Review

YONGARY

(TAEKOESU YONGGARY)

Kim Ki-duk, Südkorea/Japan 1967

Vorsicht – dieses Review enthält SPOILER!


Da ich unlängst dank meiner Beschäftigung mit den Godzilla-Streifen in bester Riesenmonsterstimmung war, habe ich auch Godzillas jenseits der Tōhō Company zum Leben erweckten Kollegen wieder einmal einen Besuch abgestattet – sprich Gappa aus dem Hause Nikkatsu, Guila aka Guilala aus dem Hause Shochiku und natürlich auch Gamera aus dem Hause Daiei. Sie alle sorgten Mitte der Sechziger gemeinsam mit Godzilla für eine kurze Trash-„Blütezeit“ in der Kaijū-Eiga-Historie – Gamera debütierte 1965 in den Lichtspielhäusern, und Gappa beziehungsweise die Gappas sowie Guila jeweils im Jahr 1967 (als sich Godzilla selbst in Frankensteins Monster jagen Godzillas Sohn ordentlich zum Klops gemacht hat). Aber die Welle der Riesenmonster-Euphorie oder besser Riesenmonstergeschäfts-Euphorie schwappte sogar über Japans Landesgrenze hinweg: Ebenfalls im Kaijū-Eiga-Schicksalsjahr 1967 erschien in Südkorea der hier betrachtete Streifen, der in Deutschland unter dem idiotischen Betrugstitel Godzillas Todespranke geführt wird – mit Godzilla hat Kim Ki-duks Film rein gar nichts zu tun, außer dass der Große Grüne seinem Titelmonster Yongary sehr deutlich als Vorbild diente. Und nein, natürlich reden wir hier nicht von jenem berühmten Kim Ki-duk, der später (beginnend 1996 mit Crocodile) seine Anhängerschaft, das versammelte Feuilleton und vor allem diverse Festival-Jurys mit einer Reihe verstörender, abstoßender und kranker, im Idealfall aber auch wirklich großartiger Arthaus-Arbeiten begeistert hat und Ende 2020 einer SARS-CoV-2-Infektion erlag. Wir reden vielmehr von seinem deutlich früher tätigen Namensvetter, der zwischen 1961 und 1977 immerhin auch gut zwanzig Filme gedreht hat. Und damit zu seinem Yongary.

Korea, irgendwo auf dem Gelände einer Raketenstartbasis: Hier heiratet gerade der Astronaut Kwang-nam (in der deutschen Fassung kurz Kwang genannt, wir bleiben hier bei den Vornamen) die Tochter des offensichtlich für die Raumfahrtbehörde tätigen Professors Yoo (mit ihrem Vornamen wird’s allerdings nichts, weil man den nie zu hören bekommt und er auch einschlägigen Quellen nicht zu entnehmen ist). Deren Schwester Soon-a ist auch anwesend und würde ihrerseits gern den jungen Wissenschaftler Il-woo (hier „Illu“ gesprochen, was nicht völlig verkehrt ist) ehelichen, aber der scheint von ihrer Zuneigung nichts zu bemerken beziehungsweise fühlt sich so stark der Wissenschaft verpflichtet, dass er keine Zeit für Liebschaften hat. Wichtig ist das alles nicht die Bohne, aber wir haben nun schon einmal die zentralen menschlichen Mitwirkenden kennengelernt – bis auf einen, der sogar der allerzentralste sein wird. Zunächst aber fehlt er, wie Brautpaar und Gäste feststellen, ohne darüber in ernstliche Sorge zu geraten.

Nachdem die frisch Vermählten die Hochzeitsreise angetreten haben, wird das Auto, in dem sie sitzen, auf einer Landstraße überfallen. Das heißt, dass die beiden plötzlich unter starkem Juckreiz leiden, weil jemand aus dem Hinterhalt mit einer seltsamen Strahlenwaffe beziehungsweise „Lichtpistole“ (ein kleiner Kasten, der blaues Licht aussendet) auf sie schießt. Als ihr Fahrer angehalten hat und sie ausgestiegen sind, gibt sich der niederträchtige Juckreizstrahlenschütze zu erkennen: Es ist derjenige, der bei der Hochzeitsfeier gefehlt hat – er heißt Young, ist Soon-as Bruder und offenbar Il-woos Neffe und etwa acht Jahre alt ... Vor allem aber nervt er und geht einem von seiner ersten Leinwandsekunde an auf den Zeiger, woran auch sein sehr lasch mit ihm verfahrendes Erwachsenenumfeld eine beträchtliche Mitschuld trägt. Dass er (als Achtjähriger!) der Hochzeitsfeier fern geblieben ist und sich stattdessen irgendwo im Gelände herumtreibt, um mit einer aus Il-woos Labor gestohlenen und noch nicht einmal auf mögliche Nebenwirkungen geprüften Lichtpistole auf junge Eheleute zu schießen, wird ihm beispielsweise keine drei Sekunden lang übel genommen – dann freut sich auch Il-woo darüber, dass die Sache dem kleinen Blödmann „Spaß gemacht“ hat. Angesichts dessen darf man Böses ahnen ... und leider zu Recht.

