Maß an absurder Überspitzung festgeschrieben. Man könnte also auch die meisten Godzilla-Streifen der Shōwa-Ära als Parodien respektive Selbstparodien bezeichnen – von Gameras Auftritten oder gar Shochikus Guila ganz zu schweigen. In meinen Augen ist Gappa jedenfalls nicht parodistischer als beispielsweise Ishirô Hondas Die Rückkehr des King Kong, auch wenn man zugegebenermaßen nur schwerlich glauben mag, dass Nikkatsus Gummimonster wirklich ersonnen wurden, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Gleiches gilt aber eben auch für Hondas räudigen Riesenaffen. Um die Kaijū Eiga der Sechziger wirklich parodieren zu wollen, hätte man schon ganz schwere Geschütze auffahren müssen. Gänzlich humorfrei ist Gappa freilich dennoch nicht: Zumindest in der ersten Hälfte des Films gibt es allerlei heftige Kaspereien, für die eigens die Figur des Expeditionsteilnehmers Saburo angelegt wurde. Mit der Rückkehr der Forschungsreisenden nach Japan hat der jedoch seine Schuldigkeit getan und verschwindet in der Versenkung. Nachtrauern dürfte ihm niemand: Der unfreiwillige Humor, den Gappa produziert, ist um Größenordnungen besser als der intendierte.
Auch visuell liegt hier einiges im Argen – zumindest gilt das für die ursprünglich von mir gesehene und schon recht betagte DVD von Mo Asia, der in der OFDb bescheinigt wird, dass sie eine „sehr gute“ Bildqualität aufweist. Davon habe ich nichts gemerkt: In Sachen optischer Grottigkeit kann sie es fast (aber tatsächlich nur fast) mit der Yongary-DVD von Marketing aufnehmen (ein Referenzprodukt!). Der Ärger beginnt schon damit, dass sie nicht die korrekten Bildabmessungen wiedergibt – der kühn im Breitwandformat gedrehte Film läuft in einem kleinen 16:9-Fenster. Die Aufnahmen sehen mindestens so alt aus wie sie sind, es treten beträchtliche Farb- und Helligkeitsschwankungen auf (vor allem in der Schlussphase weiß man des Öfteren nicht, ob nun eigentlich Tag oder Nacht sein soll), das Bild ist vor allem bei dunklen Szenen grieselig und die Schwarzwerte sind verheerend. Zudem ist diese Fassung wie alle einheimischen DVD-Editionen definitiv geschnitten, und zwar vermutlich gleich doppelt: Grundsätzlich beruht sie auf der japanischen Fassung, die selbst schon kürzer als eine ebenfalls noch existierende US-Fassung ist (wobei sogar Monsterszenen entfernt wurden!) und hier noch einmal um Dialogszenen im Finale erleichtert wurde. Im Jahr 2021 hat VV Entertainment jedoch eine schöne Blu-ray-Edition veröffentlicht, die es uns ermöglicht, diesen Film nunmehr in annähernd bestmöglicher Qualität und ungekürzt anzusehen (die ehemals fehlenden Szenen wurden dabei untertitelt). Verglichen mit den alten Versionen sind die bisweilen sogar mit natürlichen und kräftigen Farben gesegneten Breitwandbilder dieser Fassung der reinste Genuss.
Was auch sie nicht ungeschehen machen können, sind freilich massive produktionstechnische Mängel – sprich der völlig außer Kontrolle geratene Weichzeichnereinsatz bei einigen „Insel“-Szenen (man erkennt jenseits des unmittelbaren Bildzentrums kaum noch mehr als verwaschene helle Flächen) und eine Tricktechnik, die objektiv beurteilt selbst im Kontext ihrer Zeit und des Genres schlichtweg peinlich ist. Einen ersten verstörenden Eindruck von ihr erhält man schon beim Anblick des Pappmaché-„Vulkans“ auf der billig im Studio zurechtgebastelten „Obelisk-Insel“, und auch die eingesetzten Schiffsmodelle sind unter aller Kanone, sprich von jedem Kind als Spielzeug in einer größeren Badewanne zu entlarven. Nicht minder deutlich geben sich die Fahrzeuge der japanischen Armee als Plastikmodelle zu erkennen – selten sahen Spielzeugpanzer im Kaijū Eiga mehr nach Spielzeug aus als hier (herrlich ist eine Szene, in denen der Gappa-Vater mit seinem Atemstrahl einen Panzer zum Schmelzen bringt und dieser plötzlich auf dem Rücken liegt).
