Review

Soweit mir bewusst ist, hatte niemand ernsthaft auf eine Fortsetzung des 96er Geheimtipps „The Craft“ aka „Der Hexenclub“ gewartet, auch wenn der kleine, aber insgesamt erfolgreiche Film vor einem Vierteljahrhundert recht teenager-prägend daher kam.
Das führte dazu, dass die damaligen Darstellerinnen später durchaus mit Erfolg ihre Karriere weiterführten. Robin Tunney wurde eine gefragte TV-Darstellerin, Fairuza Balk holte sich mit ihrer „Performance“ einen gewissen Kultfaktor ab und Neve Campbell und Skeet Ulrich traffen dort schon aufeinander, bevor sie sechs Monate später als Pärchen in einem kleinen, obskuren Film namens „Scream“ starten sollten.
„The Craft“ war ein hübscher, zeitweise origineller und in manchen Szenen sehr treffender Mystery-Grusler, der mit „We are the Weirdos, Mister!“ sogar einen der unzerstörbaren T-Shirtsprüche aller Zeiten hervor brachte.

Nun aber ist es Zeit für ein Sequel…Remake…Re-Do…egal, das was Hollywood schon immer gemacht hat, wenn eine neue Generation nachgewachsen war.
Wie gesagt, „The Craft : Legacy“ war nicht eben heiß erwartet worden und es schien so, als hätte man die Plotelemente des Originals einfach nur neu abgedreht: Mutter mit Tochter, neue Stadt, Hexenzirkel komplett machen, Nerd an Schule, magische Kräfte entwickeln, Grobian mit Zauber gefügig machen. Fehlte eigentlich nur noch die Machtbesoffenheit, die 1996 alle Figuren bis auf eine in den Abgrund riss.

So startete der Film mit wenig Fanfaren – und sank an der Kasse wie ein Stein.

Wer sich aber dennoch mal die 90 Minuten gönnt, bekommt dann doch einige Unterschiede zu sehen, seien sie nun positiv oder negativ. Zum einen kommt die Gefahr hier mal nicht von innen, sondern von außen. Langsam aber sicher (oder sofort und auf der Stelle, wenn man in den ersten 20min nicht komplett gepennt hat) schält sich eine Figur als Gegner heraus, den die modernen Mädels sich am Ende stellen müssen. Auch führen der unbedachte Einsatz magischer Beeinflussungen nicht zu Tod und Wahnsinn, sondern zu Trauer und Bestürzung über Machtmissbrauch und – man glaubt es kaum – zu dem Verzicht auf die übernatürlichen Kräfte, denn moderne Mädels haben ein Verantwortungsbewusstsein.
Selbige Kräfte werden hier allerdings nicht sonderlich mühsam zu Tage gefördert, sondern kommen eigentlich schon vor Komplettierung des Zirkels zum Tragen, erhalten dann aber von der natürlichen Hexe Lily noch einen Extra-Kick.

Aber wo ist das eigentliche Update? Das liegt in der Wahrnehmung der Outcast- und Hexenfiguren, wie sie inzwischen in verschiedenen Filmen für junge Leute (auch Horrorfilme) üblich geworden sind: hier treffen sich hetero, lesbisch, schwul, bi, trans and so on in einer Art lebensbejahender Aufbauorganisation, die ihren Spaß „neben“ den Normalen hat, nicht wie umgekehrt auf Kosten der „Anderen“. Weiblichkeit und die Stärkung des Femininen liegt im Vordergrund, allerdings nicht als Kampfbegriff, sondern im Selbstverständnis.
Diametral gegenüber gestaltet sich in einem Fall die Restfamilie in einer kultisch angelegten toxischen Maskulinität, die erträglicher wäre, wäre sie gleichzeitig nicht so frauenfeindlich angelegt.

