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Zwischen Glas, Sucht und Untergang


Dass die sozialen Medien Vor- und Nachteile mit sich bringen, dass wir als Mensch immer gläserner werden und dass man sich etliche brutal ethische Fragen zum Thema Digitalisierung und „Leben im Netz“ stellen muss, scheint jedem klar. Privat wie wirtschaftlich. Zumindest unterbewusst. Und dennoch ist eine Doku wie „The Social Dilemma“ nicht nur sinnvoll, sondern gerade jetzt existenziell. In dem veritablen Netflixhit plaudern einige (ehemalige) ranghohe Tiere aus Techkonzernen wie Google, Facebook oder Instagram aus dem Nähkästchen zu einigen Methoden, Entwicklungen und Richtungen ihrer Branche, die die Insider für höchst bedenklich halten, wo unbedingt ein Riegel vorgeschoben werden sollte und wo ein Umdenken, bei uns allen, stattfinden muss. Und das geht im Kern soweit, dass die sozialen Medien uns nicht nur von der realen Welt abkoppeln, uns als Produkte sehen, uns steuern und süchtig machen, sondern dass in diesem virtuellen Hohlraum aktiv auf das Weltgeschehen, in unsere Stimmung eingegriffen wird und letztendlich massiv Konflikte geschürt werden - die im schlimmsten Fall zu Kriegen und unser aller Ende, Verderben führen könnten...

„The Social Dilemma“ nimmt aktiv und etwas augenzwinkernd Bezug auf Titel wie „Terminator“ und „Matrix“, um seine Anliegen deutlicher und unterhaltsamer zu machen. Aber ist die Wahrheit nicht vielleicht viel näher und unbequemer und angsteinflössender und schleichender an solchen technologischen Apokalypsen, als wir es uns selbst jeden Tag eingestehen?! Erstmal muss ich sagen: großen Respekt an Netflix und alle Beteiligten, wie stark, detaillier, verständlich, offen und interessant mit dem uns nahezu alle betreffenden Thema umgegangen wird. Gerade weil Netflix sich aus dieser Blase sicher selbst nicht rausreden kann und alle Interviewten und Redner erhebliche Risiken eingehen. Dann muss ich loben, wie viel in den 90 Minuten angestoßen wird, wieviele Rädchen bei uns Zuschauern im Kopf angeleiert werden - und das immer ehrlich und authentisch wirkend, nie belehrend oder predigend. Plus zu einem Thema, zu dem wir eigentlich meinen, wir wissen um die Risiken und Taktiken unseres „Gegenübers“. Doch dem hier angedeuteten gigantischen Ausmaß scheint sich kaum einer bewusst. Und das reicht von der höchsten Politik bis in immer extremer zerrüttete und gespaltene Familien. „The Social Dilemma“ ist ein Schocker, ein Augenöffner, eine Warnung und im besten Fall ein Wegweiser. An die Branche, an uns „User“, an die ganze Welt. Lasst euch nicht vom Netz leiten. Fangt selbst an zu denken. Raus zu gehen. Echte Kontakte zu knüpfen. Konflikte zu lösen. Friedlich. Menschlich. Logisch. Und das fängt für mich beim eventuellen Abmelden von Facebook an, geht über die Kontaktaufnahme und das Zuhören der (politischen oder meinungstechnischen) Gegenseite bis zum eigenständigen Kaufen von Filmen für meine Sammlung - nicht dem blinden Folgen von Vorschlägen der Streamingriesen. Und genau das meine ich mit dem Risiko, dass Netflix hier für sich selbst eingeht - und das benötigt wiederum Eier und gibt mir gehörig Vertrauen und Respekt in das Unternehmen zurück. „The Social Dilemma“ ist in jedem Fall eine der besten, prekärsten und (trotz komplexen, weitläufigen Themen!) greifbarsten der Dokus dort. Muss man sehen und erstmal wirken lassen... Und kann/darf/muss nur der Stein des Anstoßes sein! 

Fazit: Gänsehaut. Wut. Ungläubigkeit. Verwunderung. Angst. Interesse. Trauer. Erleuchtung. Klarheit. Respekt. Dankbarkeit. Umdenken. „The Social Dilemma“ ist eindeutig eine der wegweisendsten und warnendsten Dokus unserer modernen Zeit. Absolut unumgänglich. Wichtig. Wachrüttelnd. Gucken. Gucken. Gucken. 

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