Ein Fall für die Annalen des Trash-Kinos ist ferner die „Flutwelle“, die Nikkō hinwegspült und ähnlich missraten daherkommt wie ihre „Schwester“, die Bert I. Gordon zehn Jahre später in Food of the Gods aufs Publikum losließ (einer der miesesten Trickeffekte ever), und ein erbärmlicher ausgestattetes Flugzeugcockpit als das hier in einer Szene angebotene habe ich bislang nur in Ed Woods Plan 9 From Outer Space gesehen. Gappa bewegt sich also des Öfteren in unmittelbarer Nähe der Trash-Referenz (als echter Brüller geht übrigens auch ein riesiger „tropischer Vogel“ durch, der auf der Obelisk-Insel leider nur eine knappe Sekunde lang durch den Studio-Dschungel „fliegt“ oder besser gesagt gezogen wird).
Apropos Fliegen ... den Gappas will das ebenfalls nicht ansatzweise glaubhaft gelingen. Wenn sie „fliegen“, dann liegen sie leicht schräg in der Luft und sind dabei einschließlich der Flügel stocksteif – das sieht zum Schießen aus (am schönsten sind die „Landungen“). Ohnehin gehören diese unentwegt debil vor sich hin röhrenden Gappas selbst in ihrer Erwachsenengestalt zu den lächerlichsten Monstern der gesamten Kaijū-Eiga-Historie – wie schon angesprochen könnten sie den einzigen Anhaltspunkt dafür liefern, dass Gappa als Parodie gedacht ist. Ich weiß ehrlich gesagt bis jetzt nicht so recht, was sie eigentlich für Kreaturen sein sollen: Der „Schnabel“ lässt natürlich sofort an Vögel denken, aber der grüne und schuppige Körper, der zweibeinige Gang und der lange Schwanz sprechen doch eher dafür, dass sie zur Familie der Godzilloiden gehören.
Auf jeden Fall sind es aber „Man-in-Suit“-Monster, wie sich’s seinerzeit gehört hat. In dieser Umsetzung tun sie es ihrem koreanischen Altersgenossen Yongary gleich und vermeiden auffallend deutlich jede schnelle Bewegung, was ihnen offensichtlich mehr Glaubwürdigkeit verleihen soll. Im Wesentlichen funktioniert das auch, aber gelegentlich wirken sie doch arg behäbig. Die Modellbauten, die sie kaputtkloppen dürfen, sind etwas schlichter gestaltet als bei der Tōhō-Konkurrenz, leisten aber, was sie leisten müssen und zerfallen mitunter recht originell. Lediglich die unverzichtbaren Stromleitungsmasten, die von den Gappas umgeworfen werden, und einige Schornsteine mit dem gleichen Schicksal benehmen sich entschieden zu modellhaft. Na ja, und Raffinerien hat man schon spektakulärer in Flammen aufgehen sehen als hier.
In Unkosten hat man sich bei Nikkatsu mit den Modellen freilich generell nicht gestürzt: Häuser werden nur in der Atami-Sequenz zerlegt, ansonsten bleibt es spartanisch. Der ausgedehnte Düsenjägereinsatz gegen die Monster findet zum Beispiel auf freiem Feld statt, sodass nur zwei Dutzend Plastikflugzeuge vor der Studiowand von Silvesterpyrotechnik zerlegt werden – was jedoch zugegebenermaßen auch seinen Reiz hat. Regelrecht surreal sind die Bilder des „Finales“, das genau genommen komplett ausfällt – die Gappas treffen auf der weit und breit leeren Rollbahn des Flughafens ihr Kind und gleiten dann zu dritt davon. Immerhin wurden die Atemstrahlen der Gappas weitgehend unfallfrei umgesetzt (auch wenn sie gelegentlich in seltsamen Winkeln abgefeuert werden), und die Pappmaché-Höhle auf der „Insel“ sorgt bei aller Künstlichkeit für ein paar leidlich atmosphärische Momente. Es muss also nicht ausschließlich gemeckert werden.
