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Staffel 1

Berlin 1946: ein Jahr nach Kriegsende hat sich die ehemalige Reichshauptstadt zur Verbrechenshauptstadt der Welt entwickelt. Vollständig in Trümmern liegend sind dort Nahrungsmittel und Konsumgüter weiterhin knapp, Schwarzmarkt und Straßenprostitution blühen und jeder versucht irgendwie zu überleben. Trotz der Einteilung der Stadt durch die Siegermächte in 4 Sektoren gibt es keine staatliche Ordnung mehr - ein erster zaghafter Versuch eines Neubeginns in diese Richtung besteht in der Etablierung einer Polizeiwache im südlichen, amerikanischen Sektor. Ein Dutzend Zivilisten, meist Frauen, nehmen hier unter dem Kommando von Elsie Garten (Nina Hoss) in einer ehemaligen Bank polizeiliche Aufgaben wahr. Ohne Uniform und nur mit Stuhlbeinen "bewaffnet", da Deutsche keine Waffen tragen durften, hat die als "Vogelscheuchen" bezeichnete Truppe freilich einen schweren Stand in diesem chaotischen Umfeld.
Ein Lichtblick in diesen Zeiten scheint die Entsendung des New Yorker Cops Max McLaughlin (Taylor Kitsch) zu sein, der auf Ansuchen der neuen deutschen Verwaltung beim Aufbau einer Polizeiwache nach US-amerikanischem Vorbild helfen soll. Der hemdsärmelige Max bringt sich auch tatkräftig ein, ist in Wahrheit aber auf der Suche nach seinem Bruder Moritz (Logan Marshall-Green), einem desertierten GI, den er richtigerweise in Berlin vermutet. Moritz allerdings, der einen schweren Dachschaden hat, welcher ihm schon in früher Kindheit in den Staaten attestiert wurde, bleibt vorerst im Hintergrund, da sein Zeitvertreib, wahllos Nazis zu foltern und zu ermorden, nicht den Beifall seines Bruders Max finden würde.
Schließlich ist da noch der sagenumwobene Engelmacher: ein Syndikatschef, der weite Teile des Schmuggels, der Prostitution und des Glücksspiels beherrscht und den Elsie und Max gerne dingfest machen würden. Seine charakteristischen Namen erhielt er, nachdem er den zuhauf vergewaltigten Frauen bei einer Abtreibung hilft, sie im Gegenzug dafür jedoch in Bordellen unterbringt. Später stellt sich heraus, daß dieser Engelmacher, bei dem es sich - wie von Anfang an für das Publikum ersichtlich - um den unscheinbar auftretenden Arzt Dr. Werner Gladow (Sebastian Koch) handelt, auch mit Max´ Vorgesetztem, Vizekonsul Tom Franklin (Michael C. Hall) Geschäfte macht...

Eine an sich recht interessante und vom Kino bis dato eher weniger beleuchtete Epoche stellt das besiegte Deutschland unmittelbar nach Ende des 2. Weltkriegs dar. Leider erweist sich die aufwändig gestaltete Kulisse von Schatten der Mörder - Shadowplay, dessen Originaltitel The Defeated ("die Besiegten") wesentlich besser zum Geschehen passt, bald als das einzig nennenswert Positive in dieser merkwürdigen filmischen Utopie aus Rachephantasien an Nazis und Detektiv-/Kriminalroman: zu unwahrscheinlich, zu weit hergeholt und streckenweise an den Haaren herbeigezogen wirkt der Plot um den in einer Art Philip Marlowe für Arme agierenden Amerikaner McLaughlin, dessen private Agenden sich zunehmend mit seinem offiziellen Auftrag vermischen.

Dabei fängt die Serie relativ vielversprechend an, startet mit einem schwarz-weißen TV-Beitrag aus den Staaten, der ein Heile-Welt-Bild des geschlagenen Deutschland zeichnet, in dem Frauen lachen, Kinder tanzen und sogar wieder die Blumen blühen - um dann in einem harten Schnitt in einer Totalen die Realität zu zeigen: eine völlig zerbombte Stadt, in der kilometerweit kaum ein Gebäude unbeschädigt ist und zwischen dessen Trümmern Überlebende und Besatzungssoldaten eifrig herumwuseln. Geradezu rührend ist Elsies völlig improvisierte Polizeitruppe aus überwiegend Frauen, deren größtes Glück ein paar gespitzte Bleistifte sind, mit denen sie frisch ans Werk gehen dürfen. Doch die naive Unbekümmertheit, mit der hier ein neues, besseres Deutschland aufgebaut werden soll, und welche (im Übrigen völlig falsche) Erwartungshaltungen beim Publikum weckt, hält nicht lange vor - schon am Ende der ersten Episode kommt The Defeated auf den Punkt: Schlachtet die Deutschen - its Torture Porn Time in Berlin 1946!

