Wenn der Durchschnitt explodiert: Nobody im Actionrausch
Was aussieht wie das graue Leben eines Niemandes, entpuppt sich als Fundament eines der härtesten Actionkracher der letzten Jahre. Schon die Prämisse allein reicht, um die Mundwinkel nach oben zu ziehen: Ein unscheinbarer Familienvater, Hutch Mansell, gespielt von Bob Odenkirk, wird als Inbegriff der Mittelmäßigkeit eingeführt. Er verpasst den Müllwagen, lässt sich vom Alltag gängeln, ist der Typ, den man kaum wahrnimmt, wenn er neben einem an der Bushaltestelle steht. Doch in Wahrheit schlummert in ihm ein trainierter Killer, ein Mann mit einer Vergangenheit, die blutiger und gefährlicher ist, als sich seine ahnungslose Familie je erträumen könnte und mit Fähigkeiten, die weit über den routinierten Griff zur Kaffeetasse hinausgehen. Als er sich schließlich mit der russischen Mafia anlegt, bricht ein Sturm los, der seinesgleichen sucht.
Schon diese Grundidee hat eine Wucht. Und Nobody setzt sie nicht nur um, sondern verwandelt sie in eine hochkarätige Mischung aus brutaler Action, schwarzem Humor und einer fast kathartischen Freude daran, die Ketten der Durchschnittlichkeit zu sprengen.
Die unerwartete Offenbarung
Beginnen wir mit dem Herzstück dieses Films: Bob Odenkirk. Ein Schauspieler, den viele als den windigen, schlauen, aber irgendwie liebenswürdigen Anwalt Saul Goodman aus Breaking Bad und Better Call Saul kennen. Wer hätte gedacht, dass er in die Haut eines Actionhelden schlüpfen könnte, der sich mühelos durch Wellen von Schlägern und Gangstern prügelt. Doch genau das tut er. Odenkirk trägt den Film mit einer Leichtigkeit, die fast schon unverschämt ist. Er schafft es, den Spagat zu meistern zwischen dem müden, fast schon gebrochenen Familienvater, der im Alltag unsichtbar bleibt, und dem gnadenlosen Profikiller, der seine Gegner mit chirurgischer Präzision zerlegt. Man glaubt ihm beide Seiten. Man leidet mit ihm, wenn er das Frühstück verpasst, und man jubelt ihm zu, wenn er einen Mobster mit einem improvisierten Schlagwerkzeug zu Boden schickt. Dieser Balanceakt ist es, der Nobody so besonders macht. Hier geht es nicht um einen unantastbaren Übermenschen, sondern um einen Kerl, der Schrammen abbekommt, der stolpert, blutet, keucht – und genau darin seine Glaubwürdigkeit findet.
Dass der Film so punktgenau einschlägt, ist kein Zufall. Produziert wurde er von David Leitch, der mit John Wick einen modernen Action-Mythos erschaffen hat. Seine Handschrift ist unverkennbar: die kompromisslose Härte, die fast schon tänzerische Choreographie der Kämpfe, die Mischung aus eleganter Kameraarbeit und brachialer Gewalt. Doch Nobody ist kein bloßer Abklatsch von John Wick. Ja, die Parallelen sind da – ein Mann mit geheimnisvoller Vergangenheit, eine Eskalation mit der russischen Mafia, eine Welt, in der Gewalt die eigentliche Sprache ist. Aber der Tonfall ist ein anderer. John Wick ist stilisiert, fast schon mythologisch überhöht. Nobody hingegen hat etwas Erdiges, Bodenständiges, fast schon Humorvolles. Es ist die Freude daran, den Wolf im Schafspelz endlich die Maske fallen zu lassen. Leitch versteht es, genau das herauszukitzeln. Jede Actionszene ist nicht nur ein Feuerwerk der Physis, sondern auch ein Befreiungsschlag für die Hauptfigur.
