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„Der weiße Mann ist auf dem Rückzug. Dieses Jahrhundert gehört dem brauen und dem gelben Mann“. Davon ist Balram (Adarsh Gourav) überzeugt, als er 2010 dem chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao anlässlich dessen anstehenden Besuchs in Indien die Geschichte seines Lebens schreibt.
Dabei erzählt Ramin Bahranis Film vom Aufstieg Balrams vom armen Tagelöhner in seinem Heimatdorf zum Unternehmer in Bangalore, wobei der Weg dorthin voller Widrigkeiten und mal mehr, mal weniger moralisch einwandfreier Entscheidungen ist.

Indien ist ein Land der Gegensätze, so wie viele andere auch. „Die größte Demokratie der Welt“, wie es Balram betont, ist immer noch in alten Strukturen verhaftet, in denen die zukunftsbestimmende Herkunft (Kastensystem), Korruption und Ambivalenz an der Tagesordnung sind. Und in diese Welt steigt Balram, dem in der Schule eine Zukunft eingeräumt wurde, die sich so nie erfüllen sollte, ein und in ihr auf.

Zwar handelt es sich nicht um eine autobiographische Geschichte, auch wenn sie als eine solche präsentiert wird, doch mutet es merkwürdig an, dass jemand, der zu Beginn seiner Reise so wenig Ahnung von der Welt hat, am Ende des Films so dasteht. Ja, Balram wird nicht als Dummkopf charakterisiert und ist jemand, der Chancen erkennt, nutzt und dabei berechnend vorgeht. Aber das Gesehene funktioniert letztlich nur als Parabel, in welcher Vorlagenautor Arvind Adiga einmal durch die indische Gesellschaft fegt und durch den Weg, den sein Protagonist nimmt, allerlei gesellschaftliche und politische Missstände anspricht. Und vor diesem Hintergrund funktioniert „Der weiße Tiger“ wiederum in seiner Mischung aus Gesellschaftsdrama und (etwas) Thriller ziemlich gut, mit Versatzstücken einer klassischen Heldenreise. Allerdings ist Balram kein Held in dem Sinne, dazu macht er sich die herrschende Ambivalenz zu sehr zu eigen, sind die Handlungen zu real und die Konflikte zwischen den Hierarchiebenen zu wechselhaft. Beispielhaft genannt sei das Verhältnis zwischen ihm und Ashok (Rajkummar Rao), welches sich im Stundentakt zu ändern scheint, was im Nachgang auch auf Balram abfärbt.

Doch nicht nur das Innere wird thematisiert, viele Außenansichten präsentieren dem Zuschauer ein Panoptikum an Zuständen des heutigen Indien auf dem Land und in der Stadt fernab von jedem Reisekatalog, was dem Film eine kontrastreiche Note verpasst. Auch wendet sich Balram durch das zeitweise Durchbrechen der vierten Wand an den Zuschauer.
An den Darstellern gibt’s nichts zu mäkeln, die Inszenierung ist audiovisuell gelungen und auch für das westliche Publikum konsumierbar. Wer die typischen Bollywood-Einlagen befürchtet, darf erleichtert aufatmen.

Die Metapher mit dem Hühnerkäfig, in dem nahezu alle eingesperrt sind und nicht mal aus diesem entkommen wollen, begleitet den Zuschauer bis zur letzten Einstellung. Das Filmposter mit dem freundlich lächelnden Balram führt in die irre, das ist kein gute-Laune-Film, sondern ein modern inszenierter Fingerzeig auf die Vergangenheit, Gegenwart und vielleicht Zukunft eines Subkontinents.

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