Review

Wenn mir als Titel „Schwarm der Schrecken“ und als Oberthema Heuschrecken präsentiert werden, dann erwarte ich – Zeitzeuge aller möglichen schlechten Auswüchse möglicher Tierhorrorfilme – doch erstmal einen flotten Billigschnellschuss mit miserabel animierten Wolken von geflügelten Knusperfutzis, die sich über Ernte und Einwohner hermachen.

Zumindest war das die Annahme, als ich „La Nuée“ startete, noch nicht bewusst, dass mich keine Asylum-Sülze, sondern ein französischer Film erwartete, der das Thema durchaus sensibel angeht.
Was dann auch vermutlich das Hauptproblem dieser Produktion sein wird, da er bei Netflix wohl eher in der Gruselecke stehen wird und dadurch bei Suchenden falsche Erwartungen weckt.
„La Nuée“ bedeutet nichts anderes als „Der Schwarm“, aber der spielt in dieser Geschichte eigentlich nur eine prominente Nebenrolle, wer also jetzt auf einen Katastrophenthriller mit Insektenmassen setzt, wird über weite Strecken enttäuscht werden.

Im Kern ist „Schwarm…“ ein familiäres Personendrama, bei dem eine komplexe Familiensituation eher die Schwierigkeiten im Kampf um Gleichstellung und Selbstverwirklichung wiederspiegelt. Denn irgendwo in der modernen französischen Landprovinz bemüht sich die noch junge Virginie um den Aufbau eines eigenen – und hoffentlich richtungsweisenden – Unternehmens: die Zucht von Heuschrecken als Teil der Lösung des Welthungerproblems. Oder ganz profan: sie züchtet sie wahlweise als Delikatesse oder als Viehfutter, denn hier ist keine idealistische Wissenschaftlerin am Werk, sondern eine Frau, die um ihr Auskommen kämpft und sich deswegen aller Mittel bedient, die man für das Gewerbe einsetzen muss.

Gleichzeitig hat sie neben diesem zeit-, ja lebensfressenden Job noch zwei Kinder, wobei der Sohn noch in der eher genügsameren, verspielten Phase der Vorpubertät festhängt, während ihre Tochter Laura mit dem „Landleben“ enorm fremdelt. Von den einheimischen Kindern gehänselt, von der Mutter quasi als kostenlose Assistenzkraft missbraucht, fehlt es ihr nicht nur einer Mutterfigur in dieser emotional schwierigen Phase, sondern auch an einer Ansprachemöglichkeit. Das hängt mit dem Tod des Vaters zusammen, der nur in Randbemerkungen thematisiert wird, aber offenbar bei der Viehzucht relativ überraschend verstorben ist. Virginie lässt aber weder Trauer bei sich zu, noch kümmert sie sich wirklich um die der Kinder; sie ist vollends damit beschäftigt, alle Widerstände zu bezwingen, die dagegen sprechen, dass sie es als alleinerziehende, junge, verwitwete und auf dem Berufsgebiet unerfahrene Frau schafft, Familie und Karriere erfolgreich zu vereinen.

In diesem Prozess der Selbstverwirklichung und Aufopferung gerät sie für ihr Umfeld zu einer zunehmend unnahbaren Person, gerät regelmäßig in Konflikte mit ihrer Tochter, die sich vernachlässt fühlt. Die einzige enge Person, die sie anfangs noch zulässt, ist ein aus dem Ausland stammender Ex-Gastarbeiter, der sich wegen ihrer früheren Hilfe verpflichtet fühlt, nun ihr wiederum zu helfen und sie in Notlagen zu finanzieren. Mit ihren Lieferanten und Abnehmern gerät sie wiederholt in Konflikt, erst wegen des Zuchtmisserfolgs, später weil sie angesichts des Erfolgs nicht mehr zugänglich ist.
Die Heuschrecken sind dabei nur der Elefant im Raum; die Tiere, die an allem fressen, der Schlüssel zum Erfolg und zum Verlust der Seele. Die Metapher gerät geradezu banal direkt: erst als Virginie dem Götzen ihrer Emanzipation regelrechte Blutopfer bringt, fangen die an zu wachsen und sich entsprechend zu vermehren. Natürlich erfolgt das im Rahmen von Zufällen, doch daraus ergibt sich eine echte „Aufopferung“, die später sogar darin kulminiert, dass sie ihren Körper den Insekten zur Verfügung stellt, als ihr Nachschub aufgrund von Bürokratie (die, wie man vermuten darf, männlich ist) abreißt.

Mehr Insekten bedeuten natürlich mehr Geld und das wiederum bedeutet Expansion, also noch mehr Aufopferung und gleichzeitige Vernachlässigung der Tochter, die nichts schneller will, als aus der Gegend verschwinden und sich von ihrer Mutter betrogen sieht. Aber das „fressende“ Kapital frisst auch gleichzeitig Virginies physische und mentale Substanz an, bis der Einfluss der Insekten unkontrollierbar wird.
Erst gegen Ende bricht das erwartete Inferno los, allerdings auch hier einem Konflikt zwischen Elter und Kind, oder besser Kindern.

„Schwarm“ ist ein erschreckender Film, weil er sein Thema vergleichsweise ruhig und realistisch angeht und den Verfall eines eh schon angeknacksten Familienverhältnisses nachvollziehbar nachzeichnet. Wenn Virginie später stundenlang brav mit ihrem Sohn eine Suchaktion in der Gegend durchzieht, obwohl sie weiß, dass die Haustierziege, nach der sie Ausschau hält, von den Heuschrecken gefressen wurde, sie es ihrem zweiten (braven) Kind aber nicht gestehen kann (denn alles was mit den Heuschrecken ist, liegt in ihrer Verantwortung), dann ist das metaphorische Kind längst in den Brunnen gefallen.
Das nahezu apokalyptische Finale des Films ist dann auch eher einer der Schwachpunkte, der nämlich den Film eher mit einem Fragezeichen enden lässt, weniger Katharsis, kaum emotional nachvollziehbare Reaktionen, dafür mehr Wiedergeburt der familiären Situation, die allerdings fast aus dem Nichts zur Niederkunft kommt.

Dazu benötigen die Macher nur wenige wirklich eindrucksvolle Effekte, allein die großen Heuschrecken, die Vieh, Figuren und tote Körper bedecken, genügen als Bildnis, das man auch Kapitalismuskritik verstehen könnte. Ein sehr intensives Drama, manchmal nah am Arthaus, fast gänzlich ohne Sensationsheischerei, verlangt aber nach anderen Zuschauern als dem gängigen Tierhorrorpublikum. Und manchmal fühlt es sich an, als käme der Film 20 oder 30 Jahre zu spät. Oder im Kino läuft seit einiger Zeit etwas falsch. (7,5/10)

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