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Entschleunigte Neuigkeiten


Netflix kauft die Kinofilme weg! Was vor etwas mehr als einem Jahr noch als gefährlich bis nervig angesehen wurde, kann momentan bei nahezu weltweit geschlossenen Kinos, angeschlagener Gesellschaft und noch immer lodernder Pandemie allerdings fast schon als Glücksfall gesehen werden. Denn egal wie gerne ich auch einen „News of the World“ im Kino gesehen hätte, wie sehr er sich von Art und Bildsprache dafür anbietet, dafür sogar gefühlt von Kopf bis Fuß entworfen wurde - es ist immer noch besser sie daheim in 4K gestochen scharf auf dem riesigen TV zu sehen als gar nicht, illegal im Netz auf dem Mini-Handybildschirm in magerer Qualität oder erst in etlichen Monaten/Jahren. Selbst wenn ich dann bei kommenden Attraktionen wie etwa „Dune“ oder „Kong vs. Godzilla“ definitiv größere Tränen vergießen würde, wenn es weiter so läuft und ich sie nicht auf Leinwand mit Publikum sehen könnte... Genug geschwafelt und ausgeholt - was kann Paul Greengrass' Spätwestern zwischen „Dances With The Wolves“ und „Unforgiven“ über einen durch's Land ziehenden „Zeitungsartikelvorleser“, der sich eines deutschstämmigen Mädchens annimmt, dessen indianische Ziehfamilie abgeschlachtet wurde und die sich nur ganz schwer an ihn und ein „normales“ Leben gewöhnt...

In „Neues aus der Welt“ kommen jedem Gamer ein wenig „Red Dead Redemption“-Gefühle hoch - und das muss man als Kompliment betrachten. Denn die epischen Weiten, die detaillierten Kulissen und Kostüme, das Entschleunigen und Konzentrieren auf die beiden Hauptfiguren und eine gespaltene Nation/Welt, mit unübersehbaren Parallelen zu Heute - all das packt und köchelt diese staubige Ballade sehr gut. Dazu eine junge Helena Zengel, die nach „Systemsprenger“ einmal mehr beeindruckend zeigt, was sie drauf hat und die sogar Hanks (mehr als!) Paroli bieten kann. Das ist grandios, sie ist mein Kern des Films und das, was mir hängen bleiben wird. Seine Schwächen hat „News of the World“ natürlich in Sachen Tempo, Spannung, Fleisch an der Handlung und sicher auch etwas (vorhersehbarer) Charakterentwicklung. Das kann für Leute ohne Hang zum Western, mit kurzen Geduldsfäden oder einfach nach einem langen, anstrengenden Tag, eben genau das Falsche sein, sie müde (oder vielleicht sogar ausgeschlafen) und enttäuscht zurücklassen. Und ein Westernmeisterwerk ist das hier auch ganz bestimmt nicht. Keine Frage. Dennoch hat mich diese behäbige Annäherung in rauen Gefilden, in einer Welt auf der Kippe und im Zwist, erstaunlich potent für zwei Stunden entführt und abgelenkt. Und das zusammen mit der kleinen zukünftigen Oscarpreisträgerin Zengel reicht für mich. Mit Abstrichen und Luft nach oben. 

Fazit: stilistisch das Gegenteil von Greengrass' bisheriger Art (etwa ein Anti-„Bourne“), aber in seinen besten Momenten eine atmosphärische und erfrischende Westernvariante. Ein gemütlicher, zum Teil sogar erhabener, zum Teil aber auch zäher, für manche wohl eher ereignisloser Roadmovie für Sonntagnachmittage. Eigentlich deutlich für's Kino gemacht. Mit einem routinierten Hanks und unserer deutschen Hollywoodhoffnung Helena, einem echten Wunderkind. Gut minus. 

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