In einer nächtlich erleuchteten Metropole erreicht ein Motorradfahrer ein altes, heruntergekommenes Hotel, wo er ein Zimmer belegt. Eigentlich ist der schnauzbärtige Mittdreißiger Franco (Tenoch Huerta) auf der Suche nach seiner Schwester, die er schon lange nicht mehr gesehen hat und über deren Verbleib er an diesem Ort Informationen zu erlangen sucht. Doch nachts hört er merkwürdige Geräusche und wird von seltsamen Alpträumen geplagt; bei den anderen Gästen (oder Dauerbewohnern) des weitläufigen Hotels scheint es sich durchweg um skurrile Gestalten zu handeln: Neben der vertraulich zwinkernden Rezeptionistin (und einem Quasimodo-Verschnitt als Haus-Klempner) finden sich Edelnutten, eine ältere Liliputanerin, eine Albinofrau, die hellsehen kann (und ihre strenge Gouvernante) oder auch ein älterer schriftstellernder Trompetenspieler, der mit einer jungen, drogensüchtigen Sängerin Chansons probt. Überhaupt kommt Franco alles an diesem morbiden Ort äußerst seltsam vor, jeder scheint Geheimnisse zu haben und gibt ihm versteckte Hinweise. Am deutlichsten tut dies die Prostituierte Rubí (Eréndira Ibarra), der er galant auf die Beine hilft, nachdem sie von ihrem Zuhälter auf der Treppe geschlagen worden ist: Sie sagt, sie hätte seine Ankunft bereits erwartet und möchte sich ihm anschließen - doch der skeptisch dreinblickende Franco macht ihr klar, daß er grundsätzlich solo unterwegs ist. Das ist auch verständlich, denn wie sich bald herausstellt ist er ein Aussteiger aus der kriminellen Gang des lokalen Paten Max, will nur seine Schwester finden und in keine Affäre hineingezogen werden. Doch Rubís hartnäckiges Werben hat irgendwann Erfolg und der entschlossene Franco nimmt sie mit - zu einem Raubüberfall...
Mit der mexikanischen Produktion Fuego Negro (zu deutsch: "Schwarzes Feuer") legt Netflix mal wieder einen Streifen aus einem eher exotischen Filmland vor: Doch jedwede Skepsis ist unbegründet, denn in Punkto Ausstattung, Schnitt und Score kann der im englischsprachigen Raum unter dem einfallslosen Titel Dark Forces vermarktete Mystery-Thriller locker mit der gewohnten US-Ware mithalten. Das stimmige Setting des alten Kastens mit seiner Neon-Beleuchtung, in dem sich der Hauptteil des Films abspielt, ist dann auch das größte Kapital von Fuego Negro: Schon nach kurzer Zeit wähnt man sich in einem Spukhaus und nimmt aus der Perspektive des bodenständigen Franco diverse seltsame Dinge wahr, über deren Ursache man gerne mehr erfahren möchte (zumindest mehr als der eigentlich unbeirrbar wirkende ex-Gangster), die aber größtenteils im Verborgenen bleiben. Irgendetwas Böses ängstigt und beherrscht die Bewohner dieses Hotels - dieses Böse manifestiert sich allerdings erst relativ spät, ist nicht sonderlich innovativ, dafür jedoch (bis auf die kurze Szene mit dem Schuss) zumindest sauber (CGI-)getrickst.
Leider hat Regisseur Bernardo Arellano über all den schönen Ausstattungsdetails, die einen stellenweise an Argentos meisterliches Suspiria erinnern, die eigentliche Handlung vernachlässigt - denn die ist, ohne allzuviel verraten zu wollen, insgesamt gesehen relativ banal: Am Ende findet Franco natürlich seine Schwester und darf den Retter spielen. Davor gibt es noch einige mehr schlecht als recht choreographierte Kampf-szenen, die nicht so ganz zur bis dato ruhig und einfühlsam erzählten Geschichte dazupassen wollen; im Gegensatz zu den kurzen Bums-Einlagen der mit vollem Körpereinsatz kämpfenden Rubí kontrastieren diese Action-Einschübe merklich mit der geheimnisvollen Atmosphäre des Hotels. Überhaupt hinterläßt besonders der Schluß den Eindruck, daß der nur knapp 80 Minuten lange Film in seiner endgültigen Fassung merklich gekürzt wurde - Ideen, Anspielungen und weiterer Background hätten Stoff für ein 2-Stunden-Werk hergegeben.
So hinterläßt dieser mexikanische Grusler einen leicht zwiespältigen Eindruck, bei dem jedoch der positive Eindruck dank der visuell imponierenden Bildsprache über die schwache Handlung obsiegt - hinsichtlich der Darsteller würde ich besonders von der in ihrer Rolle als leidenschaftliche, aber stets distinguierte Rubí geradezu aufgehenden Eréndira Ibarra gerne mehr sehen.
Sicher ist das eigenwillige Fuego Negro (übrigens der Titel eines im Film vorgetragenen Chansons) ein Nischenprodukt und geht meilenweit am Horror-Mainstream-Publikum vorbei, wer jedoch ein Faible für verwunschene alte Hotels und deren spezielle Atmosphäre hat, sollte auf jeden Fall einen Blick riskieren. Inklusive eines kleinen Exoten-Bonus von mir 5,51 Punkte und definitiv eine Zweitsichtung wert.