Wucht, Härte und Blut
Und damit kommen wir zu dem, was den Film in die Herzen der Actionfans katapultiert: die Kämpfe. Sie sind roh, blutig, kompromisslos – und zugleich choreographisch auf höchstem Niveau. Allen voran die legendäre Bus-Szene, die schon jetzt Kultstatus hat. Hutch, allein im Bus, umringt von einer Gruppe betrunkener Schläger. Was folgt, ist ein dreckiges, intensives Gemetzel, das so viel Schmerz transportiert, dass man selbst im Kinosessel zusammenzuckt. Knochen knacken, Zähne fliegen, Blut spritzt – und doch liegt über allem ein Rhythmus, eine fast schon musikalische Präzision. Man spürt jede Faust, jedes Messer, jeden Aufprall. Diese Szene allein rechtfertigt den Eintrittspreis.
Doch auch darüber hinaus liefert Nobody eine breite Palette an Actionmomenten: Schießereien, die im Kugelhagel fast schon zu Choreographien werden, Nahkämpfe, die an rohe Straßenprügeleien erinnern, Explosionen, die mit einem Donnerschlag ins Mark fahren. Es gibt kein Verstecken, kein künstliches CGI-Gewitter, sondern echte, handfeste Action mit „Wumms“. Nobody schöpft aus dem gesamten Arsenal moderner Action und präsentiert es mit einer fast altmodischen Freude am Handgemachten.
So stark Odenkirk das Zentrum dominiert, die Nebenrollen sind keineswegs nur Beiwerk. Im Gegenteil: Sie verleihen dem Film eine unerwartete Tiefe und Würze. Da ist zum Beispiel Christopher Lloyd, der als Hutchs Vater eine herrliche Performance hinlegt. Alt, gebrechlich wirkend, und doch mit einem schelmischen Grinsen, das verrät: auch in ihm steckt noch ein Funken jener dunklen Vergangenheit. Sein Auftritt im späteren Verlauf des Films ist pures Gold – man möchte ihm am liebsten sofort eine eigene Spin-off-Reihe schenken. Auch RZA und Daniel Bernhardt liefern in kleineren Rollen sehenswerte Auftritte. Bernhardt glänzt in seiner gewohnten physischen Präsenz, während RZA mit seinem unverwechselbaren Charisma eine angenehme Note ins Ensemble bringt. Diese Mischung macht Nobody zu einem Film, der sich nicht allein auf seine Hauptfigur verlässt, sondern in der zweiten Reihe ebenso glänzt.
Ein weiterer Punkt, der Nobody so erfrischend macht, ist sein Humor. Nicht der platte One-Liner-Humor, sondern eine tiefschwarze, ironische Note, die zwischen den Schlägen hervorblitzt. Es ist dieser subtile Witz, der dem Film eine gewisse Leichtigkeit verleiht. Die Inszenierung verstärkt diesen Effekt: Die Kameraarbeit ist dynamisch, ohne hektisch zu sein. Der Schnitt ist präzise, ohne überladen zu wirken. Die Musikuntermalung, mit ihrer Mischung aus Klassikern und druckvollem Score, setzt die richtigen Akzente. Das Ganze wirkt wie ein fein abgestimmtes Orchester der Gewalt – brutal, aber kunstvoll.
Fazit
Nobody ist weit mehr als ein Genreprodukt im Fahrwasser von John Wick. Der Film nimmt die scheinbare Belanglosigkeit eines Vorstadtlebens und verwandelt sie in die Grundlage für einen der intensivsten Actionfilme der letzten Jahre. Bob Odenkirk überrascht, begeistert und trägt diesen Film mit einer Hingabe, die man ihm nicht zugetraut hätte. Die Action ist roh, wuchtig und brillant choreographiert, die Nebenrollen sind herrlich besetzt, die Handschrift von David Leitch gibt dem Ganzen die nötige Schärfe. Kurz gesagt: Nobody ist einer dieser seltenen Actionfilme, die Herz und Härte vereinen, die sowohl Adrenalinjunkies als auch Cineasten ein breites Grinsen ins Gesicht zaubern. Ein Film, den man nicht nur einmal schaut, sondern immer wieder hervorholt, wenn man Lust auf eine Portion ehrlicher, kompromissloser Action hat.