Gleich doppeltes Ungemach droht dem pensionierten Ehepaar Alicia (Cecilia Roth) und Ignacio (Miguel Ángel Solá) aus einem gehobenen Viertel von Buenos Aires: Nicht nur, daß ihr Sohn Daniel im Zuge eines jahrelangen Sorgerechts- und Unterhaltszahlungsstreits mit seiner ex-Frau diesmal sogar festgenommen wurde, auch ihr aus sehr einfachen Verhältnissen stammendes Hausmädchen Gladys (Yanina Ávila) sitzt hinter Gittern. Bezüglich ihres Sohnes ist die resolute Alicia auch diesmal entschlossen, ihm ein weiteres Mal beizustehen, da sie von seiner Unschuld überzeugt ist - ganz im Gegensatz zu den Richtern, die bei der Hauptverhandlung der Aussage der alleinerziehenden Mutter Marcela Glauben schenken, daß diese von Daniel wiederholt bedroht und schließlich mißbraucht worden ist. Alicia sucht einen Spitzen-Anwalt auf, der ihr durch die Blume erklärt, daß das Urteil mit einer Summe von 400.000$ aufgehoben werden kann - eine Summe, die selbst für die gut situierten Eheleute sehr hoch erscheint.
Ganz anders gestaltet sich die Verhandlung gegen Gladys, ein antriebsloses, in sich gekehrtes Bauernmädchen, das sich kaum artikulieren kann: Nachdem sie einige Jahre genauso unauffällig wie untadelig im Haushalt der Pensionisten gearbeitet hatte, beging sie eines nachts eine unfassbare Tat, die ihre Hausherren genauso wie Richter und Staatsanwälte mit Abscheu erfüllt...
Mit dem Drama Crímenes de familia begibt sich Regisseur Sebastián Schindel wie schon in seinem 2019er El Hijo wieder in die (Un-)Tiefen familiärer Bindungen und läßt seine Akteure nach dem Motto "Blut ist dicker als Wein" agieren - mit teilweise fatalen Folgen. Diesmal stehen ausgesprochene Frauenthemen im Vordergrund - Mutterliebe, Verantwortungsbewußtsein, Mitgefühl, aber auch Lügen, Selbsttäuschung, sexueller Mißbrauch und am Ende auch Reue - und mit Cecilia Roth tritt eine starke Persönlichkeit auf, die - ganz im Gegensatz zu ihrem sich von allem zurückziehenden Gatten - die Zügel fest in die Hand nimmt.
Dabei weiß die ca. 60-jährige, stark gesichtsgeliftete Alicia zunächst weniger durch ihre Entschlossenheit als vielmehr durch die klaglos übernommene Erziehung eines fremden, kleinen Buben (Santi) zu überzeugen, den sie wie einen eigenen Sohn im Haushalt aufgenommen hat. Dessen leibliche Mutter Gladys dagegen ist das genaue Gegenteil: verschlossen und wortkarg wäre sie nicht in der Lage gewesen, den Buben zu erziehen, den sie eines Tages in die Welt setzte, ohne dessen Vater zu kennen. Jetzt sitzt die indigene Frau mit dem pechschwarzen Haar mit schiefem Mund vor Gericht, rechtfertigt sich nicht, erstattet auch ihrem Pflichtverteidiger nicht Bericht über das, was ihr vorgeworfen wird und läßt alles einfach nur stumm über sich ergehen.
Was tatsächlich nachts im Bad passiert ist, verschweigt das Drehbuch geschickt bzw. spielt es erst nach und nach in kurzen Schnipseln ein bzw. läßt später vor Gericht einen Notarzt darüber berichten - und lenkt damit vollends die Aufmerksamkeit auf die verschlossene Haushaltshilfe, deren Handeln ein einziges Fragezeichen darstellt. Während sich das Schicksal des verurteilten Sohns zur Nebensache entwickelt, lüften sich nur langsam die Schleier über Gladys - und beleuchten damit ein für Argentinien offenbar typisches Schicksal, das wir in Europa so nicht (mehr) kennen: in extremer Armut ohne beide Eltern aufgewachsene Mädchen, die keinerlei Schulbildung erfahren und weitgehend sich selbst überlassen werden. Einer Empfehlung einer Freundin folgend, hat Alicia ein solches, zur Frau gewordenes Mädchen und später sogar deren unehelichen Sohn in ihrem Haushalt aufgenommen und muß nun erkennen, daß sie, als gleichermaßen wohlhabender wie dominanter Haushaltsvorstand in gewisser Weise dennoch nicht alles unter Kontrolle hatte.
Wie sich die Geschichte, die über weite Strecken an einen Fernsehfilm erinnert, dann entwickelt, bietet zwar keine allzugroße Überraschung, läßt am Ende aber immerhin Raum für weitergehende Diskussionen. Trotz kleinerer Schwächen (das "späte Bekenntnis" kommt m.E. viel zu schnell und taktisch zur falschen Zeit, das Nebenthema "käufliche Justiz" wird nur am Rande angerissen) ein insgesamt sehenswertes Drama aus Südamerika, in dem besonders die Darstellung der bedauernswerten Gladys durch Yanina Ávila hervorsticht (die, so wird kolportiert, aus jenen beschriebenen ärmlichen Verhältnissen stammt und daher wohl zu einem Gutteil sich selbst spielt). 6 Punkte.