„Wir haben einen Haftbefehl – wegen Mord!“ – „Wegen Mord?“
Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der öffentlich-rechtlichen Fernsehkrimireihe wurde ein Drehbuch Bernd Langes zu einem Zweiteiler ausgearbeitet, dessen erster Teil vom deutschen Genrefilm-Experten Dominik Graf („Die Katze“) und dessen zweiter Teil von Regisseurin Pia Strietmann inszeniert wurde, die damit nach dem „Tatort: Unklare Lage“ zum zweiten Mal mit dem Münchner Team zusammenarbeitete. Es handelt sich um einen Crossover des Münchner Ermittlerduos aus Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) mit dem Dortmunder Team um die Kommissare Peter Faber (Jörg Hartmann) und Martina Bönisch (Anna Schudt). Teil 1 wurde im November und Dezember 2019 gedreht, die Dreharbeiten des zweiten Teils fielen in die Zeit der Covid-19-Pandemie und nahmen daher einen Zeitraum von März bis Juli 2020 in Anspruch.
„Mord ist keine Auslegungssache!“
Der Italiener Luca Modica (Beniamino Brogi, „Der Fall Barschel“) betreibt mit seiner Frau Juliane (Antje Traue, „Kleinruppin Forever“) ein Restaurant in Dortmund, das der ’Ndrangheta-Mafia zugleich als Drogenumschlagplatz dient. Mafioso Pippo Mauro (Emiliano de Martino, „Inspector De Luca“) hat in München einen Dealer ermordet und findet bei den Modicas Zuflucht vor der Polizei. Modicas Gaststäte wird schon länger von der Dortmunder Kripo observiert; Mauros Ankunft wird dem BKA gemeldet und ruft die Münchner Kommissare Batic und Leitmayer auf den Plan, die ihn in Dortmund verhaften wollen. Die Dortmunder um die Kommissare Bönisch und Faber sehen dadurch jedoch den Erfolg ihrer Ermittlungen im Drogenmilieu gefährdet und geraten daher in Meinungsverschiedenheiten mit den Gästen aus Bayern. Mauro reitet seinen Gastgeber derweil immer tiefer in kriminelle Mafiaaktivitäten hinein, woran Juliane zu verzweifeln droht. Die Beamtin Nora Dalay (Aylin Tezel) wird auf Juliane angesetzt, um an weitere Informationen zu gelangen. Tatsächlich gelingt es, sie zur Zusammenarbeit mit der Polizei zu bewegen. Doch damit begibt sie sich in höchste Gefahr… Nach den Ereignissen in Dortmund tauchen Mauro, Luca Modica und dessen 17-jährige Tochter Sofia (Emma Preisendanz, „Was machen Frauen morgens um halb vier?“) in München unter. Sofia vermisst ihre Mutter, doch ihr Vater schweigt über die wahren Geschehnisse und der örtliche Pate Domenico Palladio (Paolo Sassanelli, „Tatort: Kopper“) verstrickt Luca und Mauro weiter in kriminelle Aktivitäten. Batic und Leitmayer haben ihn im Blick und erhalten ungeahnt Hilfe vom Dortmunder Faber, der nun den Münchnern einen dienstlichen Besuch abstattet. Wirklich eng wird es für die ’Ndrangheta jedoch erst, als Sofia zu rebellieren beginnt…
„Die Italiener…“
Bereits der eröffnende Mord am Drogendealer ist erstklassig in Szene gesetzt, doch das Whodunit? ist lediglich angetäuscht. Der Mörder ist bald enttarnt und der „Tatort“ nimmt einen ganz anderen Verlauf. Innerhalb einer authentisch anmutenden Milieubeschreibung (inklusive vieler italienischer Dialoge, die deutsch untertitelt wurden) werden die engen Daumenschrauben verdeutlicht, die ein Pakt mit der Mafia bedeuten. Der Fall zeigt die Abläufe der illegalen Machenschaften, die Abhängigkeiten, in die sich Menschen mitsamt ihrer Familien dadurch begeben, und die moralische Abwärtsspirale, die als Konsequenz resultiert und an deren Ende man sich statt in der erhofften Win-Win- in einer Lose-Lose-Situation befindet und Verzweiflung, Erpressung und Todesangst zu unfassbaren Taten führen.
