Obgleich die Anzahl von Terroranschlägen 2021 im Vergleich zu den Vorjahren deutlich abgenommen hat, sind die Nachwirkungen vorheriger Attentate, nicht nur europaweit nur allzu präsent. Vorliegendes Regiedebüt von Alessandro Tonda beschäftigt sich mit einem Selbstmordattentat, welches sich stellvertretend irgendwo in Europa recht ähnlich zugetragen haben könnte.
Der islamistische Terroranschlag an einer Schule in Belgien ist für die Rettungskräfte Isabelle (Clotilde Hesme) und Adamo (Adamo Dionisi) noch nicht beendet, denn erst im Rettungswagen bemerken sie, dass Eden (Adam Amara) einer der beiden Selbstmordattentäter ist, dessen Sprengstoffgürtel noch nicht gezündet wurde…
Durch die dynamische Handkamera erhalten die ersten Minuten ein beinahe dokumentarisches Flair, welches einen zutiefst verstörenden Charakter zutage fördert. Zunächst wird der Alltag vor und im Eingangsbereich der Schule eingefangen und umso unvermittelter wirkt die Dringlichkeit, als Schüsse fallen und schließlich eine Bombe gezündet wird. Als die beiden Rettungskräfte den Tatort beschreiten, gleicht das Szenario einem Schlachtfeld, bis das Geschehen ins Innere des Krankenwagens wechselt und einen leicht klaustrophobischen Charakter annimmt.
Parallel hierzu gibt es diverse polizeiliche Ermittlungen, einschließlich der Befragung der Eltern des Tatverdächtigen. Leider sind die Dialoge rar gesät, denn Eden lässt sich auf kein Gespräch ein, wodurch etwaige Motive des 16jährigen anhand weniger Fakten lediglich erahnbar sind. Wie Isabelle tickt, während Adamo nur das Fahren bestimmter Routen bleibt, erschließt sich nur häppchenweise, denn obgleich Eden verletzt ist, bleibt sein Finger am Zünder, was die Gesamtsituation dauerhaft spannend gestaltet.
Allerdings kommt der Stoff an vielen Stellen kaum über Oberflächlichkeiten hinaus, sei es die eigentlichen Drahtzieher betreffend, noch innerhalb der familiären Situation des jungen Täters. Immerhin gestaltet sich das Vorgehen der Ermittler nachvollziehbar, Kommissar Zufall hilft gegen Ende allerdings ein wenig nach, während der Showdown kaum eine nennenswerte dramaturgische Steigerung bereithält.
Neben der versierten Kamera und dem betont ruhig angelegten Score sind primär die durchweg solide agierenden Mimen zu erwähnen, die dem Szenario einen weitgehend realitätsnahen Anstrich verpassen. Speziell Clotilde Hesme performt trotz der wenigen Worte recht intensiv und auch Adam Amara nimmt man das Wechselbad aus Verzweiflung und Entschlossenheit jederzeit ab.
Etwas mehr Tiefe bei den Figuren und deren Hintergründen hätte dem Treiben womöglich eine weitaus intensivere, emotionale Note verliehen, denn auf Dauer flacht das Mitfiebern ein wenig ab, weil sich aus der prekären Situation schlicht zu wenig entwickelt. Dennoch hält die beklemmende Ausgangssituation bei Laune, zumal innerhalb der 83 Minuten keine Zeit mit Nebensächlichkeiten vergeudet wird. Für Freunde schnörkelloser Thriller durchaus eine Sichtung wert.
6,5 von 10