Wie man also merken kann, ist „Craft: Legacy“ mehr eine "supernatural fantasy" über Identitätsfindung oder das Selbstbewusstsein des Auslebens, angereichert mit „body positivity", denn ein Gruselfilm.
Tatsächlich wirkt der Film mitunter mehr wie ein Statement als wie eine Geschichte, die nebenbei Elemente positiv transportiert, die mittlerweile immer häufiger unter dem Begriff „woke“ falsch negativ besetzt werden.

Das ist aber dann auch für mich das Hauptproblem, wenn ich den Film als Ganzes in Genregrenzen bewerten muss: er hat die richtigen Ziele und benennt alles beim Wort. Aber: er tut das wenig subtil. Die Probleme und Schwierigkeiten wurden schön in dem Film aufgereiht, hintereinander abgearbeitet und in einigen Sequenzen (der geläuterte misogyn-grobe Mitschüler, der eigentlich bisexuell ist) sogar mit dem Holzhammer und dem Pferdehaarpinsel dick aufgetragen.
Man spürt die Absicht dahinter und das macht den Spaß ein wenig kaputt, denn die Simplizität des Skripts hat den Figuren schon jede Verantwortlichkeit fast aus der Hand genommen. Die vier Hexen sind grundsätzlich freundlich, fröhlich, hatten bislang mit sich und Anderen Schwierigkeiten, aber magisch komplett agil. Nichts ist geblieben von der Naturkraft „Manon“ aus dem Original, wo jede Selbstbedienungsmentalität bei der Magie zweifach auf dich zurückfiel. Hier ist Zauberei der Partyspaß des Lebens und wenn es dann ernst wird mit den Folgen haben die Protagonistinnen genügend Verantwortungsbewusstsein, um sofort die Konsequenzen zu ziehen. Löblich – und gut, dass die tödlichen Folgen dann später nicht ihre Schuld waren.

So fehlt dem Film häufig eine originelle Balance, er plätschert einfach fröhlich durch die Landschaft, hakt Teenie-Themen und Traumata ab und schafft es nicht einmal, seinem Quartett einen charakterlichen Unterbau zu geben. Cailee Spaeny ist als Tomboy in der Hauptrolle zwar begabt, aber die anderen drei sind eigentlich nur Charakterblaupausen, eine schwarz, eine trans und bei der dritten bin ich mir nicht mal sicher, ob sie nun rothaarig oder lesbisch oder nur leicht überdreht sein soll. Mehr ist an den Figuren aber auch nicht dran und mehr kriegen sie meistens auch kaum zu tun, außer fröhlich mit magischen Untensilien rumzuspielen. Tatsächlich hat sogar der geläuterte Grobian Timmy mehr Charakterausbau als der zentrale Zirkel, der dem Film immerhin den Namen gibt.

Tja und dann haben wir als Gaststars noch Michelle Monaghan als Mutti und David Duchovny als neuer Stiefvater, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten das geben, was das softe Skript anbietet.
Was es nicht hergibt, ist ein angemessenes Finale mit einem spannenden Höhepunkt – tatsächlich ist der zentrale Konflikt geradezu sinnentstellt schnell vorbei und der Film kann seine finale Cameo-Surprise präsentieren, auf die man auch selbst hätte kommen können, die aber dann doch den Bogen vom Reboot zum Sequel schlägt.

Ich bin sicher, der Film findet nachträglich noch sein Publikum, denn er verzichtet auf den ganz großen Kulturkampf und spielt auch die üblichen Mechanismen des Horrorfilms mit Minderheiten nicht ein tausendstes Mal durch, aber mehr als ein sympathisches Plädoyer für identitäre und sexuelle Offenheit contra Repression des Paternalismus ist dabei nicht rausgekommen. Man ist sich am Ende nicht sicher, ob der Film zu sehr auf seine thematisch moderne Karte setzt oder diese einer simplen Märchenstory opfert, die dem Identitätskonflikt eigentlich eher aus dem Weg geht. Das kann dann auch nicht die Absicht der Macher gewesen sein. Nette 5/10, aber wenig mehr.

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