Review

Ein intergalaktisches Gähnen 

Es gibt Filme, die an ihren eigenen Ambitionen scheitern – und solche, die schon an ihrer Prämisse stolpern. Doug Limans „Chaos Walking“ gehört, leider, zur zweiten Kategorie. Ein Science-Fiction-Western-Roadmovie mit romantischer Schlagseite, das so verzweifelt versucht, gleichzeitig tiefgründig, spannend und emotional zu sein, dass es am Ende keines davon ist. Ein Film, der viel will, wenig kann und dabei so bemüht wirkt, dass man fast Mitleid bekommt. Fast.

Dabei klang die Ausgangslage eigentlich vielversprechend. Ein entlegenes Planetensiedlungs-Dorf irgendwo im Nirgendwo, auf dem die Gedanken der Männer plötzlich sichtbar und hörbar werden – ein unkontrollierbarer Strom aus Bildern, Worten, Erinnerungen. „Noise“ nennen sie das, den „Lärm“. Ein Kollektivbewusstsein, das alles offenlegt. Was wäre, wenn man keine Geheimnisse mehr haben könnte? Wenn jeder Gedanke, jede Unsicherheit, jede Peinlichkeit direkt über deinem Kopf wabert? Das hätte philosophisches, psychologisches, vielleicht sogar politisches Potenzial gehabt. Hätte.

Denn was Doug Liman – immerhin der Regisseur von „Edge of Tomorrow“ und „Die Bourne Identität“ – daraus macht, ist ein Paradebeispiel dafür, wie man eine gute Idee in Echtzeit gegen die Wand fährt.

Viel Lärm um nichts

Die Geschichte spielt im Jahr 2257 und folgt Todd Hewitt (Tom Holland), einem jungen Mann in einer von Männern bevölkerten Siedlung auf einem entlegenen Planeten namens New World. Frauen, so heißt es, seien von einer mysteriösen Spezies ausgelöscht worden. Die Männer leben nun mit ihren eigenen Gedanken – sichtbar, flirrend, ungebremst. Als eines Tages ein Raumschiff abstürzt und eine junge Frau überlebt – Viola (Daisy Ridley) – gerät Todds Welt ins Wanken. Nicht nur, weil sie die erste Frau ist, die er je gesehen hat, sondern weil sie seinen „Lärm“ hören kann, er ihren jedoch nicht. 

Das klingt zunächst nach einem reizvollen Genre-Mix: ein bisschen Science-Fiction, ein bisschen Western, ein bisschen Coming-of-Age, garniert mit einem Hauch Romanze. Doch statt zu verschmelzen, prallen diese Zutaten aufeinander wie inkompatible Software. Das Ergebnis ist ein filmischer Zwitter, der sich ständig selbst widerspricht – und in keiner seiner vielen Identitäten funktioniert. Was folgt, ist eine Art intergalaktischer Roadtrip, bei dem die beiden durch Wälder stapfen, vor bösen Männern fliehen und gelegentlich über tiefgründige Dinge reden könnten – wenn das Drehbuch ihnen nur irgendetwas Substanzielles zu sagen geben würde. Stattdessen gibt es wenig Handlung, eine Menge Potenzial, das ungenutzt verpufft, und Dialoge aus dem Baukasten für generisches YA-Kino: „Wir müssen weiter!“ – „Ich vertraue dir nicht.“ – „Vertrau mir trotzdem.“ Die Geschichte plätschert dahin, ohne Spannung, ohne Witz, ohne Richtung. Es gibt keine echten Twists, keine echten Momente, in denen man auf der Sofakante klebt. Alles fühlt sich seltsam beliebig an, als hätte jemand eine To-do-Liste für ein Abenteuerfilm-Drehbuch abgearbeitet: Flucht – Check. Lagerfeuer – Check. Pferd – Check. Böser Sheriff mit Hut – Doppel-Check.

Der vielleicht größte Makel liegt im Drehbuch. Es ist generisch, vorhersehbar, spannungsarm – und, schlimmer noch, unambitioniert. Man merkt dem Film an, dass er mehrfach umgeschrieben und nachgedreht wurde. Und zwar so, dass am Ende von einer klaren Vision nichts übrig blieb. Die Ausgangssituation wird kaum erklärt, das Worldbuilding bleibt rudimentär, die Regeln des Planeten wirken beliebig. Warum ist der „Lärm“ ein rein männliches Phänomen? Wieso hat sich die Menschheit überhaupt hier angesiedelt? Was ist aus der Erde geworden? Der Film zuckt mit den Schultern.

