„Ich hab‘ Angst vor meiner Frau…“
Grzegorz Muskalas nach „Die Frau hinter der Wand“ zweite abendfülle Regiearbeit ist der neunte „Tatort“ um den Wiesbadener Hauptkommissar Felix Murot (Ulrich Tukur), zu dem er zusammen mit Ben Braeunlich auch das Drehbuch verfasste. Der im Mai und Juni 2019 gedrehte „Tatort“ lehnt sich an das cinephile und zitat-/hommagenreiche Konzept des aktuellen Wiesbadener „Tatort“-Zweigs insofern an, als es sich um eine Ehrerbietung an den französischen Komödienklassikers „Die Ferien des Monsieur Hulot“ des Filmemachers Jacques Tati handelt. Uraufgeführt wurde „Die Ferien des Monsieur Murot“ bereits im Oktober 2020 als Beitrag zu den 42. Biberacher Filmfestspielen.
„Du bist so anders!“
LKA-Hauptkommissar Felix Murot hat Urlaub und lässt im Taunus die Seele baumeln. Beim Mittagessen stößt er plötzlich auf einen Mann, der ihm wie aus dem Gesicht geschnitten scheint: Gebrauchtwagenhändler Walter Boenfeld (ebenfalls Ulrich Tukur). Man versteht sich gut miteinander, bei Boenfeld zu Hause plaudert man angeregt, der viele Alkohol löst die Zunge. Nach einem Saunagang tauscht man die Kleidung miteinander und als Murot einschläft, macht sich Boenfeld auf der Landstraße auf den Weg zu Murots Hotel. Dort kommt er allerdings nie an, denn jemand verübt mit einem Auto einen tödlichen Anschlag auf ihn. Den Toten hält man für Murot, woraufhin der echte Murot, nachdem er am nächsten Morgen aus dem Delirium erwacht ist, die Gelegenheit zum Rollentausch und zur verdeckten Vermittlung ergreift. Boenfeld hatte Murot anvertraut, Angst vor seiner Frau Monika (Anne Ratte-Polle) zu haben, die ihn umbringen wolle. Tatsächlich reagiert diese verdächtig schreckhaft auf das vermeintliche Überleben ihres Manns. Während Murot nach und nach in seiner neuen Rolle als Ehemann und Autohändler aufgeht, schreibt seine Assistentin Magda Wächter (Barbara Philipp) eine Trauerrede auf ihn, die sie auf seiner Beerdigung vorträgt. Und Murot ermittelt nicht nur, er findet auch Gefallen an Monika und beginnt, sein bisheriges Leben infrage zu stellen…
„Das ist alles hochgradig unprofessionell!“
„Grüsse aus dem schönen Taunus“ steht orthographisch falsch auf der Ansichtskarte, die Murot Magda Wächter schreibt. Aus dem Off rezitiert er den Inhalt seiner Zeilen, u.a. wie gut es ihm tue, dem „vertrauten Raum zu entkommen“. Daneben liegt Edgar Allan Poes „William Wilson“, eine Doppelgängergeschichte. Die Harmonie, die dieser Eröffnungssequenz innewohnt, wird jäh unterbrochen von einer barschen Kellnerin, die Murot mit den Worten „Bitteschön, wie immer“ lieblos irgendetwas offenbar von einem toten Tier Abgeschnittenes nicht nur auf den Tisch, sondern auch auf seine Postkarte knallt, woraufhin diese einen Abdruck von der Bratensoße davonträgt. Sie verwechselte ihn mit Boenfeld, der nur wenige Tische weiter sitzt und auf seine Mahlzeit wartet – der Beginn einer folgenreichen Begegnung.
Der Mordverdacht wird auf Boenfelds Ehefrau gelenkt, das Krimisujet weicht jedoch schnell der viel interessanteren Frage, wie Murot in der Rolle seines Doppelgängers zurechtkommen wird, ob man ihn enttarnen wird – und wie das eigentlich so ist, an der Seite einer attraktiven, aber völlig fremden Frau. So unglaubwürdig die Ausgangssituation auch ist, so spannend sind die Möglichkeiten, die sich für Murot ergeben. So wohnt er heimlich seiner eigenen Beerdigung bei (und sieht genau, wer zu ihr erschienen ist und wer nicht) und spielt immer offensiver mit dem Gedanken, in seiner neuen Identität dauerhaft zu verweilen, um seine bisherige Existenz hinter sich zu lassen. Muskala und Braeunlich lassen sich Murot ins Zwiegespräch mit dem Toten begeben, Murots Tagträume werden visualisiert und sind nicht immer gleich als solche zu erkennen.
Mit zunehmender Laufzeit gewinnt „Die Ferien des Monsieur Murot“ Aspekte eines existenzielle Fragen stellenden Liebesdramas, jedoch stets garniert mit luftig humorigen Momenten, die, ebenso wie das häufig ans ZDF-Seniorenwohlfühl-Heimkino erinnernde Ambiente, verhindern, dass einem die Geschichte wirklich nahegeht. Auch der Hommagenanteil scheint eher oberflächlich ausgefallen zu sein und sich auf Oldtimer, Murots Kleidung und eine Tennispartie sowie das Stibitzen des musikalischen Themas aus Tatis Original zu beschränken. Verifizieren kann ich das indes nicht, Tatis Film ist mir unbekannt. Nachbar Peter wird von Thorsten Merten gespielt, was ich für diskussionswürdig halte, solange er in einer anderen aktuellen „Tatort“-Reihe – der Weimarer – zum Stammensemble zählt. Gibt es nicht genügend andere Schauspieler, die eine solche Nebenrolle übernehmen könnten, damit man als regelmäßiger „Tatort“-Zuschauer nicht ständig dieselben Gesichter zu sehen bekommt?
Davon unabhängig scheint mir Muskalas Film aber ein recht gelungener Spagat zwischen der sommerlichen, komödiantischen Inspirationsquelle und einem eigenständigen, den Lebensentwurf und -weg der Hauptfigur infrage stellendem Drama inklusive amouröser Verwicklungen geworden zu sein. Zwar tritt man dramaturgisch bisweilen etwas auf der Stelle, doch immerhin passt diese Entschleunigung zum Urlaubssujet und mindert den Unterhaltungswert nicht allzu sehr. Vieles wird nur angerissen, doch immerhin handelt es sich dabei um bedeutende Themen, die, auch technisch-formal, ziemlich ansprechend in einem weiteren ungewöhnlichen Wiesbadener „Tatort“ transportiert werden.