Zunächst aber langsam einmal zum Wesentlichen: Kwang wird, kaum dass er im luxuriösen Hochzeitshotel angekommen ist, zurück ins Raumfahrtzentrum beordert – er soll, und dies ist ein Befehl, mit einer Rakete starten und einen Atombombentest im Mittleren Osten beobachten (muss man deswegen in Südkorea eine Weltraumrakete losschicken?). Natürlich macht sich Kwang unverzüglich mit der schon startbereiten Rakete auf in den Orbit, beobachtet ohne erkennbaren Sinn den Atombombentest und kommt nach einer mittelbedrohlichen Kommunikationspanne auch glücklich wieder zurück. All das ist aber genau genommen ebenfalls schnurz und soll lediglich unsere Aufmerksamkeit auf den Nuklearwaffentest lenken, der als Auslöser der nun folgenden und endlich auch relevanten Handlung gebraucht wird.

Also los: Der besagte Test hat im chinesischen Liautung ein Erdbeben ausgelöst, und das ist kein normales Beben, denn sein „Schwerpunkt“, also das Epizentrum, bewegt sich und wandert auf Seoul zu (es ist also eine Art Dauer-Erdbeben ...)! Der Krisenstab tagt, freut sich über die zugesagte Hilfe der UNO und beschließt, auch japanische Experten hinzuzuziehen. Darüber, ob und inwieweit man die Bevölkerung aufschrecken soll, muss allerdings noch diskutiert werden. Am Ende erhält der Militärchef die Befehlsgewalt und die Lage wird leicht unübersichtlich: Der Notstand wird ausgerufen, die Bürger werden aufgefordert, sich in die Wohnungen zurückzuziehen und später findet doch eine hektische Evakuierung statt. Derweil wandert das Beben beziehungsweise sein Epizentrum munter weiter und sorgt nun auch für Schäden: Die Erde reißt auf, erste Gebäude stürzen ein (ganz am Rande bemerkt müsste das Beben erst einmal durch Nordkorea wandern ... davon fällt hier kein Wort) und schließlich wackelt ein ganzes Gebirge – bis das „Erdbeben“ der Tiefe entsteigt. Natürlich ist es kein Beben, sondern unser vierzig, fünfzig Meter hohes Godzilla-Gedächtnis-Titelmonster mit Horn auf der Nase, das warum auch immer nach Seoul will (also das Monster und nicht nur das Horn) und für seine Wanderung ab sofort die frische Luft bevorzugt.

Im nunmehr permanent tagenden Krisenstab tauft man den ungebetenen Gast einer alten Überlieferung folgend einträchtig auf den Namen „Yongary“ (in der vorliegenden deutschen Synchronisation sinnloserweise englisch ausgesprochen) ... und schickt die Panzer ins Gefecht, die wie fest im Genre eingeschrieben nichts gegen das Monster ausrichten können und reihenweise zertrampelt oder von seinem feurigen Atemstrahl (über den verfügen auch südkoreanische Monster) abgefackelt werden. Während der Titelheld nun weiterhin dumpf in Richtung Seoul marschiert, hat sich Il-woo auf die Fahnen geschrieben, eine Waffe gegen ihn zu ersinnen. Gute Idee, denn Yongary erreicht bald die Stadt und beginnt sie humor- und emotionslos zu zerlegen ...

