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Im südfranzösischen Marseille toben erbitterte Kämpfe zwischen rivalisierenden Gangs. Schon in der Eingangsszene (Schüsse und Frauenschreie bei schwarzem Bildschirm) sehen man einen verzweifelt wirkenden langhaarigen Mann, der einen kleinen Hund erschießt, bevor er ein letztes Mal durchlädt und sich den Lauf in den Mund schiebt. Doch dieser Mann ist kein Gangster, sondern Willy (Stanislas Merhar) von der Anti-Gang-Einheit, einer kleinen Spezialtruppe bei der Marseiller Polizei, die stets mit den Kollgen von der Drogenfahndung rivalisierend für die Clans zuständig ist. Geführt wird die Truppe von Richard Vronski (Lannick Gautry), einem toughen Enddreißiger, dem genau wie seinen Männern die Mittel relativ egal sind, sofern sie nur dem richtigen Zweck dienen. Da wird beispielsweise ein mächtiger Boss der korsischen Mafia-Familie Bastiani überführt, und während der von der Anti-Gang-Einheit durchgeführten Fahrt erlaubt Vronski ihm den Besuch seiner todkranken Frau (die dieser dann auf ihren Wunsch hin mit einem Kissen erstickt) - solcherlei Zugeständnisse unter der Hand gehören zum Geschäft dazu, doch Vronskis Chef Maranzano (Gérard Lanvin) ist von dessen Loyalität überzeugt. Daneben gibt es noch andere Polizisten, die teilweise wirklich mit den Gangstern zusammenarbeiten, wie den Leiter der örtlichen Drogenfahnder Costa (Moussa Maaskri), der sich erpressbar gemacht hat. Gerade tritt der neue Dezernatsleiter Leonetti (Jean Reno) seinen Dienst an und verspricht, "aufzuräumen", als in einer arabisch dominierten Strand-Bar ein Überfall stattfindet, der 9 Tote kostet. Einer der Hitmen wurde dabei jedoch angeschossen und hatte sich unter die Verletzten gemischt: Vronski erkennt ihn, doch als er ihn verhören will, ist Kollege Costa schneller, erschießt den Burschen auf dem Revier und läßt es nach einem Unfall aussehen. Das Karussell aus gegenseitigem Mißtrauen, Intrigen und Rache der Clans dreht sich immer weiter...
 
Mit seinem Actioner Rogue City liefert Regisseur und Drehbuchautor Olivier Marchal einen ebenso rasanten wie (stereo-)typischen Cops vs Gangster-Film ab, wobei die im Vordergrund stehende korrupte-Cops-Thematik so überzogen dargestellt wird, daß sich beide Seiten zumindest in der Wahl ihrer Mittel schon gar nicht mehr sonderlich unterscheiden. Sowohl bei der Anti-Gang-Einheit wie auch auf der Gegenseite agieren fast ausschließlich toughe, zum Teil sehr klischeehaft dargestellte Akteure von Mitte Dreißig bis Mitte Vierzig in meist schwarzer Kleidung, und es ist ratsam, vor allem die erste halbe Stunde sehr aufmerksam zuzusehen, um in dem undurchsichtigen Plot nicht den roten Faden zu verlieren. Erst dann kristallisiert sich langsam heraus, daß zumindest der als Anti-Held aufgebaute Hauptdarsteller Vronski noch am ehesten zu den "Guten" zu rechnen ist. Aber auch er steht mächtig unter Druck und ist auf seine Männer angewiesen...

Jean Reno spielt hier als neuer Polizeichef (dessen Töchterlein die Truppe ab jetzt verstärkt) übrigens eher eine Nebenrolle und ist keineswegs so präsent wie beispielsweise in 22 Bullets oder Cold Blood Legacy, aber sein markantes Gesicht zieht eben immer noch - immerhin läßt er sich nicht so schauderhaft in Kurzauftritten verwursten wie ein Bruce Willis und andere Filmgrößen. Von den anderen Darstellern wissen nur der stets beherrschte Lannick Gautry wie auch sein dienstlicher Gegenpart Moussa Maaskri, Letzterer durch sein deeskalierendes Auftreten, Akzente zu setzen.

Zu gefallen weiß in jedem Fall das für den Zuschauer nur langsam und Zug um Zug aufgedeckte Beziehungsgeflecht der Akteure untereinander, was die Spannungskurve konstant oben hält, auch die durchaus blutigen Shoot-Outs (mit in manchen Szenen bewußt leisen Begleitgeräuschen oder überhaupt darüber gelegter klassischer Opernmusik) und Action-Szenen (u.a. einer vereitelten Drogenlieferung per Schnellbooten im Morgengrauen am Meeresstrand) können wie die allgegenwärtige, aber nie selbstzweckhafte Gewaltdarstellung (u.a. eine Fast-Vergewaltigung) überzeugen und mit ihren US-Pendants jederzeit mithalten.

Wer allerdings das übliche Thriller-Schema erwartet, daß am Ende die Gerechtigkeit siegt, wird auf eine harte Geduldsprobe gestellt (und am Ende mehr oder weniger enttäuscht) und muß sich darüber hinaus zwischenzeitlich auch noch über einige Logiklöcher hinweghangeln: von der mangelhaften Untersuchung eines Tatorts (erst Vronski findet in einer Mülltonne Waffen und kugelsichere Weste) wie auch eines verdächtigen Polizisten auf Schmauchspuren hin über einen als psychisches Wrack auftretenden Kollegen mit einer alkoholsüchtigen Frau (fast grotesk kaputt: Willy Kapelian, wäre normalerweise längst suspendiert) bis hin zu allumfassenden Unregelmäßigkeiten (wobei ein Verhältnis eines Chefs mit der Frau eines anderen Gruppenleiters noch zu den harmloseren Besonderheiten zählt) und Korruption unter den Spezialkräften, die so ziemlich allen Akteuren anhaftet und der zu keinem Zeitpunkt durch irgendjemanden Einhalt geboten wird. Vielleicht aber ist gerade die Akzeptanz dieser teilweise bizarren Rahmenbedingungen durch den Zuschauer das Geheimnis, warum Rogue City trotz alledem als Thriller gut funktioniert.

Fazit: Unterhaltsamer Actioner aus Frankreich, der bei flottem Erzähltempo auch diejenigen Genre-Freunde ansprechen dürfte, die dem eigenwilligen Plot nicht so ganz zu folgen imstande sind. 7 Punkte.

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