Miss American Spy
Wer denkt traditionelle Familienwerte können im Kino aktuell nur die Schnellen und Wilden so richtig rocken, der hat ganz sicher den Neustart der Lichtspielhäuser vor Ort verpasst. Denn dort gibt es eine wunderbar dysfunktionale „Fake“-Familie zu bestaunen, die sich fetzt und kabbelt was das Zeug hält, um dann derart gestählt schlussendlich allen Widrigkeiten und Widerlingen gehörig den Marsch zu blasen.
Wie bei der Raser-Combo gibt es auch hier ein ebenso großmäuliges wie großherziges Oberhaupt, das es irgendwie schafft seinen antiquierten Machismo grundsympathisch auszuleben. Und genauso gibt es einen aufrechten Helden, der den Rest der Familie ohne allzu viel Worte, dafür mit um so mehr Taten wieder auf Kurs bringt. Nur dass hier kein blonder Ex-Cop den verrutschten Wertekanon zurecht rückt, sondern eine Rächerin auf Urlaub ein paar Sozial-Wochen abarbeitet. Die Dame hört auf den klangvollen russischen Namen Romanoff, Freunde dürfen sie Natasha nennen, der globale Rest kennt sie nur als „Black Widow“.
Nachdem ihre Avengers-Kollegen sämtlich und teilweise mehrfach mit Soloabenteuern aufwarten durften, war es höchste Zeit, der einzigen Frau im Club auch mal ganz alleine die Bühne zu überlassen. Zumal sich die Assassine im Dienst der Gerechtigkeit dieses Privileg wirklich redlichst verdient hatte. Nicht nur war der Stern der Romanoffs auch auf dem Hollywood Walk of Fame erstrahlt, auch das suizidale Opfer für die Menschheit wurde im Avengers-Kreis bestenfalls noch von Tony Stark übertroffen. Abgesehen davon haben uns die vielen Andeutungen und Gespräche mit Pfeil-und Bogen-Kumpel Hawkeye immens neugierig auf ihre Profikiller-Vergangenheit gemacht. Voila, wie bestellt, so geliefert.
In einer famos getakteten und vertonten (u.a. durch ungewohnte Coverversionen von „American Pie“ und „Smells like Teen Spirit“) ersten halbe Stunde erfahren wir vom jäh beendeten Familienidyll in Ohio, der überstürzten Flucht nach Kuba, der Trennung von Eltern und Kindern sowie der Zwangseinweisung der zwei minderjährigen Töchter ins russische Auftragskiller-Programm "Red Room".
Die eigentliche Haupthandlung setzt erst 20 Jahre später ein, als die offenbar den Klauen ihrer Peiniger entkommene Natasha Romanoff (Scarlett Johansson) von ihrer Vergangenheit eingeholt wird, inklusive der familiären. Praktischerweise passiert das Ganze in einer kleinen Avengers-Eiszeit, so dass der explosiven Familienzusammenführung und Gegnersprengung nichts mehr im Weg steht.
Dass hier die Funken sprühen liegt weniger an der gewohnt spektakulär und kompetent inszenierten Action, bei der sich allerdings eine gewisse Routiniertheit un Redundanz nicht leugnen lässt. Vielmehr sorgen die Wiedersehen mit Vater und Schwester für den eigentlichen Zündstoff und bringen den Marvel-Kessel ordentlich zum Dampfen. Florence Pugh als dauerfrotzelnde und herrlich unberechenbare kleine Schwester Yelena bildet einen perfekten Gegenpol zur abgeklärten und souveränen Titelhelden, das ist auf Hochglanz poliertes Buddy-Kino mit 80er-Genetik. David Harbour als sowjetische Captain America-Kopie/Parodie Red Guardian setzt da sogar noch einen drauf und lässt als großmäulig-polternder Brummbär kein noch so abgeschmacktes Russen-Klischee aus und damit kein Auge trocken. Bei so viel wild umhersausender Energie braucht es dann dringend einen ruhenden Pol, den Rachel Weisz als ausgleichende Mutter und ausgezeichnete Wissenschaftlerin wie geschaffen scheint.
Im launigen Charakterfach liefert Marvel also mal wieder ab, aber der geneigte Fan erwartet noch mehr. So gehört der ein oder andere gesellschaftskritische Schlenker inzwischen ebenso zum Inventar wie der Hammer zu Thor. Diesmal wird der Menschenhandel angeprangert sowie die menschenverachtende Konditionierung jugendlicher Kämpfer für eine vermeintlich gerechte/gute Sache. Hier wird der Film für ein paar Momente todernst und finster, dennoch ist es immer wieder faszinierend, wie die Comicschmiede ihre ernsteren Anliegen leicht konsumierter verpackt ohne dabei alibihaft rüber zu kommen.
Eine ausgewiesene Spezialität sind auch die tonalen Unterschiede und Genre-Referenzen, die den Superhelden ihren bis heute anhaltenden Langzeiterfolg sichern. BLACK WIDOW ist hier ebenfalls voll im Soll und bedient sich gleichermaßen raffiniert bei Buddy-Komödie, Agenten-Thriller und Spionage-Abenteuer. Die offenkundigen Bond-Parallelen werden sogar selbstironisch gebrochen indem Natasha in ihrem Trailer eine Szene aus MOONRAKER lippensynchron mitspricht, ein kleiner, aber feiner Meta-Spaß.
Überhaupt ist der gesamt Film ein ebensolcher, gerade weil er das Rad bei den Actionsequenzen nicht krampfhaft neu zu erfinden sucht, Star Scarlett Johansson ihren Kollegen Raum zur Entfaltung gibt und die Menschen hinter den Helden ungewohnt kantenreich und spannend sind. Trotz ihrer superheldischen DNA wirken sie am Ende menschlicher und bodenständiger als Dom Torettos Gaspedal-Jünger. Vor allem aber sorgt im Hause Romanoff das weibliche Element für den familiären Zusammenhalt und Kit, womit BLACK WIDOW einen weiteren Realismus-Treffer landet.