Review
von Leimbacher-Mario
Talismane, Traditionen & Teufelskerle
(Groß-)Eltern mit extremer Neugier, sturen traditionellen Werten, scheinbar selbstverständlichem Mitbestimmungsrecht im Leben ihrer Nachfahren und einer (un)gesunden Prise Egoismus - ein (Familien-)Szenario, das wohl nahezu jedes Kind (besonders mit Vorfahren aus südlichen, arabischen oder asiatischen Gebieten) nur allzu gut und schmerzhaft kennt. Da fällt der Spagat, die Abnabelung und die Integration besonders schwer. Ähnlich geht es auch der indischstämmigen Protagonistin in „Evil Eye“, in dem die noch nichtmal dreißigjährige, in Amerika lebende Frau dauernd von ihrer anhänglichen Mutter (wohnhaft in Neu-Delhi) mit Vorwürfen und Kuppelversuchen penetriert und degradiert wird. Bis sie eines Tages zufällig selbst auf ihren vermeintlichen Traummann stößt und sehr glücklich ist. Doch dieser scheint fast zu perfekt um wahr zu sein und die indische Mama hat dabei ein ganz schlechtes Gefühl - auch wegen ihrer eigenen Vergangenheit...
„Evil Eye“ ist einer von vier Blumhouse-Titeln, die diesen Oktober zu Amazon Prime ausquartiert wurden. Und leider gehört die amerikanisch-indische Produktion nicht zu den Sternstunden dieses Quartetts oder des berühmt-sparsamen Horror-Produktionsstudios. Loben muss man die beiden Ladies, sowohl die (bemitleidenswerte) Tochter wie die (aufdringliche, lange Zeit nahezu krankhaft erscheinende) Mutter - beide machen ihren Job mit eindringlicher Bravour und viel Charisma. Wären beide schwächer besetzt, wäre „Evil Eye“ eine Qual. So ist er guckbar mit deutlichen Abzügen wenn man genauer hinschaut. Die meiste Zeit wird nur telefoniert und gequatscht, sich im Kreis gedreht und die Tochter mit Ratschlägen und Warnungen massiv und extrem genervt. Da kommt null Stimmung, null Spannung, null Horror und null Abwechslung auf. Selbst wenn man mit der Protagonistin absolut mitfühlt, es wiederholt sich einfach zu viel und tritt ärgerlich auf der Stelle. Und anstatt dann die mutigere, ungewöhnlichere, realistischere Abzweigung zu nehmen und etwas zu wagen, die Themen des mütterlichen Zwangs und der traditionellen Ketten konsequent durchlaufen und auf die Spitze zu treiben, wird dann leider gegen Ende doch nur die billigste, simpelste und ausgetretenste Route genommen. Und jeder der den Film gesehen hat, weiß, dass man ihn auch anders und knackiger hätte enden lassen können. Selbst wenn auch die gewählte Aussage natürlich wichtig und unterstützenswert ist - der Qualität, der Bissigkeit und der Stimmung hat die Wahl nicht geholfen.
Fazit: dezenter Multikulti-Thriller, der nicht nur lange Zeit kaum Spannung enthält und dann auch noch die meiner Meinung nach falschen, uninteressanteren, total ausgelutschten Bahnen nimmt, sondern außer ein paar netter Themenkomplexe und einer sympathischen Hauptdarstellerin einfach viel zu wenig aus seinen Möglichkeiten macht, zudem oft sehr eintönig, fast gelangweilt wirkt. TV-Niveau durch und durch. Tut nicht wirklich weh - ist aber leider auch echt nicht wirklich gut.