"Fleischer, ich glaub da kommt Kundschaft für sie."
In einem verkommenen Haus haben sich Familien unterschiedlichsten Standes eine Unterkunft gesichert. Die Umgebung ist trist, die Luft stets staubverhangen und die Lebensmittel knapp. Besonders Fleisch ist mangelware. Der Fleischer Clapet (Jean-Claude Dreyfus) erarbeitet sich daher seinen Wohlstand, indem er regelmäßig einen neuen Hausmeister engagiert und diesen nach einer gewissen Zeit in kleinen Portionen an seine Kundschaft verkauft.
Der bislang als Clown arbeitende Louison (Dominique Pinon) bewirbt sich auf die frei gewordene Stelle des Hausmeisters und soll als nächste Delikatesse auf dem Warentisch landen. Allerdings verliebt sich Julie Clapet (Marie-Laure Dougnac), die Tochter des Fleischers, in ihn, was die ohnehin nicht besonders familiäre Beziehung zu ihrem Vater endgültig aus dem Ruder bringt.
Zu Jean-Pierre Jeunet's ("Die fabelhafte Welt der Amelie“) künstlerischer Handschrift gehören bereits in seinem Erstling "Delicatessen" skurrile Charaktere und eine außergewöhnlich ausgeprägte inszenatorische Gestaltungskraft. Geschickt und offenkundig verwebt er Einflüsse von Monty Python, surrealer Film Noir Optik und der Slapstick Ära eines Charlie Chaplin. Vermischt in einem postapokalyptischen sowie kannibalischen Hintergrund, erzeugt der Film jedoch einen weit höheren komödiantischen Anteil mit frivoler Leichtigkeit und lässt die Möglichkeiten zur Gesellschaftskritik aus.
Dieser Film ist in seiner Absurdität kaum zu überbieten. Die Charaktere sind durchweg merkwürdig, das Haus in sich grotesk und die Atmosphäre düster und grell zugleich. Die kontroverse Thematik wird dabei jedoch nur am Rande zu den stets aneinandergereihten Gags behandelt. Priorität liegt auf feinsinnigem Witz, der durch Situationskomik, Fäkalhumor und kitschiger Musikeinlagen recht weit ausholt und somit haufenweise skurille, putzige, morbide, brillante und manchmal auch weniger gelungene Gags bietet.
Der Witz kann durch ideenreiche Varianten für kurzweilige Unterhaltung sorgen, nicht so die Charaktere und die Handlung. Ausgerechnet in diesen Bereichen bietet "Delicatessen" weder etwas Neues, noch etwas Zusammenhängendes. Keine Frage, die Charaktere sind schräg und immens vielfältig ausgefallen, geben jedoch keinerlei Auskunft über ihre Ambitionen.
Im Grunde ist kein wirklicher Handlungsfaden vorhanden. Die Geschichte springt oft unzusammenhängend von einer Situation zur nächsten ohne eine Brücke zu bilden. Es fehlt insbesondere an Hintergrundinformationen über den präsentierten Ausgangspunkt und die Zeit. So könnte der Rahmen eine zerstörte Stadt zur Nachkriegszeit bilden, ebenso aber auch eine nukleare Katastrophe. Kein Wörtchen wird darüber verloren.
Passend und durchweg glaubhaft präsentieren sich dafür die Schauspieler. Dominique Pinon ("Alien - Die Wiedergeburt") und insbesondere Jean-Claude Dreyfus ("Stadt der verlorenen Kinder") als Schlachter in bulliger Statur bieten Leistungen, die man danach so nicht wieder von ihnen sah. Die Nebendarsteller agieren mit großer Spielfreude, wodurch es schade ist, dass einige der Nebencharaktere äußerst kurz kommen.
"Delicatessen" bietet französischen Zirkus und reiht eigentlich nur einen Gag an den nächsten. Die Charaktere bleiben recht fern, die Handlung könnte dünner kaum sein. Es fehlt ein roter Faden, der die mal morbide, mal frivole Komödie zusammenhält. Spaß macht der Film, nutzt seine Möglichkeiten im Bereich seiner gesellschaftskritischen Thematik allerdings nicht aus. Dafür bieten die Darsteller eine enorme Spielfreude, zu aufwendiger Arthaus-Optik.
6 / 10