Gepeinigt von Visionen aus seiner Vergangenheit lebt der ehemalige Priester Menéndez (Juli Fàbregas) alleine in einem großen Haus: sein letzter Exorzismus, bei dem ein minderjähriger Bub ums Leben kam, läßt ihm keine Ruhe. Seinerzeit dafür gerichtlich verurteilt und exkommuniziert hat der Endvierziger eine Gefängnisstrafe abgesessen und sinniert nun über seine Fehler - als ihn eines Tages ein ehemaliger Mithäftling aufsucht und ihn um Hilfe bei seiner Teenager-Tochter bittet, die er für verrückt hält. Menéndez, äußerlich zwar gebrochen, innerlich jedoch voll fokussiert, ist zunächst nicht begeistert, aber schon am nächsten Tag liefert der Gangster Sebas (Hector Illanes) seine Tochter Raquel (Ximena Romo) bei ihm ab. Die benimmt sich zunächst relativ altersgemäß, quatscht am Handy mit Freundinnen, tanzt zu Musik aus ihrem Walkman und glaubt am nächsten Tag eher an einen perversen älteren Lüstling, bei dem sie nun von ihrem Vater gegen ihren Willen einquartiert wurde, doch der ruhige Menéndez, der all ihrem flapsigen Gerede, vorgespielten Avancen und sonstigen Ablenkungen stoisch widersteht, beobachtet sie genau und ist sich recht schnell sicher, daß sie tatsächlich hochgradig besessen ist...
Das Thema Exorzismus taucht seit dem bahnbrechenden 1973er Exorzist und seinen Nachfolgern zwischenzeitlich immer wieder mal in Horrorfilmen auf, aber derart intensiv wie in dieser spanischen Produktion wurde der Teufel wohl noch nie ausgetrieben. Trotzdem sich fast das gesamte Geschehen nach einer moderaten Einführung der wenigen Darsteller im Haus des ex-Priesters abspielt und es tatsächlich "nur" um einen Exorzismus geht, hinterläßt der zweite Langfilm von Regisseur Santiago Alvarado Ilarri durchaus Spuren: Zum einen sind da mit Fàbregas und Romo zwei äußerst überzeugend aufspielende Antagonisten, die aus ihren anfangs wenig spannenden Rollen mit zunehmender Laufzeit geradezu über sich hinauswachsen, zum anderen tritt El día del Señor irgendwann ganz unvermittelt aufs Gaspedal und schickt den Zuschauer auf eine rasante Achterbahnfahrt zwischen religiöser Exstase, Torture Porn und sexuellen Ausschweifungen, welche in jeder Kurve geschickt mit völlig unerwarteten humoristischen Zwischentönen aufwartet, die man als solches erst im Nachhinein erkennt.
So schafft es der um Assistenz gebetene Gangster Sebas nicht, einige markierte Bibelstellen zu rezitieren und fragt allen Ernstes nach Post-its, während er später vergißt, daß sein zur Täuschung des Dämonen (sic!) vorgetragener US-Dialekt gar nicht mehr notwendig ist, da der Teufel ihn schon erkannt hat - so zumindest erklärt es ihm Menéndez fast schon beiläufig, während er das obligatorische Kreuz (aus zwei schweren Rohrzangen gebildet) dem Bösen zur Abwehr entgegenstreckt...
Um keine Zweifel aufkommen zu lassen - hier liegt alles andere als eine Komödie vor, und der Gore-Gehalt des Films kann sich sehen lassen: Da werden Fingernägel ausgerissen, ein Zahn ausgebrochen, Finger umgebogen, da wird mit bandagierten Fäusten geprügelt (und kaum weggeblendet) und nur ein Blowjob findet aus naheliegenden Gründen etwas unterhalb der Kameraperspektive statt, insgesamt durchweg harter Tobak, der erstaunlicherweise eine 16er-Freigabe erhielt.
Fazit: Menéndez Parte 1: El día del Señor, dem Titel nach als Mehrteiler rund um den vollbärtigen Priester mit dem markanten Gesicht konzipiert, ist eine durchaus sehenswerte kleine Horror-Perle, die dank Netflix derzeit auch dem deutschsprachigen Publikum zur Verfügung steht - zwar nur im spanischen Original, aber mit englischen UT gut nachzuvollziehen und somit vielleicht eine Art Geheimtip: 7 Punkte.