Denn am Ende dieses ersten (von insgesamt 8) Teilen erhält Max einen Hinweis von seinem Bruder, sich an einen bestimmten Ort zu begeben, wo Moritz´ Werk zu besichtigen ist - vier Leichen baumeln von der Decke: ein Mann, eine Frau, ein Bub und ein Mädchen, alle in Nazi-Uniformen. Sie hängen dabei an Drähten, die aus ihren Mündern kommen und auf grausame Folter zuvor hinweisen - die typischen Zutaten für einen Folter-Porno. Max ist zunächst unangenehm berührt, nicht aus Mitleid mit den Toten sondern weil er weiß dass sein Bruder die Morde begangen hat, doch aus familiärer Fürsorge deckt er Moritz und läßt die Leichen verschwinden, was in krassem Gegensatz zu seinem sonstigen, von Gewissenhaftigkeit geprägtem Verhalten steht.
Diese vier Morde sind jedoch erst der Anfang - fortan pickt sich Moritz Deutsche heraus, die er für schuldig hält, lockt diese in einen Hinterhalt und schlägt sie nieder. Die Opfer erwachen dann gefesselt und werden von Moritz, der sich über seine Opfer lustig macht, genüßlich zu Tode gefoltert, wobei sich das Drehbuch durchaus an Saw und Konsorten orientiert, wenngleich die Vorrichtungen freilich nicht so bombastisch groß und aufwändig gestaltet sind.

Als nächstes nimmt sich Moritz eine dickliche Fahrradverkäuferin vor, die laut Akten im KZ Ravensbrück tätig war und grillt sie unter zynischen Bemerkungen auf einem Metalltisch - ein sich wiederholendes Muster, das spätestens nach der 3. Episode überdies auch klarstellt, daß all die seichten Geschichtchen vom Phantom Engelmacher, rachsüchtigen Straßenmädchen, böswilligen Russen, profitgeilen US-Konsuln, nach verschollenen Ehemännern suchenden Frauen usw. nur x-beliebiger Füllstoff sind, diesen Torture Porn nach bekanntem Muster in die Länge zu ziehen.

Doch wer ist dieser selbsternannte Rächer, der weder jüdischer Herkunft noch sonst ein Opfer oder Verfolgter des NS-Regimes ist? Das einzige und noch dazu äußerst dünne Feigenblatt, das die Regie seiner überaus sadistischen Rolle zukommen läßt, ist Moritz´ Teilnahme an der Befreiung des KZ Dachau. Der Anblick ausgemergelter Häftlinge dort genügt den Drehbuchautoren, die vehement die These der deutschen Kollektivschuld vertreten, den eher unscheinbaren Amerikaner, der in der ersten Nacht in Dachau gleich mal 36 KZ-Wachen liquidiert hat, auf das Tätervolk loszulassen. Ein Tätervolk, das neben Frauen (meist jungen Nutten) ausschließlich aus Duckmäusern und ihre Taten abstreitenden Feiglingen besteht und jetzt die Frechheit besitzt, einfach zur Tagesordnung übergehen zu wollen.
Für ein bildungsfernes Publikum ohne historische Vorkenntnisse jenseits des großen Teichs mag das als billiger Thrill ausreichen, im sensibilisierten deutschsprachigen Raum wirft so ein Szenario zwangsläufig kritische Fragen auf - sind solche Fememorde an kleineren Chargen (später kommen größere hinzu) moralisch überhaupt vertretbar? Rechtfertigt die bloße Teilnahme halbwüchsiger Kinder an HJ und BDM deren brutale Ermordung? Fragen, um die sich die Regie jedoch zu keiner Zeit schert. Zur Sicherheit wird dem psychopathischen Killer noch ein Kindheitstrauma in den Lebenslauf geschrieben - er ist als Amerikaner schließlich Teil einer neuen, *hust*, gerechten Weltordnung.

