Bei deutschen Verleihfirmen scheint ein regelrechter Wettstreit entbrannt, wer wohl in diesem Jahr den beknacktesten Untertitel hervorbringen mag. Wenn man mit dem Begriff „Waldsterben“ nicht gerade irgendwelche Kilmaaktivisten ins Boot holen wollte, so hat der Zusatz rein gar nichts mit einer gängigen Hatz durch den Wald in Form eines Survival-Thrillers zu tun.
Architektin Eve (Lucie Debay) ist von der Männerwelt genervt und sucht Ablenkung in einer Bar, wo sie einen galanten Unbekannten (Arieh Worthalter) kennen lernt und schon bald auf dem Rücksitz seines Wagens landet, bis ein zweiter Kerl zusteigt und das Fahrzeug startet. Die Entführung endet jäh und mündet in einer gnadenlosen Jagd durch den Wald…
Mit dem Einstieg widmet sich Regisseur Vincent Paronnaud dem Stil des Animationsfilms, welcher ihm mit „Persepolis“ einen Oscar einbrachte. Dargeboten in einer scherenschnittartigen Form schildert eine Mutter ihrem Sohn die Fabel von Mensch und Wolf, - kurz darauf zieht Eve mit einer roten Kapuzenjacke los und landet statt bei Oma in der Kneipe.
Sobald die Bedrohung Konturen annimmt, wird eine überaus nihilistische Stimmung verbreitet, was nicht nur an den beiden ungleichen Psychopathen liegt. Selbst der Zwischenstopp an einer nächtlichen Tanke schürt Unbehagen und Unsicherheit, zumal lange nicht deutlich wird, welchem Motiv die Männer mit ihrem Terror folgen.
Die starke Kamera fängt eindrucksvolle Bilder ein, zeigt diverse Tiere in Nahaufnahme und lässt Panoramen miteinander verschmelzen, während der angenehm zurückhaltende Score mit einigen experimentell anmutenden Sounds die Unwirklichkeit der Szenerie ein ums andere Mal untermauert. Ab der Mitte gesellen sich zudem vermehrt einige surreale Eindrücke hinzu, die teils ins Mystische abdriften, wobei das Anlehnen an ein Reh noch relativ bodenständig bleibt.
Allerdings kommen zwei Aspekte im Verlauf deutlich zu kurz: Die angedeutete Fabel erfährt kaum eine adäquate Umsetzung, da das Mitmischen einige tierischer Waldbewohner etwas beliebig erscheint und auf der anderen Seite widmet man sich zu intensiv den beiden Antagonisten, während der Verbleib der Hauptfigur zu kurz kommt. Dadurch ist wiederum ihr Wandel im letzten Drittel kaum nachzuvollziehen, erst recht nicht in dieser extremen Form.
Der weitgehend konventionell gehaltene Showdown erfüllt dennoch seinen Zweck und Gorehounds erhalten, zwei, drei recht blutige, handgemachte Gewaltspitzen.
Im Zuge des eigentlich simplen Aufbaus fallen etwaige Merkwürdigkeiten natürlich stärker ins Gewicht. So scheint ein Elektroschocker ein Wundermittel für Hirntote zu sein, während Leute, die Paintball nachgehen, offenbar durch nichts abzulenken sind. Hauptsache, es gibt eine Erklärung für das blau eingefärbte Gesicht der Protagonistin auf dem Cover.
Aufgrund intensiver darstellerischer Darbietungen und einem recht überzeugenden Handwerk zählt „Haunted“ durchaus zu den sehenswerten Vertretern seiner Zunft. Schade, dass die Mystery-Einlagen etwas zu kurz kommen, denn mit der gezielten Vermengung der eingangs erzählten Fabel wäre noch mehr drin gewesen.
6,5 von 10