Il-woo hofft nun, Inspiration für seine Yongary-Bekämpfungsstrategie zu finden, wenn er sich das Monster einmal aus der Nähe ansieht und eilt in die Stadt. Das ist eine vorzügliche Gelegenheit für Young, seine Angehörigen und uns zu nerven, und so rennt er Il-woo hinterher, so laut und entschieden man ihn auch zurückzupfeifen versucht – auf Erwachsene zu hören, wäre das Letzte, was er tun würde. Soon-a, gute Schwester, die sie ist, sprintet natürlich ihrerseits Yang hinterher, auch wenn das akut lebensbedrohlich ist. Irgendwann finden die drei wie durch ein Wunder zusammen, aber inmitten des Tumults, den das Monster veranstaltet, geht Young kurz darauf verloren. Leider fällt ihm kein Hochhaus auf die Mütze – vielmehr kann er sich in die Kanalisation flüchten, während Il-woo und Soon-a um ihres Lebens willen den Heimweg antreten. Eine Yongary-Bekämpfungsstrategie ist Il-woo bei seiner Aktion natürlich nicht eingefallen.

Young findet derweil leider wieder aus der Kanalisation heraus und beobachtet etwas Wichtiges: Yongary macht sich nämlich wie jedes ordentliche Riesenmonster über die nächstbeste Ölraffinerie her – allerdings zerlegt er sie nicht, sondern trinkt aus einem der Tanks das leckere Öl. Superheld Young geht zur Gegenoffensive über, ruft Yongary ein schneidiges „Dir werd ich’s zeigen!“ zu (!!), rennt in das Raffineriegebäude (!!) und dreht den Haupthahn für die Ölversorgung ab. Damit hat er allerdings auch die Logik-Versorgung des Geschehens abgedreht, denn was folgt, will nicht so recht einleuchten: Der Tank, aus dem Yongary trinkt, ist scheinbar plötzlich leer, und so bekommt das Monster einen Wutanfall und schleudert ihn weg, woraufhin spontan alle anderen Öltanks der Raffinerie explodieren (sie mussten demnach noch gut gefüllt gewesen sein). Egal – in der Nähe stehen noch ein paar baufällige „Verwaltungsgebäude und andere Anlagen“ der Raffinerie herum, die Yongary in Stücke hauen kann. Kaum hat er damit begonnen, beginnt er sich unvermittelt am ganzen Körper zu kratzen (das Skript hat’s mit dem Juckreiz) – was vermuten lässt, dass ihm das Öl nicht bekommen ist oder er allergisch auf irgendetwas in der Fabrik Gelagertes reagiert. Wir werden’s noch erfahren.

Zunächst rennt Young nach Hause und berichtet Il-woo von seinem Heldenstreich (das Skript tut so, als wäre er der einzige Mensch auf der Welt, der Yongarys Treiben beobachtet hat – arrgh!). Il-woo schlussfolgert daraus (natürlich als einziger Mensch auf der Welt) drohendes Ungemach und macht sich auf, um dem unwissenden Krisenstab auf die Sprünge zu helfen und das Militär von unbedachten Handlungen abzuhalten – wobei ihm selbstredend wieder Young hinterherrennt, so laut und entschieden man ihn auch zurückzupfeifen versucht (arrrgh!!). Tatsächlich will der befehlshabende General seine Truppen gerade mit Raketen auf das Monster losgehen lassen, aber Il-woo doziert, dass der Öltrinker Yongary, der immer auf der Suche nach „heißen Energiequellen“ sei, aus den Geschossen beziehungsweise ihren Explosionen wie auch immer noch zusätzliche Kraft schöpfen könnte (war das Öl im Tank heiß?).

Die Anwesenden verstehen diesen Unsinn indes genauso wenig wie erwartet werden musste und beharren auf dem Einsatz der Artillerie. Immerhin kann Il-woo sie dazu überreden, das Monster vorher aus der Stadt zu locken, um selbige vor der endgültigen Vernichtung durch explodierende Raketen zu bewahren (schön, dass mal jemand vorbeikam und die Krisenstäbler auf diesen Aspekt aufmerksam gemacht hat).

Mit einem solchen Teilerfolg in der Tasche kann sich Il-woo zurück in sein Labor begeben und weiter an einer Yongary-Bekämpfungsstrategie basteln. Und es gelingt! Nach kurzer Zeit hat er eine Flüssigkeit zusammengebraut, von der er kühn behauptet: „Nach meinen Berechnungen ist das das Einzige, was Yongary stoppen kann.“ Dass das, was er da so schön berechnet (!!) hat, nur eine lausige Ammoniaklösung oder besser ein „Ammoniakkonzentrat“ ist, mag seine Leistung ein wenig schmälern, aber am Ende wird ausschlaggebend sein, ob sie wirkt. Das soll natürlich umgehend getestet werden, und so macht sich Il-woo mit Soon-a und ihrer vornamenlosen Schwester auf den Weg, um seine Ammoniaklösung in einen Hubschrauber zu verfrachten und dem Monster auf den Kopf zu schütten. Was die Frauen dabei zu schaffen haben, ist unklar, aber zumindest darf Soon-as Schwester unterwegs die Frage des Tages stellen: „Wo ist Young?

