Nach den ‘90ern und den ‘80ern waren innerhalb der von Melanie Didier für den WDR umgesetzten „Jung in den…“-Reihe folgerichtig die ‘70er dran. Der knapp 90-minütige Dokumentarfilm wurde im Jahre 2019 fertiggestellt und am Neujahrstag 2020 erstausgestrahlt. Bereits im Jahre 2016 hatte sich WDR-Redakteur Heiko Schäfer mit dem konzeptionell ähnlichen, jedoch nicht speziell auf die Jugend zugeschnittenen „Die verrückten 70er – Das wilde Jahrzehnt der Deutschen“ jener Dekade gewidmet.
Wie gewohnt führt eine Off-Erzählerin durch den Film, der jede Menge historischer Fernsehausschnitte aneinanderreiht und sich auf dieser Grundlage an einer Art gesellschaftlicher und populärkultureller bis hin zu politischer Collage des Jahrzehnts versucht – hier eben mit Schwerpunkt darauf, was nach Ansicht Didiers die damalige Jugend tangierte. Kommentiert werden die Filmchen von verschiedenen Prominenten, bei denen es sich diesmal um die Moderatorin und ehemalige „Emma“-Chefredakteurin Lisa Ortgies, Moderator Reinhold Beckmann, die Musikerin/Tänzerin Penny McLean, die Musiker Peter und Rolly Brings sowie den Trash-TVer Rolf Schneider handelt.
Zunächst geht es um die Bee Gees und das Discofieber, im Besonderen um Ritchi und Volker Kahl, die „Disco-Kings aus Herne“, deren Vorbild John Travolta (in seiner „Saturday Night Fever“-Rolle) war und die seinerzeit offenbar für eine Fernsehreportage entdeckt worden waren, in deren Ausschnitten sie mit ihren teuren Klamotten angeben. Wir sehen schlimme Bilder eines damaligen Tanzwettbewerbs, der Miniplis der Kahl-Brüder und der Dauerwelle ihrer Freundin. Tatsächlich gelang es dem WDR, die beiden noch einmal vor die Kamera zu zerren, um sie in Erinnerungen an die alte Zeit schwelgen zu lassen. Die Chance, die Ende der 1970er immer lauter werdenden kritischen Töne dem Disco-Trend gegenüber und die daraus resultierende Anti-Disco-Bewegung zu thematisieren, wird leider ebenso verpasst wie die Gelegenheit, die Hintergründe dieser Musik, die im Sound schwarzer Künstlerinnen und Künstler zu finden sind, zu erörtern. Immerhin kommt Giorgio Moroders Munich Sound aufs Tapet und in diesem Zuge auch Silver Convention, die Gruppe der mitkommentierenden Penny McLean, die daraufhin über die damalige Zeit plaudert und dabei sympathisch bodenständig wirkt.
Vom legendären New Yorker Club „Studio 54“ geht’s für einen kurzen Abstecher zu David Bowie, bevor man den Kölner Kiez beschreitet und dessen Türstehergröße „Der lange Tünn“ vorstellt, zu dem es ebenfalls ein Update mit aktuellen Aufnahmen gibt. Brings Junior findet kritische Worte. Von Köln geht’s nach Berlin inklusive Drogenelend und Christiane F. – der gezeigte TV-Bericht stammt jedoch aus dem Jahre 1981, der Film nämlich auch. Ups. Die Promi-Kommentare zum Thema Drogen widersprechen sich zum Teil und Rolly Brings gesteht erstmals vor laufender Kamera eigene Erfahrungen mit hartem Zeug. Von Christiane F. ist’s nicht weit zu Juliane Werding und Conny Kramer, den sie in ihrem Lied, das ihr zum Durchbruch verhalf, betrauerte – womit wir zurück in den 197ern wären. Und von Werding wiederum geht’s schnurstracks zur ZDF-Hitparade mit Marianne Rosenberg und Jürgen Drews. Auch die „Plattenküche“, eine weitere Musiksendung, findet Beachtung. Ortgies findet die richtigen Worte zum Schlagermief. Dass sowohl Werdings Conny Kramer als auch Drews‘ Kornfeldbett mit neuem, deutschem Text versehene Coverversionen waren, bleibt unerwähnt.
Nächster Halt: Landkommune für Hippieaussteiger, natürlich inklusive weltfremdem Gelaber, aber auch einem Kurzporträt der Selbstversorgerfamilie Baumann – inklusive zeitgenössischem Update! Das ist tatsächlich interessant, haben es Menschen da doch geschafft, eine Art alternativem Lebensstil über Jahrzehnte hinweg treu zu bleiben. Das „British Rock Meeting“-Freiluft-Festival 1972 wird anschließend als „deutsches Woodstock“ kategorisiert; weiter geht’s mit der bunten Mode der 1970er, Schlaghosen (schlimm), Hot Pants (yeah) und Plateauschuhen (noch schlimmer als Schlaghosen). Ach ja, und mit den BHs, die viele Frauen plötzlich nicht mehr tragen mochten, was als Übergang zum Thema aufkommender Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau fungiert. In diesem Zuge kommen die feministische Postille „Emma“ sowie das Frauenmuseum Marianne Pitzens zur Sprache, inklusive Update – Pitzen trägt noch immer die gleiche Prinzessin-Leia-Frisur wie damals und kommt auf eine nicht unsympathische Weise kurios und ein bisschen verschroben rüber.
Der Christopher-Street-Day und die Schwulenbewegung finden sich ebenfalls in dieser Doku wieder, inklusive ebenso entlarvender wie erschreckender schwulenfeindlicher Aussagen von Passanten auf der Straße in alten TV-Ausschnitten. Rosa von Praunheims Skandalfilm darf da auch nicht fehlen. Interessant ist, dass sich eine der Keimzellen der Bewegung in Münster befand. Ebenfalls als Bewegung verstand sich die RAF, und vermutlich auch jene Terroristen, die die Olympiade 1972 in München überschatteten. Dennoch überlässt dieser Film ihnen nicht das Feld, sondern porträtiert die Hochspringerin und Olympiasiegerin Ulrike Meyfarth, die sich ebenfalls bereiterklärte, noch einmal vor der Kamera zu treten. Zum Schluss wird Ilja Richters Musiksendung „Disco“ zumindest noch kurz erwähnt und in diesem Kontext auch die schwedische Popgruppe Abba abgehakt. Didiers Film schließt mit das Jahrzehnt feiernden Resümees.
Sehr sympathisch, intelligent und souverän wirkt den ganzen Film über Lisa Ortgies, die zudem locker 20 Jahre jünger aussieht, als sie ist. Beckmann kokettiert mit seiner Hippiesozialisation und wirkt sehr erzählonkelig. Brings & Co. sind Dauergäste in dieserlei Dokus und auch hier souverän, und Rolf Schneider sorgt für betont tuntigen Humor. Glam- und Punkrock fehlen unverständlicherweise leider komplett, das Kino des Jahrzehnts wird leider ebenfalls ausgespart und klassische Politik findet nur am Rande statt. Die unter anderem aus ihr resultierende Zäsur, die noch während jener Dekade viele ‘70er-Träume begrub, hat man entweder nicht als eine solche empfunden oder als zu wenig unterhaltsam oder zu anspruchsvoll für diese alles in allem wohlwollend und aus westdeutscher Perspektive zurückblickende Infotainment-Geschichtsdoppelstunde empfunden.