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Melvin van Peebles sammelte seine ersten Erfahrungen als Regisseur in Frankreich und versuchte anschließend in Amerikas Filmszene Fuß zu fassen. Zu dieser Zeit, Ende der 60er Jahre, hatte van Peebles bereits einige Erfahrungen als Autor, außerdem auch schon im Theater. Mit der Komödie „Watermelon Man“ inszenierte er dann seinen ersten US-Film, zwar thematisierte schon dieser Film Rassismus, doch in Form einer nur leicht satirischen Komödie. Das änderte sich mit dem Meisterwerk „Sweet Sweetback’s Baad Assss Song“ – diese beeindruckende Studie urbaner Gewalt revolutionierte die Filmszene der frühen 70er. Eigentlich kann man diesen Film als die wahre Geburt des Black Cinema bezeichnen, und als Auslöser der riesigen Welle so genannter Blaxploitation-Movies. Mit diesen hat „Sweetback“ aber nicht allzu viel gemein, da man hier noch wesentlich roher und kompromissloser zu Werke geht. Im Gegensatz zu späteren Werken des Genres gibt es hier keinen auflockernden Humor und keine politische Korrektheit.
Van Peebles eigenes Drehbuch wäre an sich zwar etwas flach und besonders tiefsinnige Dialoge werden nicht geboten, doch das wird hier gar nicht angestrebt. Dies sollte ein schwarzer Film werden, für ein schwarzes Publikum und ohne Zugeständnisse an die weiße Filmindustrie.

Dieser Film ist provokant, dynamisch und stilisiert einen neuen Anti-Helden des Kinos, gegen den Shaft genauso sauber und konventionell wirkt wie James Bond. Sweetback ist ein selbstbewusster und stolzer Mann der sich nicht um Politik oder Gerechtigkeit schert, der einen Dreck auf Frauen gibt und sich nicht mit dem Schicksal des eigenen Volkes identifiziert. Laut Melvin Van Peebles war jede schwarze Figur vorher zu vergleichen mit dem Onkel Tom-Image, wie zum Beispiel in „Rat mal wer zum Essen kommt“ dargestellt. Sweetback dagegen sei der erste „Badass-Nigger“ der jemals die Leinwand betreten hat und das kann ich nur bejahen. Alleine der Hauptcharakter mit seinen ambivalenten Zügen lohnt sich schon den Film anzusehen, denn der Typus der hier eingeführt wird wurde direkt im Anschluss in den weiteren Blaxploitation-Filmen weich gespült und standardisiert bzw. ironisiert.

Sogar die radikalen Black Panther forderten die gesamte schwarze Bevölkerung Amerikas auf sich diesen Film anzusehen und er wurde ein enormer Überraschungserfolg. Und trotzdem war die Karriere von Melvin van Peebles danach im Prinzip beendet, nie wieder hat er die Finanzierung eines vernünftigen Projektes auf die Beine gestellt und hat seitdem nur noch TV-Filme gedreht – wie zum Beispiel den ambitionierten, aber billigen und klischeehaften Streifen „Killer Cops“.

Doch nicht nur die filmhistorische Bedeutung ist es die den Film zu etwas ganz Besonderem macht: Die radikale Umsetzung, die sich an keine Konventionen der üblichen Filmemacherei hält ist einzigartig und dermaßen Stil prägend das der niedrige Bekanntheitsgrad eine wahre Schande ist. Niemals hat es eine deutsche Synchronisation gegeben, und das zu einer Zeit in der jeder Scheiss aus der Eastern- oder Blaxploitation-Szene in deutsche Videotheken wanderte.

Die Optik ist sehr roh und einfach gehalten, angereichert mit allerlei Verfremdungen und sehr atmosphärischem Set-Design. Melvin van Peebles gilt als der Begründer schwarzer Ästhetik im Film und das nicht ohne Grund, großartige Kameraarbeit und unkonventionelle Schnitttechnik wird gepaart mit perfekter Musikuntermalung von Earth, Wind and Fire. Im Soundtrack hatte der Regisseur aber ebenfalls seine Finger im Spiel, genau so wie das selbstgeschriebene Drehbuch das er auch auf Wunsch großer Firmen nicht veränderte. Dieser Film wurde von Melvin van Peebles quasi im Alleingang realisiert und in jedem Detail der Umsetzung sieht man sein Talent als Regisseur, genauso wie seine politische Ambitionen. Der dreissig Jahre später entstandene Film „How to get the Man’s Foot outta your Ass“ von Mario van Peebles (natürlich der Sohnemann) thematisiert die Schwierigkeiten politischen Filmemachens, anhand des Besipiels von „Sweetback“. Mario van Peebles debütiert übrigens hier in diesem Film bereits als sehr junger Schauspieler.

Fazit: Eigentlich hat dieser Film nur ungefähr neun Punkte verdient, doch in Anbetracht der revolutionären Bedeutung und der Einzigartigkeit vergebe ich die Höchstnote. Letztlich wahrscheinlich der beste und einflussreichste Blaxploitation-Film und wohl auch der am meisten ernst zu nehmende.

10 / 10

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