Der mittelamerikanische Dschungel am Grenzfluß zwischen Mexiko und (dem heutigen) Belize ist Schauplatz dieser Mystery-Geschichte um Verlangen, Gier und Rache. Angesiedelt im Jahre 1920 tasten sich dort zwei ganz in weiß gekleidete dunkelhäutige junge Frauen unter der Führung eines ortskundigen Graubarts durch das Dickicht. Die beiden, sich stark ähnelnden Frauen sind auf der Flucht, denn Agnes (Indira Rubie Andrewin) soll gegen ihren Willen einen älteren britischen Großgrundbesitzer heiraten, ein Umstand, dem sie sich durch diese Flucht zu entziehen versucht, während die etwas ältere Florence, in ihrer bisherigen Funktion als Zofe bzw. Krankenschwester ihre Vertraute, sie dabei begleiten und unterstützen soll. Doch während sich das Trio durch den Urwald kämpft, ist ihnen der Brite bereits auf der Spur: mit zwei ebenfalls dunkelhäutigen bewaffneten Begleitern im Motorboot stellt er die in einem kleinen Kanu paddelnden Flüchtigen auf dem Grenzfluß und gibt den Feuerbefehl. Durch einen Sprung ins Wasser erreichen Agnes und Florence noch das mexikanische Ufer, während der Graubart erschossen wird, doch auch Florence bekommt einen Treffer, der ihr Leben bald beenden wird. Nachdem sich einer der schwarzen Helfer des weißes Gutsherrn vom Tode der flüchtigen Frauen überzeugen soll, dies aber nur halbherzig tut, da sich ihm ein größeres Krokodil nähert, ist Agnes bald allein im Dschungel, denn die verletzte Florence stirbt wenige Stunden später. Intuitiv wechselt sie die Kleidung mit der Toten und legt sich schlafen. Sie wird von einem Trupp Chicleros - Wanderarbeiter ähnlich Kautschukbauern - gefunden, die sie in ihr Lager mitnehmen. Ab da übt der Dschungel seine unwiderstehliche Macht über die Menschen aus...
Tragic Jungle, der fünfte Spielfilm der mexikanischen Regisseurin Yulene Olaizola, beschäftigt sich nur am Rande mit dem gesellschaftlichen Thema Heiratsflucht und Rache, der eigentliche Hauptdarsteller jedoch ist der allmächtig wirkende grüne Dschungel, der in Form eines Sprechers aus dem Off zwischendurch immer wieder über Verhaltensweisen und Erfahrungen von Menschen unter seinem undurchdringlich wirkenden grünen Dach erzählt. Während Agnes in den folgenden Tagen bei den weiterziehenden Chicleros bleibt (die sie mit einer Mischung aus Argwohn und Wollust betrachtend in Ruhe lassen) verändert sich die junge Frau zunehmend: kein Wort mehr sprechend, scheint sie immer mehr zu einer Verkörperung der Xtabay zu werden, einer tödlichen Verführerin aus der Mythologie der Maya - doch auch auf die Arbeiter übt der Dschungel eine verhängnisvolle Wirkung aus.
In ausdrucksstarken Bildern vom allgegenwärtig wuchernden satten Grün, unterlegt mit einer entsprechenden Soundkulisse, in der es ständig knackst, pfeift, keckert und plätschert entsteht schon bald das Bild einer unerbittlichen Naturgewalt, gegen die die wenigen Menschen nicht das Geringste ausrichten können - zumal sie sich dessen Sogwirkung teilweise gar nicht bewußt sind. Das gemächliche Erzähltempo des Films, dem jede Eile fremd ist, läßt hierbei genügend Raum, sich mit den Veränderungen der Protagonisten zu beschäftigen. Immerhin interessant zu beobachten ist der harte Alltag der Chicleros, die den namensgebenden Chicle, einen weißen Milchsaft aus dem Stamm des Brotapfelbaums, in gefährlicher Kleinarbeit mittels Klettern und Ritzen in schwindelerregender Höhe mühsam gewinnen müssen. Der bis heute als Ausgangsmaterial für Kaugummi dienende Rohstoff wird gekocht, später in handelsfähige feste Blöcke geteilt und stellt die Lebensgrundlage der Arbeiter dar, die hierfür alternativlos zusammenarbeiten müssen und schon deswegen über alle Altersgrenzen hinweg ein männliches Kollektiv darstellen. Ein mit primitiven Hilfsmitteln arbeitendes Kollektiv, dem nach der Arbeit nur ein wenig Schnaps und Zigaretten vergönnt sind und dem eine unvermittelt auftauchende, einzelne junge Frau in der Tat wie eine Sagengestalt vorkommen muß. Doch Agnes, die anfangs noch mit dem Gewehr von einigen Arbeitern vor spontaner nächtlicher Vergewaltigung durch andere Arbeiter geschützt werden muß, sich später jedoch dem einen oder anderen hingibt, wird im Lauf des Films immer mehr zu einer Gefahr für die Chicleros.
Wer sich ein wenig von den Genre-Konventionen löst, ein paar Kleinigkeiten inhaltlicher Art (wie z.B. den komplett fehlenden Hintergrund der Frauen wie auch des Großgrundbesitzers) oder technischer Natur (wie den Außenborder am Motorboot sowie dessen Kunststoff-Lenkrad, oder aber auch die in jeder Einstellung erstaunlich tadellos sitzende Frisur von Agnes auch nach Wochen im feuchtheißen Dschungel) ignoriert und dafür den Zauber der Dschungelbilder auf sich wirken läßt, für den funktioniert der nur im spanischen Original bei Netflix zu sehende Tragic Jungle durchaus passabel. Trotz minimalistischer Handlung und den Protagonisten (besonders der Agnes-Darstellerin) kaum etwas abverlangender Rollen ein insgesamt gelungener Film: 7 Punkte.