Review

Auch mehr als zehn Jahre nach der Veröffentlichung von „Taken“ ist die Formel vom gealterten Helden auf dem Rachefeldzug noch ein beliebtes Sujet, nicht nur in den USA, sondern auch in anderen Gefilden. In Italien etwa gab es „Die Bestie“ zu dem Thema.
Die Bestie, so wurde der Elitesoldat Leonida Riva (Fabrizio Gifuni) während seiner Dienstzeit genannt. Nach einer traumatisch gescheiterten Mission ist er nun daheim, aber nicht wirklich im Zivilleben angekommen. Er leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, verweigert sich einer Therapie und die Familiensituation ist auch alles andere als rosig. Ehefrau Angela (Monica Piseddu) lebt mit Teenagersohn Mattia (Emanuele Linfatti) und der siebenjährigen Tochter Teresa (Giarda Gagliardi) in Trennung. Kurzum: Der typische Rache-Actionheld auf der Suche nach Erlösung, Vergebung oder zumindest einem bisschen Seelenfrieden.
Vorerst gibt es für Leonida allerdings eher weniger als mehr Seelenfrieden. Mattia will lieber später als früher zum Wochenende beim geschiedenen Papa kommen, geht mit Teresa auf dem Weg dorthin noch zu einem Fast-Food-Laden und blödelt dort mit Freunden rum – woraufhin Unbekannte Teresa entführen. Als Leonida davon hört, kommt er sofort zum Tatort und will nicht auf die Ermittlungen der Polizei warten. Stattdessen klaut er dem Kommissar Antonio Simonetti (Lino Musella) lieber das Auto, um auf eigene Faust auf die Jagd nach den Tätern zu gehen. Leonida ist tatsächlich noch mehr aus der Spur als die Selbstjustizhelden aus „Taken“, „The Equalizer“ und Co., eine Art Psychopath, so erscheint der Ansatz zumindest anfangs noch etwas frischer.

So wird der Veteran nun auch von der Polizei gejagt, kann den Täter jedoch verfolgen, der ihm bei einer Verfolgungsjagd entkommt. Doch dieser hinterlässt einen Hinweis, dem Leonida auf dem Weg in die Unterwelt folgt und sich nicht aufhalten lässt…
Will man „Die Bestie“ eines zugutehalten, dann ist es sein Hauptdarsteller. Fabrizio Gifuni spielt den Antihelden als wahrhaft abgewrackte Präsenz, dessen ungepflegter Bart und abgewetzte Jacke ein Spiegelbild seiner inneren Verfassung sind. Man traut diesem Mann zu, dass er tatsächlich eine Bestie ist, die durch die Entführung seiner Tochter entfesselt wurde, doch dummerweise treibt Regisseur Ludovico Di Martino diesen Ansatz nie voran. Letzten Endes ist Leonida dann doch nur ein unrasierter Bryan Mills, ohne dessen Coolness, ohne das angeteaserte Berserkertum, auch wenn Gifuni die Rolle toll verkörpert. Der Rest vom Fest hat kaum etwas zu tun und spielt meist dürftig. Am ehesten bleibt noch Lino Musella als mürrischer, aber gutherziger Polizist in Erinnerung, während Andrea Pennacchi als Oberschurke viel zu spät auf den Plan tritt und als Befehlsgeber mit leichter Plauze auch viel zu wenig beeindruckend aussieht. Der Gangsterboss meuchelt gern Leute zu klassischer Musik und trägt den (Spitz-)Namen Mozart, wie einfallsreich.
Auch sonst klappert das Drehbuch von Claudia De Angelis, Nicola Ravera und Regisseur Di Martino nur ein „Taken“-Versatzstück nach dem anderen ab. Leonida arbeitet sich nach und nach durch die Unterwelt, fängt auf der untersten Stufe bei Junkies und Dealern an, arbeitet sich weiter nach oben, bis er dann vor dem Gangsterboss steht, der kleine Kinder als Zwangsprostituierte an reiche Degenerierte verscherbelt. Alles das reinste Klischee, alles bewusst auf schmierig getrimmt, aber doch sehr gewollt wirkend. Nominell wird Leonida bei seinem Aufräumen in der Unterwelt auch von der Polizei verfolgt, praktisch spielt das so gut wie nie eine echte Rolle, sodass hier jede Menge ungenutztes Potential liegen bleibt. Selten gefährdet die Polizei den Rachefeldzug, meist räumt sie nur Leichen hinter dem Helden auf. Und trotz aller aufgesetzter Verwarztheit wirkt die Unterwelt kaum ausgearbeitet – so wird beispielsweise nie genau erklärt, für wen eigentlich die Cleaner arbeiten, die an einer Stelle aufkreuzen.

Auch in den Subplots ist „Die Bestie“ holzschnittartig: Die Familiensituation Leonidas wird angerissen, doch seine Familie erhält nicht genug Profil für echtes Drama. Der Sohn macht sich kurz Vorwürfe, dass er die Schwester unbeobachtet ließ, während sie entführt wurde, aber auch das spielt kaum eine Rolle. Leonidas traumatische Vergangenheit ist am Ende des Tages für kaum mehr als eine Actionrückblende da, die immerhin eine kleine Plansequenz enthält, erzählerisch aber wenig beisteuert. Und am Ende sitzt der Antiheld dann in der Therapie, der er sich jahrelang verweigerte – was so ein Rachefeldzug anscheinend alles innerlich bewirken kann, auch wenn es erzählerisch kaum schlüssig erscheint. Und die Polizei, die ihn anfangs verfolgte, drückt dann doch ein Auge zu, so viel also zum realistischeren Selbstjustizansatz.
Nun ist „Die Bestie“ kein ausgefeiltes psychologisches Drama, sondern ein Actionthriller, doch auch da schwächelt Di Martinos Film. Die aufwändigste Actionsequenz haut der Film mit seiner Autoverfolgungsjagd schon ziemlich früh raus, diese ist dann immerhin rasant und besitzt einige Blechschäden. Es gibt dann noch einige Kampfsequenzen, in denen Leonida weniger gerissen draufhaut als das Vorbild Bryan Mills und weniger Gegner erledigt. Das mag realistischer gehalten sein, ist in Sachen Choreographie allerdings weniger ansprechend, sodass hier allenfalls die Szene im Gedächtnis bleibt, in der Leonida einige Schergen auf einer Treppe verwemmst. Ganz besonders mau ist der Showdown, der an Arbeitsverweigerung grenzt, denn so wenige Gegner so luschig abräumen, das ist schon eine ziemliche Antiklimax.

So ist „Die Bestie“ am Ende ein maues „Taken“-Plagiat aus Bella Italia, bei welchem der Hauptdarsteller und die anfängliche Autojagd noch den meisten Eindruck hinterlassen. Ansonsten ist das ein Standardplot mit drögen Figuren und reichlich Klischees, wenig weiterer Action, die meist unspektakulär daherkommt, und ziemlich aufgesetzten Unterweltklischees. Da lieber zum wiederholten Mal das offensichtliche Vorbild schauen.

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