Auch thematisch kratzt „Chaos Walking“ nur an der Oberfläche. Der zentrale Gedanke des Films, dieses „Kontrolliere deinen Lärm“, hätte eigentlich ein tiefgründiges Motiv werden können. Ein Sinnbild für Selbstbeherrschung, Intimität, Wahrheit. Stattdessen wirkt es wie ein billiges Gimmick, das schon nach zehn Minuten nervt. Wenn Tom Holland zum zwanzigsten Mal mit sich selbst redet – laut, wohlgemerkt – fühlt man sich weniger in einem Sci-Fi-Film als in einer seltsamen Theaterprobe gefangen. Was als Allegorie auf Männlichkeit, Schuld und Kommunikation hätte funktionieren können, verpufft in repetitiven Dialogen und einer Handlung, die sich zäh wie kalter Honig zieht. „Chaos Walking“ will psychologisch sein, scheut aber jede Tiefe.

Grau in Grau im All

Für einen Science-Fiction-Film hat „Chaos Walking“ erstaunlich wenig zu bieten, das nach Zukunft aussieht. Kein futuristisches Setdesign, keine spektakulären Raumschiffe, keine kreativen Technologien. Stattdessen: matschige Wälder, graue Felder, eine Siedlung, die aussieht wie „Walking Dead: Der Frontier DLC“. Das Produktionsdesign ist funktional, aber uninspiriert: Holzhütten, Pferde, Pistolen. Die Farbgebung ist stumpf, entsättigt, trostlos. Wenn wenigstens die Kameraarbeit ein bisschen Esprit hätte! Aber auch hier: Fehlanzeige. Die Bilder sind technisch sauber, ja, aber steril. Nichts hat Tiefe, nichts Atmosphäre. Der Film sieht aus, als hätte man ihn durch einen grauen Filter laufen lassen, um das Fehlen echter Emotionen zu kaschieren.

Doug Liman ist eigentlich ein Regisseur, der weiß, wie man kinetische Energie einfängt. „Edge of Tomorrow“ war temporeich, „Die Bourne Identität“ präzise „Mr. & Mrs. Smith“ charmant explosiv. Doch hier wirkt Liman, als hätte er seinen eigenen Enthusiasmus irgendwo im Schnitt verloren. Die Actionsequenzen sind brav choreografiert, aber ohne Wucht, ohne Überraschung. Pferde galoppieren, Menschen rennen, jemand fällt ins Wasser – und das war’s. Keine Szene bleibt im Gedächtnis. Kein Moment elektrisiert. Man spürt, dass hier Potenzial war, aber alles verpufft in der Einfallslosigkeit.

Tom Holland und Daisy Ridley – zwei der derzeit vielversprechendsten jungen Schauspieler Hollywoods – bemühen sich redlich, gegen die narrative Eintönigkeit anzuspielen, aber sie kämpfen gegen ein Skript an, das ihnen keinerlei Tiefe erlaubt. Holland gibt den schüchternen Jungen mit dem lauten Kopf – charmant, aber blass. Ridley spielt die stoische, misstrauische Außenseiterin – stark, aber ohne echte Entwicklung. Ihre Dialoge sind funktional, ihre Emotionen vage. Die Chemie zwischen ihnen will sich nie so recht einstellen. Man sieht zwei Profis bei der Arbeit, aber man spürt nichts. Und dann wäre da noch Mads Mikkelsen, der wie immer eine gewisse Gravitas mitbringt, aber auch er bekommt wenig Material. Sein Charakter – der autoritäre Anführer der Siedlung – bleibt so flach, dass man kaum weiß, was er eigentlich will. Er trägt einen imposanten Mantel, ja, aber darunter steckt erschreckend wenig.

Fazit

„Chaos Walking“ ist ein Film, der sich ständig selbst sabotiert. Er will Science-Fiction sein, aber ohne Vision. Er will Spannung, aber ohne Substanz. Er will emotional sein, aber ohne Herz. Das Ergebnis ist ein seltsam lebloses Etwas – wie ein Puzzle, dessen Teile einfach nicht zusammenpassen wollen. Was besonders bitter ist: Die Grundidee hätte wirklich funktioniert. Ein Planet, auf dem Gedanken sichtbar sind – das schreit geradezu nach psychologischem Tiefgang, nach Spannung! Doch anstatt das auszuspielen, bleibt der Film an der Oberfläche kleben. Optisch langweilig, erzählerisch flach, emotional leer. Viel Lärm, wenig Chaos, und am Ende nichts, was wirklich bleibt – außer der leisen Hoffnung, dass Liman beim nächsten Mal wieder den Lautstärkeregler auf Inspiration dreht. Oder um es mit einem Augenzwinkern zu sagen: Wenn Gedanken wirklich hörbar wären, hätte Doug Liman während des Schnitts vermutlich selbst gedacht: „Verdammt, das funktioniert vorne und hinten nicht.“

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