Dort, wo man ihn hinwünscht, also in der Hölle, ist er leider nicht, denn er klaut erneut die Lichtpistole aus Il-woos Labor und mischt wieder kräftig bei der Yongary-Bekämpfung mit. So lockt er das Monster mit Lichtpistolenstrahlen endlich aus der Stadt heraus, was allen anderen bislang noch nicht gelungen war. Planmäßig gelangt Yongary zu einer weiteren Ölraffinerie und saugt dort erst einmal gierig die Flammen eines brennenden Tanks auf – frische Energie eben. Die nutzt ihm aber wenig, denn kaum hat er seine Mahlzeit beendet, sieht er sich gleich mit zwei Mordversuchen konfrontiert: Von oben schüttet Il-woo sein Ammoniakkonzentrat auf ihn herunter, und von unten beschießt ihn die Artillerie mit Raketen. Das haut das stärkste Monster um – Yongary kratzt sich noch ein Weilchen und sinkt dann tot hernieder. Während wir uns sicher sind, dass Il-woos Ammoniak in dieser Sache die Entscheidung herbeigeführt hat (obgleich Il-woo nun einräumt, dass er noch erforschen muss, wie sein Wunderammoniakkonzentrat wirkt – und ich dachte, er hat es berechnet ...), beansprucht das Militär den Sieg für sich und lässt die Sektkorken knallen. Zu früh ...

Yongary ist nämlich noch lange nicht dahingeschieden, sondern nur ohnmächtig. Nächster Auftritt Young (arrrgh!!): Der turnt nämlich immer noch (oder schon wieder, denn er trägt frische Klamotten) mit seiner, ähm ... mit Il-woos Lichtpistole durch die Nacht und strahlt damit das friedlich und von Gott und der Welt unbeachtet herumliegende Monster an. Tolle Idee: Yongary räkelt sich ein wenig und geht dann wieder seiner heiligen Riesenmonsterpflicht nach, das heißt er rückt unter dem baldigen und traditionell unfruchtbaren Beschuss durchs Militär erneut in Seoul ein und zertrümmert, was noch so an Bauwerken herumsteht. Interessanterweise ist es bei ihm noch dunkel, während die Menschen in den Parallelszenen längst das Tageslicht genießen dürfen. Als Yongary an einen Fluss gelangt ist, eine Brücke auseinandergenommen und ein paar wieder einmal sinnlos tief fliegende Düsenjets aus der Luft gepflückt hat, trifft ihn allerdings doch das Schicksal – oder besser gesagt das Ammoniak: Il-woo kommt samt Yoo-Frauen und Young (der diesmal nicht in Eigenregie unterwegs ist!) schon wieder mit dem Hubschrauber angeflogen und kippt mehr von seiner Monsterbekämpfungslösung auf den Titelhelden, als der Heli eigentlich davon mitführen kann. Das ist nun endgültig genug – Yongary kann noch schnell eine weitere Brücke zerlegen und fällt dann in das Flussbett, um dort zu verenden. Und er verendet wirklich: Man sieht noch eine ganze Weile lang wortwörtlich seine letzten Zuckungen und aus seinem Hinterteil hellrotes Blut austreten, weshalb das nun einsetzende Gelächter der Menschen im Hubschrauber ziemlich pietätlos wirkt. Die letzten Worte gehören dann auch diesen Menschen: „Weißt du, ob Yong o wollte?“, fragt Kwangs Frau den erfolgreichen Ammoniakkonzentrat-Berechner. „Es war ein Ungeheuer“, antwortet Il-woo, und Soon-a fügt an: „Wir haben glaub ich genug philoso.“ Genau so sagen sie’s. Der „Ende“-Schriftzug wird eingeblendet.

