Review
von Leimbacher-Mario
Atmen heißt Töten
Was ist das bitte für ein mächtiges Geschoss aus Indien! 90 Minuten Geschrei und Metapher (nur die plumpe, allerletzte Szene/Erklärung hätte man sich sparen können), eineinhalb Stunden pure Kinetik und heftigstes Gerangel, Jagd und Matsch, Menschen und ihre unnachgiebig, lernresistente, gewaltgeile Spezies... Ein mächtiger Bulle befreit sich kurz vor seiner Schlachtung von seinen Fesseln und kracht durch ein Dorf. Woraufhin die Bewohner sich mit Fackeln, Speeren und untereinander schwelenden Konflikten auf die Jagd in den Abgrund machen...
Natürlich kann man sowas wie „The Raid“, „mother!“ und filmischen Rinderwahn in einen Topf werfen, behaupten „Jallikattu“ ginge in diese Richtung mit seinen Massenszenen und metaphorischen Subtexten. Doch im Endeffekt ist das eine wilde Hatz, die Ihresgleichen sucht. Instinktiv und intuitiv geschnitten und auditiv unterlegt, fast körperlich spürbar und manchmal auch zehrend, krachend, schmerzhaft. Sicher nicht immer für Tierliebhaber und manchmal auch fraglich, ob die Drehbedingungen für den Stier sinnvoll gewesen sein können. Zwischen Werner Herzog und Gareth Evans. Doch das Endprodukt hat einfach eine Sogkraft und unwirklich schöne Bilder, dass man sich dem nicht entziehen kann oder will. Genauso mystisch wie naturalistisch. Nicht alle dorfinternen Konflikte, Figuren und Nebenschauplätze sind super interessant und der dauerschrille Ton muss weggesteckt werden, Erschöpfung und Abstumpfung können sich breit machen - doch es lohnt sich ungemein!
Fazit: die Inder und ihre Rinder, Kinder Kinder... Ein wilder Stier als goldenes Kalb, ein wildes Dorf als dunkler Spiegel in die menschliche Seele. Experimentell, existenziell, einnehmend. Anstrengend und umhauend. Waghalsig. Dreckig und hingebungsvoll. Ein Biest, ein Kraftpaket, eine Collage, ein Kinnhaken, ein Gemälde, eine Naturgewalt von Film!