Review

Dick und Doof - Die späten Jahre (Teil 4)

Wenn es einen Laurel-und-Hardy-Film aus den "großen Studios" gibt, der die Fangemeinde stark polarisiert, dann ist das wohl Die Wunderpille, das dritte Werk von 20th-Century-Fox. Für die einen ist es der schlechteste Film, an denen Stan Laurel und Oliver Hardy je beteiligt waren, für die anderen der einzig wirkliche Klassiker aus dieser Zeit. Die Wahrheit liegt wie immer irgendwo dazwischen; der Verfasser dieses Reviews ist selbst etwas zwiegespalten. Die Wunderpille war mit einer der ersten Dick-und-Doof-Filme, die ich in jungen Jahren gesehen habe, ergo hege ich eine gewisse Grundsympathie für den Streifen - nach einigen Jahren aber, in denen man die alten Klassiker aus der Roach-Zeit liebgewonnen hat, erscheint Jitterbugs wie ein Fremdkörper. Er will so gar nicht in die Filmografie des Duos passen, ist aber denoch nicht mehr daraus wegzudenken.

Fakt ist, dass nur die ersten paar Minuten Stan und Ollie in altbewährter Manier zeigen. Als Musiker stranden sie in der kargen Wüste ohne einen Tropfen Benzin, unglücklicherweise ist auch die Tankstelle vor Ort geschlossen. Verzweifelt treffen sie auf den smarten Verkäufer Chester Wright, der ihnen eine vermeintliche Wunderpille andrehen will, mit der man einfaches Wasser in Benzin verwandeln kann. Der Schwindel fällt natürlich auf, doch Strahlemann Chester ist nicht auf den Mund gefallen und bietet Stan und Ollie eine Zusammenarbeit an: zunächst sollen sie in Kleinstädten für musikalische Untermalung sorgen, anschließend werden die Pseudo-Benzinpillen an ahnungslose Dorftrottel verscherbelt. Der Gewinn wird geteilt, die Betrügerei kann starten.
Alles in allem erstmal ein charmanter Start in den Film (auch wenn es grotesk erscheint, dass Stan und Ollie, welche jahrelang nichts auf die Reihe bekommen haben, plötzlich eine Musikshow vom feinsten abliefern), doch dann - ohje - schlägt das Drehbuch eine völlig andere Richtung ein.

In einer dieser Kleinstädte trifft man auf die bezaubernde Susan - bei ihrer Begegnung mit Chester fliegen die Funken, der eine will dem anderen an die Wäsche. Nachdem die Betrügerei aufgeflogen ist, rettet sich das Trio in den fahrbaren Untersatz, Susan steigt (warum auch immer) als blinder Passagier mit ein. Chester bekommt spitz, dass eine Gangsterbande die Dame seines Herzens ausnehmen will, kann das mit seinem Gewissen nicht vereinbaren und schlägt vor, Susan zu helfen. Stan und Ollie werden natürlich auch in die Geschichte mit reingezogen und starten eine Ermittlung absurder Art.
Ganz recht, die Wunderpille diente nur als müder Aufhänger für eine weitere Kriminalgeschichte ala' Laurel und Hardy. Der Übergang zu Susans Leidensgeschichte könnte nicht holpriger inszeniert sein, überhaupt stört die aufkeimende Liebesgeschichte zwischen Chester und Susan den Fluss des Films. Sie drängen Stan und Ollie aus dem Bild, die nur noch als reagierende Komponenten agieren, ohne eigenmächtige Entscheidung zu treffen. Was Chester sagt, wird gemacht.

Das nervt insofern, als dass die altbekannte Charakterzüge, die Dick und Doof auszeichnen, komplett auf Sparflamme gedreht werden. In keinem anderen Film des Duos wirken die beiden so fremd wie hier. Das liegt nebem dem Drehbuch auch an der Unsitte von 20th-Century-Fox, seine beiden Helden in unzählige komische Kostüme zu zwängen. Tatsächlich sind es vielleicht nur zehn Minuten, in denen Stan und Ollie in ihren altbekannten Fracks samt Melone zu sehen sind, der Rest wird mit Absurditäten vollgestopft: als Musiker sehen sie mit ihren karierten Jacketts aus wie Gebrauchtwagenhändler, später mimt Ollie zwecks geheimer Ermittlung einen Colonel aus dem Süden,  ein bebrillter Stan stellt dessen Assistenten "Potts" da. Seinen Höhepunkt findet die Kostümparty, wenn Stan als vermeintliche reiche Tante auftritt - auch wenn das zugegeben eine ziemlich amüsante Sache ist.

Die gute Nachricht ist, dass nicht an Gags gespart wurde, sofern Stan und Ollie denn mal tatsächlich im Bild sind. Der Fokus liegt diesmal verstärkt auf Wortwitz, trotzdem darf Stan sich zwischenzeitlich auch mal betrinken (allerdings ohne verrückte Lachsalve, wie man es beispielsweise aus Fra Diavolo kennt und liebt). Und wenn wir ganz ehrlich sind, macht es trotzdem Spaß mit den beiden Jungs, auch wenn sie wenig bis gar nicht ihren alten Charaktern entsprechen.
Trotzdem drückt der Schuh an einer anderen Stelle. Chester und Susan drängeln sich mit ihrer aufgesetzten Liebesgeschichte immer wieder ins Bild, Susan darf im Rahmen eines Auftritts sogar zwei, drei Lieder (vollständig!) singen. Dass Musik in Laurel-und-Hardy-Filmen ein ergänzendes Erzählmittel sein kann, wissen wir aus den Operetten, die sie für Roach gedreht haben. Hier allerdings trägt das Gesinge Null Komma Nix zur Handlung bei, soll heißen, dass die Vorspultaste ruhigen Gewissens ihren Betrieb aufnehmen kann.

Was bleibt am Ende zu sagen? Man hat eine durchaus interessante Kriminalgeschichte zu erzählen, die auch ohne den Wunderpillen-Plot funktioniert hätte (zumindest feiert die Pille zum Finale hin ein Comeback, diesmal allerdings als Waffe). Laurel und Hardy agieren zwar nicht wie sie selbst, sind aber trotzdem in guter Spiellaune. Die unnütze Liebesgeschichte bremst die Handlung hier und da merklich ab, von den endlosen Gesangseinlagen wollen wir gar nicht erst sprechen.
Die Wunderpille ist wahrlich nicht der Höhepunkt aus Laurel und Hardys späterem Schaffen (der einzige Grund für diese Benennung scheint bei Kritikern sowieso nur Stans Auftritt als süße Tante zu sein), allerdings wäre es auch unfair, ihn als schlecht zu bezeichnen. Diese Krimikomödie ist gefälliger Natur, sollte aber nicht als Paradebeispiel für einen Laurel-und-Hardy-Film gesehen werden.

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