Mit Blick auf die Darsteller kommt man allerdings kaum um kritische Worte herum, weil Schauspiel in Gappa leider nicht zu finden ist – so sehr man es auch suchen mag. Okay: Lange suchen wird es in einem Film wie diesem sicherlich niemand, aber auch wenn ihnen das Skript nur Monsterheulerdienst nach Vorschrift abverlangt, hätten einige der Darsteller wenigstens so tun können, als wären sie mit Interesse bei der Arbeit. Beim teilnahmslos seine Dialogzeilen aufsagenden Yûji Odaka (als Yuji Kodaka geführt) in der Rolle des Professors Tonooka habe ich davon nichts gespürt, und auch Tamio Kawaji (später immerhin in Takashi Miikes Gozu und Kinji Fukasakus Battles Without Honour and Humanity an Bord) ist als Kurosaki außerordentlich blass. Die seinerzeit viel beschäftigte Yôko Yamamoto (später auch in Miikes Blade of the Immortal zu sehen) hat derweil nicht den Hauch einer Chance, sich darstellerisch zu bewähren – als Itoko bildet sie zwar die wichtigste moralische Instanz, ist aber in erster Linie dazu verdammt, sich dumme Sprüche von Kurosaki anhören zu müssen und letztlich dem chauvinistischen Weltbild des Streifens zu genügen (in der ungeschnittenen Fassung des Streifens gibt sie am Ende sogar offiziell bekannt, dass sie sich an den Herd zurückzieht!). Keisuke Inoue hat schließlich in der Antagonistenrolle des Verlegers Funazu ebenfalls nichts Nennenswertes zu tun, bringt aber wenigstens deutlich mehr Charisma mit als seine Kollegen. Wer in den Gappa-Kostümen steckt, ist leider nicht überliefert.
Der Score stammt zu guter Letzt von Seitarô Ômori und hört sich so kompetent an, dass er eigentlich gar nicht in eine Gurke wie Gappa passt – Ômoris Arbeit verkörpert den filmmusikalischen Zeitgeist der Sechziger und bevorzugt dabei eher leichtere Töne.
Somit bleibt festzustellen, dass Gappa ein wirklich schundiger, sprich billig aussehender, an eigenen Einfällen bettelarmer, ohne jeden Spannungsaufbau erzählter und regelmäßig mit Schwung ins Lächerliche hineinschlitternder Kaijū Eiga ist, der fast durchgehend Malen nach Zahlen betreibt, dabei aber auf allen Ebenen den Vorbildern unterlegen ist, in deren Fahrwasser er Nikkatsu ein paar Yen einspielen sollte. Vor dieser Konkurrenz mussten sich Godzilla und Gamera definitiv nicht fürchten. Parodistische oder gar satirische Züge kann man diesem Streifen jedoch höchstens mit Gewalt abringen, und falls sich die Produzenten tatsächlich in dieser Art geäußert haben sollten, dann lässt sich darin am ehesten eine faule Ausrede für allerlei Schlampereien erkennen: Gappa ist nicht mehr und nicht weniger als ein mieser Film. „Nicht weniger“ deshalb, weil sich zumindest Trash-Freunde mit ihm phasenweise wie im Schlaraffenland fühlen sollten – dem Old-School-Charme der Inselattrappe oder verschwenderisch eingesetzter Modelle aus dem Spielzeugladen kann man sich wirklich nicht entziehen, und die Gappas selbst sind in all ihrer Armseligkeit nachgerade liebenswert. Ramsch hin, Ramsch her also – zumindest ich fand es nicht nur erheiternd, sondern auch faszinierend, so etwas sehen zu dürfen.
(01/25)
8 von 10 Punkten aus der Sicht des Trash- und Kaijū-Eiga-Liebhabers, objektiv mit Ach und Krach 5 von 10.