Seit dem Tod ihres Mannes muß sich Virginie Hébrard (Suliane Brahim) alleine um ihre beiden Kinder kümmern - die tatkräftige Enddreißigerin hat sich dazu auf die Anzucht von Heuschrecken spezialisiert, die sie in einem Zelt neben ihrem Wohnhaus irgendwo auf dem Land in Frankreich hält, später im Ofen brät und das Heuschrecken-Mehl dann verkauft. Ein Nischenmarkt, den die resolute Alleinerzieherin da bedient, doch sie tut es mit vollem Einsatz, ist sie doch vom Grundsatz, daß Heuschrecken mehr Protein liefern als Hühner- oder Schweinefleisch, felsenfest überzeugt. Leider laufen die Geschäfte nicht sonderlich gut, die Heuschrecken vermehren sich viel zu wenig, und die Erträge für das dünne Mehl sind zu wenig, um mit zwei Kindern zu überleben. Während der vielleicht 7-jährige Gaston (Raphael Romand) die Heuschreckenzucht aber durchaus spannend findet, hat die etwa 13-jährige Laura (Marie Narbonne) unter dem Spott ihrer Klassenkameraden zu leiden, die sich über den ungewöhnlichen Broterwerb ihrer Mutter lustig machen: sie hilft zwar brav mit beim händischen Heu ernten, doch insgeheim hasst sie die Heuschrecken und will einfach nur weg.
Virginie, die früher Ziegen gezüchtet hat, von denen eine unter dem Namen Huguette zur Freude von Gaston als Haustier bei der Familie wohnt, glaubt weiter an den Erfolg ihrer Unternehmung und kämpft für faire Preise: Als ihr statt der erwarteten 950€ nur 700€ für eine Ladung Mehl geboten werden, kündigt sie die Zusammenarbeit mit dem Bio-Supermarkt auf, einen Entenzüchter, der ihr 200€ bietet, verscheucht sie glatt vom Hof. Hilfsangebote des benachbarten Weinbauern Karim (Sofian Khammes), einem ebenfalls hart an seinem Traum arbeitenden Arabers, dessen holprigen Start Virginie und ihr Mann seinerzeit tatkräftig unterstützt hatten, lehnt sie jedoch ab - sie will es alleine schaffen. Dabei hat sie nicht nur mit der geschäftlichen Flaute, sondern auch mit dem zunehmenden Unwillen ihrer Tochter Probleme.
Eines Tages entdeckt sie durch Zufall, als die Heuschrecken an einer kleinen Verletzung Blut lecken, daß dieser ganz besondere Saft deren Fortpflanzung im positiven Sinne beeinflußt. Neugierig und experimentierfreudig ritzt sich Virginie absichtlich selbst und kann schon in den folgenden Tagen eine deutliche Vermehrung ihrer Heuschrecken feststellen - es summt und brummt derart, daß sie ein Extra-Zelt aufstellen läßt, um der Insekten Herr zu werden. Doch damit nicht genug: in den folgenden Wochen bestellt sie zur Fütterung literweise Blutkonserven aus einem Labor und bald sind es fünf Zelte, in denen es - rings um das Haus aufgebaut - Tag und Nacht sirrt und flirrt...
Mit der ungewöhnlichen Lebenssituation einer entschlossenen Heuschreckenzüchterin weiß der von ARTE France koproduzierte Netflix-Film La Nuée ("die Wolke") sein Publikum schnell zu interessieren, und obwohl der Film über weite Strecken mehr ein Sozialdrama ist, sieht man den absolut authentisch agierenden Darstellern gerne zu, die sich ohne hollywood-typisch tränentreibende Szenen oder sonstigen Kitsch einfach bemühen, ihr Leben zu meistern.
Suliane Brahim, die eine herausragende Leistung als Hauptdarstellerin abliefert, macht dabei eine von ihrer Umwelt kaum bemerkte Wandlung durch, die erst zum Schluß fatale Konsequenzen hat - sie wird die Geister, die sie rief, nicht mehr los, doch will sie sich diesen schleichenden, sie selbst zerstörenden Prozeß nicht eingestehen.
La Nuée, dessen deutscher Titel Schwarm der Schrecken mit der Doppeldeutigkeit des Wortes "Schrecken" spielt, ist alles andere als ein klassischer Horrorfilm, eher im Gegenteil baut er erst etwa 20 Minuten vor Schluß erste genretypische Elemente ein, die - sparsam dosiert - ihre Wirkung dafür umso mehr entfalten. In diversen Einstellungen sind Großaufnahmen der Insekten zu sehen, wie sie sich bewegen, wie sie fressen und wie ihr allgemeines Sozialverhalten aussieht - doch wer blutrünstige Horden erwartet (wie man sie von Spinnen, Fröschen, Alligatoren und dergleichen aus Tierhorror-Streifen kennt), der wird hier enttäuscht werden, denn die Heuschrecken bleiben bis fast zum Schluß beherrschbare Krabbeltiere.
Leider wirkt das überdramatisierte Ende des Films, noch dazu bei schlechtem Licht in der Morgendämmerung gedreht, etwas gehetzt bzw. verkürzt, was zu den vorangegangenen 141 Minuten, in denen sich das Drehbuch ausführlich Zeit für Handlung und Charaktäre nimmt, so gar nicht zu passen scheint - vielleicht ist dieser ambitionierten französischen Produktion, einem veritablen slow burner, am Ende das Geld ausgegangen, dennoch bleibt ein insgesamt sehr positiver Eindruck: 7 Punkte.