Argentinien in den späten 1970er Jahren: den örtlich häufig wechselnden Dienstverhältnissen ihres Mannes folgend, zieht die junge Mutter Amanda (María Valverde) mit ihrer 4-jährigen Tochter Nina in eine ländliche Gegend, wo sie in ihrer Kindheit mit ihrem inzwischen verstorbenen Vater oftmals an einem See baden war. Dort will sie den Sommer verbringen und freundet sich schon bald mit der Nachbarin Carola (Dolores Fonzi) an.
Doch die mondän auftretende Blondine plagt ein düsteres Geheimnis: ihr etwa 8-jähriger Sohn David (Emilio Vodanovich) trägt ihrer Ansicht nach etwas Böses, Dunkles in sich, seit er als Kleinkind schwer erkrankte und mangels schnell verfügbarer ärztlicher Hilfe von einer weisen Frau im Dorf einer sogenannten Transmigration unterzogen wurde. Mittels dieser, so heißt es, erfolgte damals der Austausch zweier menschlicher Seelen, wobei ein Teil eines neuen, aber fremden Geistes in den schwerkranken Körper des Patienten fährt. Zweck des Ganzen ist die Halbierung der Giftmenge und damit eine gestiegene Überlebenschance, denn der Teil der entweichenden Seele nimmt einen (Groß-)Teil des Giftes mit sich. Als der todkranke David nach der Behandlung geschwächt, aber am Weg der Besserung zu Carola zurückkehrt, erkennt diese ihren Sohn nicht wieder - er ist ihr völlig entfremdet, was die lebenslustige Mittdreißigerin stark bedrückt.
Die neu hinzugezogene Amanda will diese Geschichte, die sie ihrer neuen Freundin durch Nachfragen nach und nach entlockt, jedoch nicht wirklich glauben, sieht sie in David doch nur den völlig normalen Nachbarsjungen. Doch dann beginnt das Unheimliche langsam auch von ihr und ihrer Tochter Nina Besitz zu ergreifen...
Distancia de rescate lautet der spanische Originaltitel dieses Mystery-Streifens und spielt dabei auf die Entfernung der Kinder von ihren Eltern (hier: der Mütter) an - ein wiederkehrendes Thema in der auf einer Romanvorlage beruhenden Arbeit der argentinischen Regisseurin Claudia Llosa, die ihre Protagonistin diese Distanz mehrfach ganz plastisch beschreiben läßt: wie weit könne sie sich von ihrer kleinen Tochter entfernen, um ihr im Notfall noch rechtzeitig zu Hilfe eilen zu können? Doch während Amanda diese Distanz zu Nina in Metern bzw. Sekunden bemessen kann, hat sich Carola über die Distanz zu ihrem Sohn David seit dessen Transmigration gar keine Gedanken mehr gemacht - erst mit Amandas Auftauchen reflektiert sie über ihre seit Jahren erloschene Mutterliebe.
Distanzen spielen auch in den Beziehungen zueinander eine große Rolle: So tauchen die Männer in diesem Film von einer Frau über Frauen für Frauen nur in winzigen Nebenrollen auf und haben keinerlei Einfluß auf die Handlung, die ganz und gar von den beiden ungleichen Protagonistinnen bestritten wird. Ungewöhnlich erscheint auch die Erzählperspektive, denn die ganze Story ist in Form eines Rückblicks angelegt, der noch dazu in langen Passagen von einem Voiceover-Dialog zwischen Amanda und einem jungen Burschen bestritten wird, den man allerdings nicht zu Gesicht bekommt: Immer wieder ermahnt sie dieser, ihre (rückblickende) Geschichte weiterzuerzählen, nicht abzuschweifen und vor allem auch "auf Details zu achten. Details sind wichtig". Entsprechend oft verharrt die Kamera dann auf Kleinigkeiten und vermeintlichen Nebensächlichkeiten, die dem Zuseher Hinweise darauf geben, um was es hier eigentlich geht. Und das ist gar nicht so einfach zu ergründen, steht doch vordergründig die Beziehung der beiden Frauen zueinander im Mittelpunkt. Warum die Zeit so drängt, erfährt man allerdings erst zum Schluß - der Grund dafür wird in der kurzen, teaserartigen Eingangsszene eigentlich schon vorgegeben, gerät aber schnell in Vergessenheit. Für die vielen Fragen, die das Ende des Films möglicherweise unbeantwortet läßt, achte man genau auf die letzte Szene...
Das in der deutschen Übersetzung titelgebende Gift, nach 25 Filmminuten konkret erwähnt, wird übrigens nicht weiter spezifiziert, es ist im Wasser, in dem David als Bub spielt und sofort schwer daran erkrankt, es tötet Pferde, Hühner, Enten und Gänse und dennoch spielt dieses Gift nur insofern eine Rolle, als es die Rahmenhandlung beeinflußt.
Die zwanglosen, ungekünstelten Dialoge der beiden Protagonistinnen verleihen der Story eine erfreuliche Authentizität, und Amandas zeitgenössisches Coupé (ohne Kopfstützen) sowie der Verzicht auf Handies und sonstige technische Spielereien lassen einem auch die zeitliche Ebene plausibel erscheinen - lediglich die viel zu großen und modernen Tattoos der Argentinierin Dolores Fonzi (in ihrer Rolle als Carola) weisen auf ein deutlich jüngeres Produktionsdatum, nämlich die Gegenwart, hin.
Vieles bleibt bewußt unkonkret in Fever Dream, so dessen internationaler englischer Titel, vieles deutet auf einen Traum (sic!) hin und als solcher kommt einem das Gesehene dann auch vor, wenn der Abspann läuft. Wer möchte, kann auch eine gesellschaftspolitische Aussage hineininterpretieren in diesen Streifen, der in keine der bekannten Genre-Schubladen passt und am ehesten noch unter Psycho-Drama mit Mystery-Einschlag zu verorten ist. Die einfühlsamen Bilder und die unaufgeregte Erzählweise wissen zu gefallen, doch wird die unzutreffende Horror-Kategorisierung seitens des Produzenten Netflix sicher wieder für einige Enttäuschungen sorgen. 6 Punkte meinerseits für diesen Sommertraum.