Was für ein Schluss. Er weist mit seinen Ton-Aussetzern noch einmal ganz präzise auf den grausigen Zustand der vorliegenden deutschen Yongary-DVD-Fassung hin und kommt auch, nun ja – etwas abrupt. Kunststück: Es ist nämlich gar nicht der Schluss des Films, sondern eine weitere Eigenheit ebenjener deutschen Fassung. Dazu folgen aber später noch ein paar Bemerkungen. Zunächst soll mit Blick auf das Finale noch angefügt werden, dass Yongarys Ende ein ganz und gar trauriges ist. Wenn man ihn zuckend und blutend im Flussbett sieht, kann einem das wirklich nahegehen, nicht zuletzt deshalb, weil es kaum einen triftigen Grund gibt, ihm böse zu sein. Klar, er hat halb Seoul und eine steinalte Ölraffinerie zu Klump gehauen, aber das war nun einmal seine heilige Riesenmonsterpflicht und zudem fast vollkommen abstrakt (wir reden schließlich von Modellbauten, die in keiner Beziehung zu den Handelnden standen), und dass er einen (und nur diesen einen) Menschen verspeist hat, war vielleicht, ähm ... ein Ausrutscher.

Wirklich vorwerfen kann man dem Monster nur die fatale Unterlassungssünde, jenen nervenden und zum Helden hochstilisierten Achtjährigen, der „Dir wird ich’s zeigen!“ zu ihm sagt (auch wenn er’s kaum gehört haben dürfte ...), nicht zu Mus getrampelt zu haben. Generell wirkt Yongary aber eher müde als boshaft, und wenn er sich ewig wegen seiner Ammoniak-Allergie kratzen muss (das Ammoniak war offenbar in den „anderen Anlagen“ der Ölraffinerie zu finden), dann kann er sogar Mitleid erregen. Yongary ist demnach ein ziemlich armseliges Monster, was leider auch dazu führt, dass der vorliegende Film nie spannend oder gar aufregend ist. Godzillas Todespranke (noch mal: was für ein Blödsinn!) oder eben besser Yongary dümpelt eher im Schongang vor sich hin und entwickelt nicht einmal in seinen Actionszenen Wucht und Intensität – so lustlos wie hier habe ich noch kein Monster Großstädte zerlegen sehen. Aber gut – immerhin zerlegt Yongary ganze Stadtviertel und die Kaijū-Eiga-Pflicht-Raffinerie, und wenn das ein träges Monster macht, dann ist es allemal sehr viel besser als wenn’s gar keiner täte.

In dieser Hinsicht will ich Kim Ki-duks Arbeit also keine Vorwürfe machen, ebenso wenig wie mit Blick auf ihren Inhalt, obgleich der sehr wohl kritikwürdig ist: Genau genommen spult Yongary lediglich das kleine Kaijū-Eiga-Einmaleins ab – ein Riesenmonster wird durch Erdbeben oder Kernwaffentests (beziehungsweise beides) aus dem Schlaf geweckt, macht sich auf den Weg in eine Großstadt, wird trotz schwerster Geschütze erfolglos von der Armee beschossen, demoliert in der gewählten Stadt an Gebäuden, was ihm vor die Pranken kommt und wird am Ende dank einer mehr oder weniger absurden Idee des oder der Helden besiegt, während zwischendurch die Regierung mit Gelehrten und Generälen Beratungen zum weiteren Vorgehen abhält.

Nichts ist hier neu, aber als Freund des gegebenen Subgenres weiß man immerhin, was man am Alten hat und erwartet nicht zwingend Tiefgang und Komplexität. Ganz tief ins Klo gegriffen haben Kim Ki-duk und sein Koautor Seo Yun-sung (der bisweilen auch als Koregisseur genannt wird) allerdings mit ihrer Kinderfigur Young. Möglicherweise war der zwei Jahre zuvor in Japan erschienene erste Gamera-Streifen, der als Geburtsstunde des prominenten Mitwirkens von Grundschülern im Kaijū Eiga gelten darf (fürwahr eine schwarze Stunde!), recht erfolgreich, sodass man auch in Korea ein sehr junges Publikum ansprechen wollte (Frankensteins Monster jagen Godzillas Sohn erschien im gleichen Jahr wie Yongary, kann also eigentlich keinen Einfluss ausgeübt haben). Unabhängig von Hintergründen und Motiven ist Young aber zumindest in meinen Augen ein absolut unerträgliches Kind – das unerträglichste sogar, das mir bislang in einem ostasiatischen Monsterstreifen begegnet ist. Selbst Ken in Frankensteins Kampf gegen die Teufelsmonster oder Ichirô in Godzilla: Attack All Monsters haben mich nicht so genervt wie der notorische Ausreißer und Lichtpistolendieb Young. Und das will etwas heißen. Damit sollte eigentlich der ganze Film beerdigt sein, aber unter dem Strich ist meine Zuneigung zu seinem unglücklichen Monster doch größer als der Ärger über einen nervtötenden Achtjährigen, über den ich mich nun genug aufgeregt habe.

