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Allein zurückgeblieben in der einst gemeinsamen Londoner Wohnung ist der Photograph Zachary "Zack" Tonkov (Ruscen Vidinliev) - seine langjährige Lebensgefährtin Stella (Dolya Gavanski) hat sich von ihm getrennt und fliegt gerade nach Berlin, wo sie als Kuratorin eine kleine Galerie übernehmen soll. Diese berufliche Verbesserung kann Zack nicht verkraften, ist er selbst doch bislang erfolglos mit seinen Bildern, seit die beiden vor ein paar Jahren den großen Sprung von der bulgarischen Schwarzmeerküste in den vielgepriesenen Westen gewagt hatten. Während Stella sich als fleißige Assistentin langsam hochgedient hatte, glaubte Zack, mit einer schlichten Nominierung für einen Londoner Foto-Wettbewerb bereits das große Los gezogen zu haben - doch daraus wurde nichts. Für zusätzlichen Zündstoff sorgt seine Eifersucht auf den Galeriebesitzer, der ihm Stella mittlerweile entfremdet hat, zumindest seiner Wahrnehmung nach.
Nun also sitzt der hagere Mann mit dem Dreitagebart allein zuhaus und weiß nichts mehr mit sich anzufangen, als in ihm der Entschluß reift, selbst nach Berlin zu fahren. Was hat diese Stadt so Besonderes, das seine Frau, die London stets gehasst hatte, so anzieht? Nicht einmal zum Flughafen durfte er sie fahren, das wollte sie nicht. Also schwingt er sich in seinen Mini-Offroader und los gehts Richtung Kontinental-Europa...

Das Beziehungsdrama 18% Grey von Regisseur Viktor Chouchkov basiert auf einem Roman und handelt von der zerbrochenen Liebe eines osteuropäischen Paars in Westeuropa. Den Großteil des auch als Road-Movie zu bezeichnenden Films nimmt die durchaus unterhaltsame Fahrt nach Berlin ein, auf der Zack die unterschiedlichsten Menschen trifft: Leute auf der Straße, mit denen der an sich wortkarge und überhaupt wenig gesellige Mann aus den unterschiedlichsten Gründen ins Gespräch kommt. Ein grauhaariger Alkoholiker in Brighton ist dabei, eine flämische Ladenbesitzerin mit einem retardierten Bruder, der gerne Autos klaut, eine ausgeflippte junge Deutsche oder auch ein schottischer Gelegenheitsdieb, der es auf einen großen Brocken Hasch abgesehen hat, der Zack zufällig in die Hände fiel, als er - noch in London - eine Schlägerei schlichten wollte. Und als er dann Berlin erreicht, gibt es da außer seiner verflossenen Liebe noch jemanden, den Zack kennt und den er lange nicht gesehen hat...

Während der zahlreichen Rückblenden in glücklichere Tage gemeinsam mit Stella ergibt sich langsam ein Charakterbild des Photographen, das aber nicht unbedingt positiv ausfällt. Überhaupt ist dieser Zack, der sich als missverstandener, von allen unterschätzter Künstler begreift, nicht unbedingt das, was man einen Sympathieträger nennen könnte - daß der Film, der auf jegliche Action oder übertriebene Begebenheiten verzichtet, trotzdem an keiner Stelle langweilig wird, spricht für die (vermutlich großteils) Laiendarsteller und die saubere Kameraarbeit, die diese Alltagsgeschichte, in der es immer wieder mal "menschelt", auszeichnet.

Dass diese rund 110 Minuten bulgarisch-europäischer Koproduktion überhaupt ein (Nischen-)Publikum erreichen, ist dem Streaming-Giganten Netflix zu verdanken, dessen Mega-Output auch kleiner Produktionen aus aller Herren Länder nun eben auch diesen Film (im englisch-bulgarisch-deutschen Originalton mit UT) hervorgebracht hat. Daß 18% Grey (der auffällige Titel bezieht sich auf eine Graustufe beim Entwickeln von S/W-Bildern) jedoch weder hier noch auf der weltweit größten Filmdatenbank bisher auch nur die kleinste Resonanz in Form einer Filmkritik nach sich gezogen hat, ist fast schon ein wenig schade, denn die vollkommen unprätentiöse, auch ohne Vorkenntnisse leicht zu konsumierende Alltagsstory über Menschen von nebenan, die ohne viel Text auskommt, hätte sich eine Sichtung durchaus verdient: 6 Punkte.

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