„Diese scheiß Dortmund-Geschichte…“
Parallel dazu liefert insbesondere der erste Teil einen differenzierten Einblick in die Ermittlungsarbeit, bei der es schwierige Entscheidungen sorgfältig abzuwägen gilt und offenbar doch nicht immer die richtigen getroffen werden, bei der es zu Kompetenzgerangel und offener gegenseitiger Antipathie kommt und auch schon mal gegen- statt miteinander gearbeitet wird. Menschen werden ausgenutzt und gefährdet, auch hier scheint die Moral eine untergeordnete Rolle zu spielen und der Zweck die Mittel zu heiligen. Klassische Gut/Böse-Schemata durchbrechen Autor und Regie bewusst und die ganze Situation ist derart vertrackt, dass auch die Zuschauerinnen und Zuschauer keine Paradelösung parat haben dürften. All dies sorgt für eine beklemmende Stimmung und eine fast schon unangenehme, weil stark realitätsbezogene Spannung; diverse Gefühlsausbrüche lassen „In der Familie“ auch auf emotionaler Ebene die Register ziehen. Am Ende von Teil 1 wird die Institution Familie als heiliger Schutzort komplett dekonstruiert – und das Dortmunder Team um Nora Dalay ärmer sein.
Mehr noch als im ersten Teil spielt die Polizei im zweiten eine untergeordnete Rolle, in den Vordergrund rückt Sofia mit ihren berechtigten, doch unangenehmen Fragen. Je mehr bruchstückhafte Informationen sie erhält und ihr Umfeld zu durchschauen beginnt, desto wütender wird sie, bis sie die große Eskalation herbeiführt. Zuvor musste sie über sich hinauswachsen, wobei die Handlung leider für sich behält, wie genau sie das tat – ist hier möglicherweise die eine oder andere Szene dem Schneidetisch zum Opfer gefallen? Nachdem die grausame Wahrheit ausgesprochen wurde, ist das „Tatort“-Publikum ebenso schlau wie Sofia, nicht wissend, wie es weitergehen soll, wie es überhaupt weitergehen könnte. Der Fall scheint gelöst, doch entscheidende Fragen bleiben offen. Es gibt kein Happy End, denn das wäre verlogen gewesen. Was bleibt sind Trauer, Ungewissheit und diese spezielle Coming-of-Age-Melancholie als Folge tragischer Ereignisse.
Ohne selbstzweckhafte Actioneinlagen oder dergleichen ist mit „In der Familie“ ein herausragender, höchst dramatischer „Tatort“ gelungen, dessen düstere Bilderwelten zur vermittelten Stimmung passen und der wunderbar sein Erzähltempo zu variieren versteht. Ein Abgesang auf die Mafia mit ihren widerwärtigen Bastarden und deren feigen Methoden, in dem kein Platz mehr für jegliche Glorifizierung ist und man ganz jämmerlich in seinem eigenen Blut liegend verreckt. Das ist durch die Bank weg erstklassig gespielt, insbesondere Preisendanz (in ihrer ersten Nichtkinderrolle?) empfiehlt sich für weitere Rollen. Graf und Strietmann harmonieren insofern gut miteinander, als sich beide Teile gut aneinanderfügen und keine Einschnitte im Tonfall zu vernehmen sind. Der Mut, zwei unterschiedliche Regisseure jeweils einen Teil unabhängig vom jeweiligen Kollegen inszenieren zu lassen, wurde belohnt. Ein grandioses, fesselndes und emotional aufwühlendes „Tatort“-Doppel, dem Jubiläum mehr als angemessen und über dem Niveau manch üblicher deutscher TV-Krimikost. So darf es gern weitergehen. Nur weshalb Batic seinem Kollegen Leitmayr Unterhosen schenkt, habe ich nicht verstanden.