Man könnte sich allerdings doch noch mehr über ihn aufregen, wenn man die US-Fassung dieses Streifens anschaut, die dankenswerterweise auf vermutlich allen hiesigen Veröffentlichungen enthalten ist – so auch auf der Marketing-DVD. Diese US-Fassung ist ungekürzt und damit deutlich, sprich knapp dreizehn Minuten länger als die extrem verstümmelte deutsche Version des Films. Im vollständigen Original kommt man auch in den zweifelhaften Genuss der gesamten Schluss-Sequenz, in der sich Il-woo und die Yoo-Family bei einem üppigen Empfang von Regierung und Presse ausgiebig feiern lassen dürfen. Bei Weitem am ausgiebigsten darf sich aber, wir ahnen es ... Young feiern lassen, mit dem ein ellenlanges Interview geführt wird – arrrgh! Schon aufgrund dieser Sequenz ist die deutsche Fassung unbedingt vorzuziehen.

Allerdings bringt die US-Fassung noch zwei weitere wichtige Sequenzen mit – beziehungsweise eine wichtige und eine maximal unwichtige, dafür aber selten bescheuerte. Die erste zeigt uns, wie Il-woo in der Nacht nach dem ersten Ammoniak-Einsatz gegen Yongary noch weiter an seinem Monsterbekämpfungskonzentrat arbeitet, während die Frauen und Kwang auf Stühlen herumsitzen und eingeschlafen sind. Irgendwann hat Il-woo schließlich zusammengepanscht, was er zusammenpanschen wollte, freut sich über die Vollendung seiner Arbeit (ohne zu wissen, ob die in praxi überhaupt wirksam ist) und wird von den aufgewachten anderen Anwesenden lautstark zum Genie erklärt. Auftritt Young: Der hat sich inzwischen tatsächlich umgezogen und gewaschen, klaut nun zum dritten Mal Il-woos Lichtpistole, schleicht sich aus dem Haus und marschiert wieder in Richtung Yongary. Das ist dann auch schon der Übergang zur genannten unwichtigen, aber selten bescheuerten Sequenz, die dafür spricht, dass ihre Urheber für kurze Zeit völlig den Verstand verloren hatten: Nachdem Young das einsam und friedlich schlummernde Monster durch Lichtpistolenbeschuss geweckt hat, beginnen die beiden tatsächlich zu einem auf der Tonspur eingespielten Rock’n’Roll-Titel zu tanzen! Noch einmal: Young und das Monster tanzen (!!), und dies mit hier extrem unangebrachter Fröhlichkeit, wobei Yongary übrigens eine deutlich bessere Figur macht als der debil herumhampelnde Junge. O.M.G.

Okay: Das spricht nun wieder für die US-Fassung, denn so etwas sieht man selbst als Trash-Liebhaber nur alle Jubeljahre einmal. Aber auch sonst bekommt man in dieser Eigenschaft allerlei Denkwürdiges geboten – vornehmlich im visuellen und technischen Bereich. Kehren wir bei dessen Betrachtung zunächst zurück zur deutschen Yongary-Fassung, und schon die macht ungeachtet ihres viel versprechenden Breitwandformats einen derart grottigen Eindruck, dass man meinen kann, das Filmmaterial wurde in Schnipseln aus einer Mülltonne gefischt und notdürftig zusammengetackert. Dafür sprechen zumindest zahllose Filmrisse, in deren Folge es quasi laufend zu kurzen Bild- und Tonaussetzern kommt. Bei den Bildern spielt dies keine fundamentale Rolle, aber den Dialogen bekommt es schlecht – so muss man Sachen wie „Wiegertochter“, „ablut“ (statt absolut), „zinden“ (statt zu finden) oder eben „philoso“ anhören, und im schlimmsten Fall fehlen halbe Sätze. Hinzu kommen Verschmutzungen, allerlei Beschädigungen (wie ein gelber Laufstreifen, der nicht so schnell verschwinden möchte) und generell eine grausige Bildqualität: Die Farben sind ausgewaschen und beständigen Wechseln unterworfen, und mitunter verabschieden sich einige von ihnen vollständig – es gibt Passagen, in denen man meinen kann, einen blau viragierten Schwarz-Weiß-Film zu sehen. Das Sahnehäubchen sind schließlich die Tag-und-Nacht-Wechsel im Finale, die selbst ein Ed Wood nicht besser hinbekommen hätte.

