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Der Überwältigungs-Entertainer gibt wieder Gas

Vin Diesel wird als Darsteller gern belächelt und die von ihm verkörperte FAST AND FURIOUS-Reihe als tumber Krawall-Kirmes verteufelt. Das Problem ist nur, beide haben nie behauptet in der Shakespeare-Liga spielen zu wollen und ehrlich gesagt wollen wir sie da auch überhaupt nicht sehen. Witzigerweise kommt Diesel der wörtlichen Berufsbezeichnung näher als die meisten Kollegen, denn er "spielt" in einer "Schau" und diese Schau heißt „Fast and Furious“. Hier dreht sich alles um Entertainment und das im ganz großen Stil. Diese Attitüde ehrlich und mit voller Überzeugung zu verkörpern ist ein Knochenjob, einer für Malocher, einer für Diesel.

Den besten Tauglichkeits-Beweis lieferte er diesmal schon vor dem Film. Im finalen Trailer zum inzwischen 9. Teil der Raser-Action warb er wehmütig-inbrünstig für den Kinobesuch nach all den Pandemie-Einschränkungen. Bei allem sicher vorhandenen und übrigens völlig legitimen Eigeninteresse war hier auch eine ehrliche Liebe zum Medium Kino, zu seiner besonderen Magie zu spüren, die ein Gemeinschafts- und Überwältigungserlebnis erzeugt, für dessen Bewahrung es sich zu kämpfen lohnt. Gerade weil ihm keine mimische Trickkiste und Gefühlsklaviatur zur Verfügung steht, wirkt diese Botschaft zu 100% authentisch. 

Die beworbene Filmreihe steht natürlich in vielerlei Hinsicht für das Gegenteil und ist spätesten seit dem 5. Film zum unangefochtenen Sprengmeister des modernen Krawall-Kinos aufgestiegen. Die Anfänge der prollig-glitzernden Tuning-Welt werden zwar keineswegs verleugnet, aber wirken inmitten all der Explosionen und irrwitzigen Stunts auf der Straße, zu Wasser und in der Luft nur noch wie bonbonbunte Werbeclips, in denen man fröhlich Chipstüten, Popcorneimer und gekühlte Desperados/Softdrinks kreisen lässt. Die Gesetze der Physik wurden zuerst gedehnt, dann bis zum Anschlag ausgereizt und dienen inzwischen nur noch der selbstironischen Kommentierung ob ihrer Abwesenheit. Für Teil 9 heißt das dann konkret: Hochgeschwindigkeits-Minen-Parkour, Auto-Flying-Fox und Muscle Car-Shuttle. Dazu kommt noch der Einsatz eines Monster-Elektromagneten, der die klassische Autoverfolgungsgjagd in ein kinetisches Spektakel verwandelt, das in vielerlei Hinsicht eine exorbitante Anziehungskraft erzeugt.

In seinem Kerngeschäft röhrt die F&F-Maschine also mal wieder wie eine Fabrikhalle voller V8-Motoren. Noch immer werden hier erkennbar echte Fahrzeuge zerbeult, zertrümmert und durch die Luft geschleudert und nur für die umherfliegenden Helden ein ums andere Mal der digitale Helfer bemüht. Natürlich ist vieles davon ultimativ GaGa, aber wer das Konzept doof findet, der hätte schon ab Teil 4 auf ruhige Nebenstraßen abbiegen müssen.
Aber FAST & FURIOUS hat nicht nur ein metallenes sondern auch ein menschliches Herz. Auch hier wird viel ungezügelte Energie frei gesetzt und die Zusammenstöße sind alles andere als zimperlich. Und wie im echten Leben kracht es besonders unter denen , die sich nahe stehen. Diesmal wird es in dieser Hinsicht sogar wieder etwas intimer, denn Dom Toretos Kernfamilie erhält unerwartet Zuwachs. Also unerwartet für uns Zuschauer, denn Dom und Mia (Jordana Brewster) haben ihren kleinen Bruder Jacob natürlich gekannt, aber in den vorangegangenen Filmen seltsamerweise nie erwähnt.

Solch unvermittelt auftauchende Figuren wären in ernsteren Gefilden womöglich ein Problem, aber die Fans prosten solche Ungereimtheiten einfach weg und dem neuesten Familienmitglied freudig zu. Zumal man ob der temporären Abwesenheit von Dwayne „The Rock“ Johnson (irgendein, inzwischen beigelegtes, Alphhatier-Gezänk mit Diesel) dringend ein Wuchtbrummen-Pendant zu Diesel benötigte. Wrestling-Kolllege John Cena ist dafür nicht die schlechteste Wahl, zumal er Diesel auch mimisch nicht die Schau stiehlt. Ihr Zusammenprall ist irgendwie eine Neuauflage zum Beef zwischen Toretto und Luke Hobbs (Johnson) in Teil 5, aber egal, es macht dennoch wieder Spaß. Außerdem gibt es einen neuen Twist durch einige Rückblenden, die in all dem Crash-Lärm und One-Liner-Gedöns für ein paar ruhige Momente mit Tiefgangansätzen sorgen.

Von der Kernhandlung und der Widersacher-Seite darf man so etwas natürlich nicht erwarten. Diesmal geht es um irgendeinen hoch geheimen, hoch gefährlichen und hoch gesicherten Gegenstand, der in den falschen Händen Weltherrschaftsphantasien beflügelt. Man könnte ihn auch einfach McGuffin nennen, denn er dient offenkundigst lediglich als Vehikel für Stunts, Fights und Explosionen aller Art und Lautstärke. Die Villain-Front hat ähnlich profane Aufgaben. Der befehlende böse Bube ist nur irgendein Handlanger, seine Schergen dilettieren als gesichtsloses Karambolagen-Futter und die bereits aus den beiden Vorgängerfilmen bekannte Cyber-Terroristin Cypher (Charlize Theron) wird zur unterbeschäftigten Strippenzieherin degradiert.

Das mag jetzt alles nach einem Wrong Turn klingen, aber dafür sind Fahrer und Crew viel zu erfahren. Klar stottert der Motor ein ums andere Mal, raucht der Auspuff teilweise zu stark und auch das Dramaturgie-Navi hat ein paar Aussetzer. Aber Vin Diesel steuert das aufgemotzte Muscle-Car mal wieder souverän stoisch durch die Rennstrecke und sieht erneut als erster die Entertainment-Zielflagge. Und das ohne ein einziges unfaires Manöver. Hier bekommt jeder, wofür er bezahlt hat: ehrliche, harte Unterhaltungsarbeit. Das schweißt zusammen, so dass man der wild rasenden Großfamilie auch für die beiden letzten Runden 10 und 11 die Daumen drückt.

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