Einstmals eine erfolgreiche und gefeierte Geigerin, wurde die Karriere von Ellen (Madelaine Petsch) durch betrügerische Finanzgeschäfte ihres Ehemanns ausgebremst. Trotz Scheidung blieb der Ruf der rothaarigen Endzwanzigerin, die außer ihrem in Asien tätigen Bruder nur noch eine Freundin auf ihrer Seite weiß, beschädigt. In dieser Situation wird sie eines Abends von einem Unbekannten überfallen, der ihr eine Flüssigkeit in die Augen sprüht und sie niederschlägt.
Kurz darauf erwacht sie in einem Krankenbett und muß zu ihrem großen Schrecken feststellen, daß sie erblindet ist - sie kann nichts mehr sehen, vermißt ihre gewohnte Umgebung und ist ganz auf die Hilfe fremder Leute angewiesen. Am Telefon hört sie wenigstens ihren Bruder, der ihr mitteilt, eine neue Wohnung für sie gemietet zu haben samt einem erfahrenen Pfleger, der ihr täglich einige Stunden hilft. Ein Officer und ein Arzt schauen auch vorbei, am meisten Zeit jedoch verbringt der etwa gleichaltrige Omar (Deniz Akdeniz) mit ihr. Der einfühlsame Pfleger versucht Ellen zunächst einmal davon zu überzeugen, ihr grausames Schicksal anzuerkennen und darauf aufbauend ihr weiteres Leben selbst zu gestalten. Doch beide entwickeln im Laufe einiger Wochen Gefühle zueinander, die sie jedoch beide nicht zulassen wollen. Die aufmerksame Ellen versucht anhand verschiedener Geräusche und Laute, die sich zu bestimmten Tageszeiten wiederholen, ihren Aufenthaltsort besser kennenzulernen. Ihr Mißtrauen wird allerdings geweckt, als sie eines Tages eine klagende Frauenstimme aus dem Nachbars-Apartement hört. Mit einer auf ein post-it geschriebenen Einladung zum Tee erhält sie auch bald darauf Besuch von jener Lana (December Ensminger), die sich jedoch merkwürdig verhält und ihr ins Ohr raunt, sie solle hier niemandem vertrauen...
Einen Psycho-Thriller der etwas anderen Art serviert hier Regisseur Cooper Karl, der seiner Hauptdarstellerin viel Raum zur Entfaltung gibt und den Zuseher weitgehend aus ihrer Perspektive Dinge erleben läßt - freilich mit dem feinen Unterschied, daß Ellen nur anhand von Ertasten und Hören Schlüsse ziehen kann. Daß diese Erfahrungen ohne einen visuellen Eindruck mitunter trügen können, kann man des Öfteren miterleben - allerdings führt die Regie auch das sehende Publikum das eine oder andere Mal bewußt in die Irre, was sich durch einen Plot Twist eine Viertelstunde vor Schluß dann aufklärt. Dieser Plot Twist kündigt sich bedauerlicherweise schon nach etwas mehr als der Hälfte der Filmlaufzeit mehr oder weniger an, und so ist es (zumindest für den aufmerksamen Beobachter) keine allzugroße Überraschung mehr, wie sich die meisten (wenngleich nicht alle) Dinge schlußendlich aufklären.
Die mit wenigen Charaktären auskommende Darstellerriege macht ihre Sache übrigens durchweg gut, wobei vor allem Madelaine Petsch in ihrer Rolle geradezu aufzugehen scheint - die äußerlich, vor allem aber innerlich verletzte junge Frau, die sich trotz aller emotionaler Betroffenheit über ihr grausames Schicksal (zu dem auch ein Selbstmordversuch gehört) dennoch einen messerscharfen Verstand wie auch eine gute Portion Empathie bewahrt, wird von Petsch jederzeit authentisch dargestellt. Wie sie ihre stets vorhandene Angst zu überwinden versucht, die Hand tastend nach vorne in die Dunkelheit streckt und langsame Schritte ins Ungewisse wagt - eine trotz aller Verletzlichkeit starke Frauenrolle.
Mehr über den Plot zu erzählen würde zum Spoilern führen - daher nur der Hinweis, daß Sightless in manchen Punkten eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Diener der Dunkelheit aufweist, mehr sei nicht verraten. Fazit: Ein nicht nur für Krimifreunde geeigneter spannender Psycho-Thriller mit einer überraschenden (oder auch nicht ganz so überraschenden) Schluß-Wendung. 7 Punkte.