Auch tricktechnisch ist Yongary mehr als bedenklich und bringt auf diesem Gebiet sogar drei legendäre Ausrutscher mit: An einer Stelle ist der Versuch, die Beine des Monsters in eine Straße einzukopieren, dramatisch gescheitert, weil eben diese Beine in grellem Orange leuchten, in der gleichen Passage sieht man am Vorderteil eines durch Strahlen aus Yongarys Horn zweigeteilten Jeeps ein zusätzliches Stützrad und mehrfach ist überdeutlich die Düse beziehungsweise das Rohr zu erkennen, aus dem Yongarys feuriger Atemstrahl kommt. Das sind wirklich unverzeihliche Patzer, die nie und nimmer im fertigen Film hätten auftauchen dürfen. Über sie hinaus sind selbstredend auch noch kleinere Mängel zu verzeichnen – so wirken Flammen unglaubwürdig, weil ihnen anzusehen ist, dass es nur kleine Flämmchen sind, die echtes Feuer (zum Beispiel bei den brennenden Erdöltanks) doubeln sollen, und die Panzer der südkoreanischen Armee kann jedes Kind als Spielzeug entlarven.

Ein paar Rückprojektionen sind hingegen recht ordentlich geraten, und der Start der Rakete, aus der heraus Kwang den Atomwaffentest im „Mittleren Osten“ beobachtet, hat mich sogar kurzzeitig vermuten lassen, dass es sich dabei um Stock Footage handelt. Die Modellbauten kann man ebenfalls durchwinken – sie sind deutlich weniger detailreich als diejenigen der japanischen Tōhō-Konkurrenz (und zerfallen in größere Einzelteile), erfüllen ihren traurigen Zweck aber hinreichend. Yongary selbst ist schließlich ... nun ja, nicht gleich lächerlich, aber auch kein ernsthaft für Angst und Schrecken sorgendes Monster. Es handelt sich um eine handelsübliche Man-in-Suit-Riesenechse im Stil Godzillas, die deutlich schlanker ist als ihr berühmter Nippon-Kollege, ein großes Horn auf der Nase trägt und von vorn betrachtet aussieht, als würde sie lachen (was man eben durchaus als freundlich interpretieren kann). Insgesamt sind Kostüm und Design brauchbar, obgleich sich über das Horn ganz sicher streiten lässt und die Augen in manchen Einstellungen aussehen, als hätte man sie aus Papier ausgeschnitten, mit einer Pupille bemalt und aufgeklebt. Eingedenk all dessen ist es für Südkoreas ersten (und bis zu einem späten Remake wohl auch letzten) „klassischen“ Kaijū Eiga nur noch ein Katzensprung bis zum Trash-Olymp.

Kommen wir aber noch einmal zurück zur US-Fassung dieses Streifens – die hat nämlich in puncto grottiger Optik noch ein paar zusätzliche Highlights auf Lager. Dabei ist die schauderhafte Bildqualität noch das geringere Übel, aber auch schon denkwürdig: Was in der deutschen Fassung an Farben fehlt, ist anscheinend hierher geraten – die Bilder wirken zum Teil krass übersättigt, erfreuen sich auch innerhalb einzelner Einstellungen an Farbwechseln und kommen nur allzu gern mit einem fetten, ins Gelbe spielenden Grünstich daher. Damit lässt sich bei guter Konstitution noch halbwegs leben, aber absolut indiskutabel ist die Bildabmessung: Die US-Fassung liegt im antiken 1.33:1-Format vor, und das entstand dadurch, dass von den Breitwandbildern des Originals einfach links und rechts ein großes Stück abgeschnitten wurde. Die Folge ist, dass man von allem, was nicht zentral verortet ist, nur noch Teile oder schlimmstenfalls gar nichts mehr sieht, wie von Personen in sämtlichen Dialogszenen oder auch Yongary selbst: In der Szene, in der das Monster von Young beobachtet Öl trinkt, ist es beispielsweise überhaupt nicht im Bild! Unglaublich. Ein derartig barbarisches Vorgehen ist schwer zu erklären – möglicherweise wollte man den Film für eine TV-Ausstrahlung „konvertieren“.