Das fiktionale, historisch völlig inkorrekte Drumherum beginnt bei The Defeated allerdings schon bei den "Vogelscheuchen", denen allein durch ihr Geschlecht niemals eine tragende Rolle zugestanden worden wäre - Frauen als neue deutsche Polizei? Nie und nimmer in der damaligen Zeit. Als einige  Sowjets zum Spaß deutsche Zivilisten erschießen (im amerikanischen Sektor - hmmmm?) ist die große Stunde von McLaughlin gekommen - in zivil und mit Dreitagebart stellt er sich, assistiert von Elsie, den mit MP bewaffneten Russen in den Weg, die daraufhin tatsächlich von den Zivilisten ablassen. Sagenhaft, welche Autorität so ein ziviler Beamter offenbar ausstrahlt, daß sogar sowjetische Soldaten ihn sogleich erkennen - boing! In Wirklichkeit hätte er so ein Spielchen nie überlebt, sondern wäre selber einfach über den Haufen geschossen worden. Folgerichtig(?) kommt dann sogleich ein russischer General des Weges und klärt die Situation - Alexander Izosimov (Ivan G'Vera), der Oberkommandierende des russischen Sektors. War wohl nicht viel los an diesem Tag, fährt er halt im amerikanischen Sektor spazieren - wtf??

In dieser Tonart geht es weiter: der anfangs nicht unsympathische McLaughlin bewegt sich dabei für den Rest der Serie immer unrasiert in Zivilklamotten, sowohl bei den Ermittlungen wie auch in der US-Botschaft, und das in einer Zeit, als allüberall - selbst bei den niedrigsten Diensträngen - penibel auf ein gepflegtes Äußeres geachtet wurde, insbesondere was die tägliche Rasur betraf. Dennoch tritt Taylor Kitsch stets mit Stoppelbart und Zigarette im Mundwinkel auf - ein Typus Ermittler, wie er erst Jahrzehnte später in Erscheinung trat und der hier in einer völlig atypischen Umgebung agiert. Dies gilt auch für den übertrieben bösartig dargestellten Russen-Kommandeur, der noch eigenhändig foltert (z.B. den jungen jüdischen Überlebenden Gad aus Elsies "Vogelscheuchen"-Truppe) und den erst deutlich später aufkeimenden Ost-West-Konflikt schon vorwegnimmt.

Immerhin ist die optische Aufbereitung der Location größtenteils als gelungen zu bezeichnen, jedoch nicht frei von Kontinuitätsfehlern (eine von oben per Computertechnik völlig zerstörte Stadt, doch bei den Szenen im Straßencafe sind die gegenüberliegenden Häuser sämtlichst intakt bis auf ein paar nachträglich angebrachte kleine "Einschußlöcher" im Putz, oder auch ein ausgeschlachtetes Fahrzeug am Wegrand, dem schon Motor, Fahrerhaube und ein Scheinwerfer fehlen, das aber - oh Wunder! - noch auf allen 4 aufgepumpten Reifen steht).

Nina Hoss und Sebastian Koch liefern eine gewohnt routinierte Performance, ohne dabei zu glänzen, doch ist ihr Potential in diesem, in einer alten Zuckerfabrik bei Prag gedrehten Streifen durch dessen fragwürdige Zielsetzung fast schon verschenkt - vor allem im Hinblick darauf, daß all ihr filmisches Handeln letztendlich völlig belanglos und unbedeutend bleibt.
Die ersten beiden Episoden hätten vollkommen ausgereicht, den Zuschauer ins Bild zu setzen - danach franst die Story zu sehr aus, eröffnet zwischen den Folterszenen unbedeutende Nebenstränge und tritt zu oft auf der Stelle, um am Ende erwartbarerweise den Engelmacher zur Strecke zu bringen. Eine weitere Auflösung oder einen Abschluß der Geschichte(n) gibt es allerdings nicht, der Folterer kommt selbstredend ungeschoren davon und der genervte Zuschauer mag sich am Ende die Frage stellen, wieso er seinem Drang, vorzeitig abzuschalten, nicht doch nachgegeben hat.
Die Thematik von der Rache an belasteten Nazis ist durchaus interessant und wurde beispielweise im 1976er Marathon-Mann, in der Akte Odessa und zuletzt in Tarantinos Inglorious Basterds auch durchwegs akzeptabel aufbereitet, der Torture Porn The Defeated jedoch beschränkt sich ausschließlich auf rohe Gewalt um der rohen Gewalt willen und hinterläßt in jeder Hinsicht ein miserables Gefühl. 1 Punkt.

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