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Bei der Madrider Kripo ist eine Stelle neu zu besetzen, doch der elegante David Valentin (Javier Rey), seines Zeichens Musterschüler, muß schon bald feststellen, daß seine neue Vorgesetzte Norma (Verónica Echegui) ziemlich schräg drauf ist: die leidenschaftliche Cosplayerin läuft nämlich auch dienstlich in allerlei bunten Gewändern herum und hält sich darüberhinaus an keinerlei Vorschriften. Der davon irritierte Anzugträger David orientiert sich da schon lieber an seinem gerade pensionierten Vorgänger Cosme (Antonio Resines), einem bedächtigen aber hellwachen Beamten, der auch als nunmehriger Privatier noch gerne knifflige Fälle löst. Im aktuell aufzuklärenden Mordfall mit einem an extremer Überfütterung mit Anabolika und Muskelwachstums-Präparaten gestorbenen Buchhalter stehen die Kriminalisten vor einem Rätsel, doch ausgerechnet Cosmes Sohn Jorge (Brays Efe), ein Bilderbuch-Nerd mit Wampe, Vollbart und Brille, der mit Anfang Dreißig immer noch bei Papa wohnt, sein Hobby zum Beruf gemacht hat und einen Comic-Laden führt, bringt die Ermittler auf die richtige Spur: Denn Jorge erkennt anhand vom Täter bewußt zurückgelassener, für die Spurensicherung jedoch völlig belangloser Fundstücke am Tatort, daß es sich um ein bestimmtes Muster handelt, welches in einem jahrzehntealten Comic ("The incredible Hulk") schon einmal abgearbeitet wurde. Da Polizeichefin Norma mit diversen Cosplay-Freunden öfters im Hinterzimmer von Jorges Comic-Laden probt, ist der junge Mann ruckzuck als neuer Assistent eingestellt, sehr zum Missvergnügen von David, der den Comic-Freaks grundsätzlich nur Verachtung entgegenbringt. Als sich kurz darauf ein weiterer bizarrer Mord ereignet, in dem ein Mann in einer feuerfesten Kleidung mehrere Tage im eigenen Saft gegrillt wurde und Jorge erneut zielsicher Zusammenhänge zu einem älteren Comic ("Die menschliche Fackel") herstellen kann, beginnt David ganz allmählich, seine Einstellung zu ändern...

Wie aus der Einleitung schon hervorgeht, bedient sich der spanische Regisseur David Galán Galindo, der auch am Drehbuch mitschrieb (welches sich wiederum auf dessen eigene Buchvorlage bezieht), ganz ungeniert bei David Finchers Meisterwerk 7even, nur daß eben diesmal keine Todsünden, sondern die titelgebenden Geheime(n) Anfänge diverser US-amerikanischer Superhelden als Mordmotive herhalten müssen. Geheime Anfänge, die natürlich nicht jeder Comic-Leser kennt, sondern die nur einigen Eingeweihten bekannt sind, wie eben dem ebenso sanftmütigen wie bei jeder Gelegenheit futternden Jorge, der sich, statt mit Gleichaltrigen zu spielen, schon sein ganzes Leben lang für Superhelden begeisterte.

Des Regisseurs Hauptanliegen, Cosplayer und Comic-Freaks als wertvolle Mitglieder der Gesellschaft darzustellen, kommt leider allzuoft durch und stört den Erzählfluß der Geschichte nachhaltig - am unangenehmsten fällt dies in jener Szene auf, wo David im Hinterzimmer des Shops die versammelten Verkleideten mit abfälligen Worten ("Loser") bezeichnet, worauf ihm dann genüsslich deren Berufe (Zahnarzt, Richterin, Grundbuchbeamter, Fluglinieninhaber etc.) aufgezählt werden. Als müsse er persönliche Minderwertigkeitskomplexe kompensieren, läßt Galindo dann seinen anfangs eher unsympathischen Hauptdarsteller David langsam selbst zum Comic-Spezialisten mutieren - quasi vom Saulus zum Paulus, und so werden er, Jorge und Norma dann ein eingeschworenes Team, das den Bösewicht schlußendlich zur Strecke bringt. Überflüssig zu erwähnen, daß dieser ebenfalls ein Geek ist und das Trio durch ganz bewußt gesetzte Hinweise auf seine Spur gebracht hat. Zwischenzeitlich eingestreute Einsprengsel wie jenes von einer Romanze zwischen Norma und David oder wie von einem im Dienst verstorbenen älteren Bruder Jorges verlaufen buchstäblich im Nichts, sieht man einmal davon ab, daß die wie ein Fetisch aufbewahrte Uniform des Verstorbenen am Ende noch eine Rolle spielen wird.

Während die erste Viertelstunde des Films noch Spannung verspricht, baut sich diese im Lauf des Geschehens immer weiter ab, und da besonders die 2. Filmhälfte unter offenbar großem Zeitdruck schnell abgedreht wurde (die bis dato spärlichen Hintergrundinformationen bleiben völlig aus, sogar mit Limonade vergiftete Cosplayer spielen keine Rolle mehr und die Motivation des Täters - in wenigen kryptischen Sätzen - bleibt sowieso schwammig bis unerklärt) sinkt das Interesse an den Geheime(n) Anfänge(n) schnell auf den Nullpunkt, vorzeitiges Abschalten (oder Einschlafen) nicht ausgeschlossen.

Erschwerend hinzu kommt eine seltsame Art von Humor, die in manche Szenen eingebaut ist, die aber zu keiner Zeit zündet und so gar nicht zu den stets ernst (oder wenigstens pseudo-cool) agierenden Filmcharaktären passt. Es mag sein, daß durch die deutsche Synchro einiges vom spanischen Original verlorengegangen ist, doch dieser seltsame Mix aus Krimi, Komödie und Comichelden-Huldigung mit seinen zahlreichen Anspielungen, die wohl nur ausgesprochene Spezialisten verstehen und zuordnen können, kann bestenfalls ein Nischenpublikum begeistern. Allen anderen sei von dieser Netflix-Produktion abgeraten. 3 Punkte.

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