Zu den Darstellern ist derweil wenig zu sagen – ihre Namen dürften vermutlich selbst in der südkoreanischen Heimat nur den wenigsten Filmfreunden bekannt sein, und zudem gibt es in Yongary wie im Kaijū Eiga üblich nur herzlich wenig bis gar nichts zu schauspielern. In der Hauptrolle macht Oh Yeong-il als Wissenschaftler und Riesenmonsterbekämpfungsammoniakkonzentrat-„Erfinder“ Il-woo weitgehend unauffällig und leider auch recht ausstrahlungsarm sein Ding, was ebenso für Lee Soon-jae als Astronaut Kwang-nam gilt, der freilich nach seinem Nuklearwaffenbeobachtungsflug ohnehin fast völlig abtaucht. Deutlich memorabler ist der Auftritt der niedlichen Nam Jeong-im als Soon-a, und noch länger wird man sich möglicherweise, wenn auch vornehmlich in Albträumen, an den Kinderdarsteller Lee Kwang Ho erinnern, der uns als Young nicht nur rollenbedingt rüde auf den Nerven herumtrampelt, sondern auch schon grundsätzlich eher unsympathisch ist – ich will ja wirklich nicht ständig auf ihm respektive seiner Figur herumhacken, aber sein Grinsen fand ich in einigen Momenten regelrecht diabolisch.

Unbedingt erwähnt und für seine Arbeit gewürdigt werden soll selbstverständlich auch noch Cho Kyoung-min, der im Yongary-Suit steckt und das Monster zum Leinwandleben erweckt. Er macht das gut und scheint vor allem verinnerlicht zu haben, dass ein schweres Vierzig- oder Fünfzig-Meter-Reptil nicht wie ein junges Reh durch die Gegend springt – etwas zügiger als er es bisweilen tut, hätte er sich aber getrost bewegen können. Der Score von Jeon Jeong-geun ist schließlich nicht zuletzt im Kontext seiner Entstehungszeit ziemlich seltsam und kommt mit sehr sparsam instrumentierten und des Öfteren auch schrägen Motiven daher. Dahinter ist zweifelsfrei das Bemühen erkennbar, eine bedrohliche Atmosphäre zu erzeugen, aber in der Regel sind Jeon Jeong-geuns Kompositionen eher aufdringlich und anstrengend als im intendierten Sinn wirksam. Eine sehr nachhaltige Erfahrung kann man übrigens mit dieser Musik machen, wenn man im Menü der Marketing-DVD navigiert, denn das ist mit einem kurzen und daher in schneller Folge wiederholten Motiv des Scores unterlegt – wenn man sich dem länger als eine Minute lang aussetzt, ist man definitiv reif für die Psychiatrie.

Somit bleibt festzustellen, dass Südkoreas Versuch, die großen japanischen Vorbilder in Sachen Riesenmonsterkino herauszufordern, vielleicht nicht gleich mit Pauken und Trompeten, aber doch mindestens mit Pauken gescheitert ist – Yongary liefert inhaltlich nur vorgekaute Kost, leistet sich extrem peinliche „Spezialeffekte“ und säuft mit seiner fürchterlich geschriebenen Kinderfigur fast endgültig ab. Zum Glück sollte es aber noch aufrechte Kaijū-Eiga- und Trash-Liebhaber geben, die auch ein paar Vorzüge des Streifens zu sehen bereit sind. Zu diesen Vorzügen gehören der wundervolle Old-School-Charme, mit dem Yongary daherkommt, die großzügig bemessene Screentime seines Titelmonsters und eine beträchtliche Menge an unfreiwilligem Humor (womit einer der Mängel ins Gegenteil verkehrt ist). Ich für meinen Teil fand diesen Film in all seiner Unvollkommenheit fast anrührend, und wenn ich heute, nach zwei, drei Tagen, an ihn zurückdenke, dann denke ich an sein Monster – und nicht mehr an den lästigen Jungen. Das ist ein gutes Zeichen, und damit be ich auch nug geschrie.

PS: Im Jahr 1999 wurde als südkoreanisch-amerikanische Koproduktion eine Art überarbeitetes Remake beziehungsweise eine Neuinterpretation des Yongary-Themas gedreht. Der unter dem internationalen Titel Reptilian (im Original 2001 Yonggary) geführte Streifen gilt allerdings als wirklich grottenschlecht. So etwas sollte man eigentlich einmal im Auge behalten ...

(11/24)

Knappe 8 von 10 Punkten aus der Sicht des Kaijū-Eiga- und Trash-Liebhabers, objektiv ... oh je.





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