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„Echte Nachbarschaftsliebe…“

Für den zehnten Fall des Dresdner „Tatort“-Teams um Kommissarin Karen Gorniak (Karin Hanczewski) und deren nun gar nicht mehr so neue Kollegin (weil zum vierten Mal dabei) Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) verpflichtete man „Tatort“-Ausnahmeregisseur Sebastian Marka mit der Inszenierung eines Drehbuchs Erol Yesilkayas: Der Gruselkrimi „Parasomnia“ wurde am 15.11.2020 erstausgestrahlt, nachdem er bereits fast genau ein Jahr zuvor gedreht worden war.

„Sie sieht Dinge, vor allem nachts!“

Talia (Hannah Schiller, „Eine fremde Tochter“) ist gerade einmal 14 Jahre jung, musste jedoch bereits mehrere Todesanfälle mitansehen: Vor acht Jahren verlor sie ihre Mutter (Christina Arends, „Singles' Diaries“) bei einem Verkehrsunfall, nun wurde sie einzige Zeugin eines Mordfalls – kann sich aber nicht erinnern. Der Grund: Schreckliche Ereignisse verdrängt sie aus Selbstschutz ins Unterbewusstsein, wo ihr Geist sie nachts zu verarbeiten versucht. Die Folge ist eine Parasomnie, die sich in Schlaf- und Angststörungen und Alptraumvisionen äußert: Talia sieht im wahrsten Sinne des Wortes Gespenster. Das heruntergekommene Haus, eine ehemalige SED-Bonzen-Villa, die sie gerade mit ihrem Vater (Wanja Mues, „Der Pianist“), einem Illustrator düsterer Geschichten, bezogen hat, strahlt dabei auch alles andere als Schutz und Geborgenheit aus. Die Dresdner Mordkommission hofft, mit Feinfühligkeit irgendwie an das Mädchen und damit an dessen verborgene Erinnerungen heranzukommen. Der Vertrauensaufbau gelingt insbesondere Winkler, der es jedoch nicht geheuer ist, dass Talia in ihr bald eine Ersatzmutter zu sehen scheint. Die Ermittlungen ergeben zudem, dass man einem Serienmörder auf der Spur ist, dessen Untaten bereits in alten Stasi-Akten dokumentiert sind – und nie gefasst wurde…

„Hier macht jeder, was er will!“

Alle paar Jahre wagt man sich innerhalb der „Tatort“-Reihe an Horrorsujets, diesmal ging es dafür passenderweise nach Dunkeldeutschland. Regisseur Marka und Autor Yesilkaya vermengen die Kriminalhandlung mit klassischem Haunted-House-Grusel, dessen visuelle Gestaltung insbesondere an ostasiatischen Horror der Marken „The Grudge“ oder „Ring“ erinnert. Dazu passend wählte man ein gemächliches Erzähltempo, damit der Horror schön langsam die Wirbelsäule herauf bis in den Nacken kriechen kann, und verzichtete dafür auf Jumpscares u.ä. Hannah Schiller erweist sich als ideale Schauspielerin für ihre Rolle als Talia, mimisch beherrscht sie Angst, Schrecken, Panik und Artverwandtes perfekt. Auch atmosphärisch ist „Parasomnia“ super gemacht; Marka weiß, wie man eine düstere Gruselstimmung heraufbeschwört – hat sich aber auch viel bei Genrevorbildern wie den oben genannten abgeguckt.

Erzählerisch überrascht man zumindest damit, den jüngsten Mord gar nicht zu zeigen. Zu Beginn lässt sich über die verschrobenen, gewissermaßen „typisch deutschen“ Nachbarn gar noch schmunzeln (wie auch nach der einen oder anderen aufgelösten Spannungsszene, was der Auflockerung dienlich ist). Viele kurze Rückblenden in Talias Kindheit illustrieren die Beziehung zu ihrer Mutter und ihren Schuldkomplex, was sehr bedrückend ausfällt. Die Szenen aus der Vergangenheit helfen, Talias auch tagsüber mitunter eigentümliches Verhalten zu verstehen. Ihr Vater ist ein grummeliger Griesgram, der am liebsten hätte, man ließe sein Tochter einfach in Ruhe, während sich Kommissariatsleiter Schnabel und seine beiden Oberkommissarinnen einmal mehr nicht immer einig sind. Ganz Kriminalfilm ist „Parasomnia“, wenn die Zahl der Verdächtigen wächst, falsche Fährten verfolgt und das Whodunit? ausgereizt werden.

Das macht alles einen ziemlich runden Eindruck, zumal der Spagat gut gelingt, Talias Gespenstersichtungen einerseits psychologisch zu erklären, andererseits aber einen übersinnlichen Touch in Bezug auf düstere Vorahnungen und Hilfe aus dem Jenseits beizubehalten. Ein wenig schade ist es lediglich, dass es Marka nicht gelungen ist, etwas wirklich Eigenständiges einzubringen, statt sich derart stark an naheliegenden Genrefilm-Vorbildern zu orientieren. So ist es zwar eine Überraschung, dass „Tatort“ Nr. 1.144 zur Hälfte dem Horror-Genre zugerechnet werden kann, sein Verlauf jedoch ist durchaus spannend, aber – zumindest für ein genreerfahrenes Publikum – kaum wirklich überraschend. Dennoch: Wirklich gute, herbstliche Sonntagabendunterhaltung, bei der sich manch eine(r) immer tiefer die Decke ins Gesicht gezogen haben dürfte.

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