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Der Wunsch nach Perfektion hat schon so manche Musiker-Karriere negativ beeinflußt, und so ist es auch bei den Zwillingsschwestern Juliet (Sydney Sweeney) und Vivian (Madison Iseman), die beide eine Laufbahn als Solo-Pianistinnen anstreben. Doch während die deutlich talentiertere Vivian, die trotz der zeitraubenden täglichen Fingerübungen auch einen Freund hat und das Leben genießt, das Spielen leicht fällt, gelingt es Juliet trotz aller Anstrengungen nicht, den spieltechnischen Standard ihrer Schwester und damit die Aufnahme an eine bestimmte Musik-Akademie zu erreichen. Als die bisherige Star-Pianistin überraschend Selbstmord begeht (als Eingangsszenen-Teaser vorweggenommen) und Vivian ihre Stelle einnehmen soll, wird der Bruch zwischen den Geschwistern immer offensichtlicher. Juliet entdeckt durch Zufall in den Unterlagen der Selbstmörderin ein kleines Heft mit Zeichnungen, das sie, davon fasziniert, an sich nimmt. Die Bilder und Sätze in jenem Büchlein üben eine unheimliche Macht auf Juliet aus, die bald selbst darin malt und deren Verhalten, ja deren ganzes Leben sich somit verändert: ihre instrumentalen Fähigkeiten verbessern sich schlagartig, gleichzeitig erleidet die bisher erfolgreichere Vivian einige Rückschläge, doch Juliet erkennt nicht, daß sie sich auf einen Pakt mit dem Teufel eingelassen hat...

Mit seinem Langfilmdebut Nocturne hat Regisseurin Zu Quirke einen kleinen, aber feinen Psycho-Horrorthriller geschaffen, der mit seinem faustischen Pakt als Hintergrund-Geschichte die schwesterliche Rivalität beleuchtet und dabei ein wenig an Black Swan oder The Perfection erinnert. Mit der soliden, realitätsnahen Darbietung der beiden Hauptdarstellerinnen kann man dem Plot auch insofern gut folgen, und obgleich man das Ende der Geschichte schnell vorhersehen kann, baut sich eine gewisse Spannung auf, die durch die häufig eingeblendeten mysteriösen Zeichnungen und Texte in dem kleinen Büchlein immer weiter gesteigert wird. Mittels diverser eingeschobener Traumsequenzen, die nicht immer gleich als solche zu erkennen sind, wird der Zuseher aber öfters auch bewußt im Unklaren gelassen, ob das Gesehene tatsächlich so passiert ist oder nicht, was zeitweise verwirrend wirkt.

Unter weitgehendem Verzicht auf blutige Szenen ist es also eher die von Juliet Besitz ergreifende dunkle Macht, die hier für dezentes Gänsehautfeeling sorgt; das ominöse Büchlein, dessen letzte beschriebene Seite herausgerissen wurde (aus gutem Grund) verfügt noch über genügend weitere leere Seiten, worin ein Hinweis auf eine sich fortsetzende Geschichte gesehen werden kann. Zu gefallen wußte auch die Nebenfigur des ambitionierten Klavierlehrers Wilkins (Rodney To), der als Jury-Mitglied bei den Aufnahmeprüfungen mitzuentscheiden hat und dessen Verhalten und Motivation so ganz nebenbei gnadenlos zerpflückt werden. Daß sich am Ende der Teufel dem Menschen als stets überlegen erweist und auch durch ein abgefackeltes Notizbuch nicht zu stoppen ist stellt hingegen keine Überraschung dar, und so ist auch die ikonenhaft arrangierte, Raum für Interpretationen lassende Schlußszene zu verstehen, die diesen Mystery-Flic halbwegs stilgerecht beendet.

Dank guter Darsteller-Performance (vor allem von Sydney Sweeney, die eine keineswegs sympathische Rolle hat) und einiger gelungener Kameraeinstellungen nebst ebenso dezentem wie wirkungsvollem Score hebt sich Nocturne (der bisher vierte von insgesamt acht programmatisch angekündigten Horror-Streifen aus der Blumhouse-Schmiede) ein klein wenig von der Masse vergleichbarer Horrorfilme ab: 6,51 Punkte.

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