Review
von Leimbacher-Mario
Abge-Frackt?!
Die Erde schlägt zurück. Bohrst du zu tief, macht es bald trief. A Fracking Horror Story. Passender kommen Untertitel nicht. Der Eröffnungsfilm des diesjährigen Hardline Filmfestivals (erstmalig und den Umständen entsprechend auch als Onlineversion). Eine gemächliche, aber gewisse Daumenschraube, ein behutsamer, aber dann doch brachialer Abgang in den Wahnsinn. Eine zeitgemäße Gruselgeschichte über Krisen, Ausbeutung, Rache, Krankheit, Gier und Untergang... Zwei Farmfamilien mitten in der USA können sich nicht allzu sehr leiden, fühlen sich von der Welt abgehängt und machen kaum noch genug Umsatz, um zu überleben, schwimmen in Schulden. Da kommt eine finanzkräftige Gasfirma und handelt einen Deal aus, der einen Teil des Geländes in der in Frackingfiasko verwandelt - mit jedoch noch weitaus heftigeren Auswirkungen als Husten, trübes Leitungswasser und staubige Luft. Denn da unten scheint etwas angestoßen und aufgebrochen worden zu sein...
„Unearth“ spielt deutlich mit der Angst vor und den nachgewiesenen Schäden an Natur und Mensch durch das umstrittene Frackingverfahren, das tiefe Bohren in die Erde - ähnlich wie schon einige empfehlenswerte Dokus im letzten Jahrzehnt, nur eben auf Genreebene und mit einigen (unbeabsichtigten) Bezügen zur aktuellen Pandemiezeit. Beides heftige, akute Themen, von denen dieser winzige, über Jahre geplante und produzierte Horrorindie profitiert, die er gut und vielschichtig angeht, rüberbringt, verpackt. Es ist sehr schön Frau Barbeau mal wieder zu sehen, ebenso wie Herr Blucas, der zumindest jedem „Buffy“-Fan ein Grinsen ins Gesicht zaubern sollte. „Unearth“ bietet ein famoses Sounddesign, das bis weit in die zweite Hälfte der Geschichte allerdings das einzig wirklich Beunruhigende und Horrormässige an dem Film ist. Ansonsten gibt es lange nur (feine) Landschaften, solide Darsteller und Charakterkonflikte, die nahezu ohne Genreandeutungen oder nur maximal mit winzigem Foreshadowing andeuten, was da kommen mag. Das ist mir etwas zu wenig. Doch zum Glück zahlt sich das Warten (ähnlich wie in vergleichbaren Titeln wie „The Beach House“ oder „Sea Fever“) noch aus, der Payoff ist befriedigend, bietet feinen Bodyhorror und sogar die ein oder andere nachhaltig im Gedächtnis bleibende und verstörende WTF?!-Szene. Selbst wenn Dinge nur angedeutet werden - aber Kopfkino zahlt sich eben auch aus. So ist „Unearth“ ein lohnenswerter, lobenswerter kleiner Umwelthorror, der etwas viel Zeit braucht, um das Gaspedal zu finden, dann jedoch zupackt und einen gut durchschüttelt, dem Thema entsprechend wachrüttelt und Rädchen ans Laufen bekommt.
Fazit: The Colour out of Earth. Bohreo und Wühlia. Fies-schleimiger Horrorindie mit langem Anlauf, wenig Budget, einigen bösen Szenen im Finale, unterstützenswerter Umweltmessage, erschreckender Aktualität und doppeltem Boden. Nice. Dreckfield und MacChampignons. Gäbe es in der ersten Stunde doch nur schon etwas mehr Andeutungen und Gänsehautfutter, insgesamt ein bisschen weniger dummes Figurenverhalten... Dennoch: gut.