Guy Ritchie und Jason Statham sind nach „Bube, Dame, König, grAs“, „Snatch“ und „Revolver“ zum vierten Mal vereint für „Wrath of Man“, das Remake des französischen „Le Convoyeur“. In Deutschland tragen beide Filme denselben Titel: „Cash Truck“.
Dabei stehen jene Personen im Mittelpunkt, deren Hauptaufgabe in den meisten Genrefilmen darin besteht für ein paar Szenen aufzutauchen und von ein paar Räubern abgeknallt zu werden: Geldboten. Das geschieht freilich auch in der Eröffnungssequenz, in der die Kamera durchgängig im Laderaum eines Geldtransporters verbleibt und nie die Position wechselt, auch nicht, als das Fahrzeug überfallen wird, die Geldboten zum Aussteigen gezwungen und bei einem Handgemenge erschossen werden. Es geht noch mehr schief, ein Zivilist stirbt, aber nicht alles wird zu Anfang enthüllt – „Cash Truck“ kehrt mehrfach zu diesem Punkt leicht an die Einstiegsszene von „Heat“ gemahnenden Punkt zurück, um neue Details zu enthüllen.
Der Hauptteil des Films spielt einige Monate später. Die Geldboten von Los Angeles haben den Tod ihrer Kollegen immer noch im Hinterkopf. Patrick Hill (Jason Statham) fängt in diesen Tagen bei Fortico Security an, dem Unternehmen, zu dem der damals überfallene Truck gehörte. Sein Chef Bullet (Holt McCallany) verpasst ihm den Spitznamen H, außerdem lernt er die Belegschaft kennen, darunter ‘Boy Sweat‘ Dave (Josh Hartnett), Dana (Niamh Algar) und Shirley (Tadhg Murphy), die allesamt gern das Alphatier in der Testosteronbutze sein wollen. Dass man diese und andere Charaktere bei dem Sicherheitsunternehmen etwas näher kennen lernt, hat allerdings seinen Grund: Es wird gemunkelt, dass die Räuber mit einem Insider aus der Firma zusammenarbeiteten.
Allerdings verdichten sich bald die Anzeichen, dass der coole und mysteriöse H vielleicht auch mehr ist als er zu sein vorgibt. Der Geldbote hat nämlich eine eigene Agenda, die seine Kollegen nicht kennen, der er aber alles andere unterordnet…
Wer den Trailer zu „Cash Truck“ gesehen hat, der hat natürlich ein noch deutlicheres Bild von dem mysteriösen Protagonisten und seiner Mission, die sich allen unvorbereiteten Zuschauer erst stückchenweise erschließt. Dabei kann Guy Ritchie auf seine bewährten Trademarks setzen, wenn er zeitlich nach vorn und nach hinten springt, den Film durch Kapiteleinblendungen in kleine Sinneinheiten unterteilt und mit dem Wissen bzw. Nichtwissen seines Publikums spielt. Natürlich geht es irgendwann auch in die Unterwelt, wo jede Menge Typen rumlaufen, die so cool sind, dass die Schafe sie vorm Schlafengehen abzählen. Jedoch geht es weitaus weniger lustig zu als in früheren Ritchie-Filmen: Die übersteigerte Machowelt von „Cash Truck“ ist zwar auf ihre Art amüsant, ruft ein Schmunzeln hervor, wobei dies auf Zuschauerseite eher ironische Distanz zu einem Kosmos ist, in dem Menschenleben nicht viel zählen und ohne großes Wimpernzucken getötet wird.
Bevölkert wird „Cash Truck“ dementsprechend auch von Figuren, welche auch nie normales menschliches Sozialverhalten gelernt haben. Und das ist nicht nur auf die Gangster und Killer, die der Film auffährt, beschränkt: Auch bei Fortico Security artet jede Konversation in einen verbalen Schwanzvergleich aus. Filme mit derart prolligen Hauptfiguren sind ein Wagnis, das kann in die Hose gehen wie bei David Ayers „Sabotage“, aber auch funktionieren wie in „Criminal Squad“. „Cash Truck“ ordnet sich glücklicherweise in letzterer Kategorie ein, denn obwohl quasi alle Charaktere ziemliche Atzen sind, sind sie nicht gänzlich unsympathisch. Dana als einzige Frau in der Geldbotentruppe ist natürlich stets darauf bedacht, sich unter den ganzen Kerlen als nicht minder hart zu beweisen und steht damit in der Tradition von Figuren wie Vasquez aus „Aliens“ oder Leona aus „Predator 2“.
Neben Ritchies souveräner Regie, die diesen Kosmos aus Machos und Malochern als unterhaltsame Parallelwelt inszeniert, ist es ein Mann, der den Laden hier am Laufen hält: Jason Statham. Der ist zwar mal wieder in seiner Standardrolle als halbseidener Profi, der zielgenauer schießt, härter draufhaut und schneller Auto fährt als alle anderen, gecastet, mimt den enigmatischen H aber als Ausbund von Charisma und Coolness, während das Publikum erst nach und nach hinter die Fassade des Mannes gucken darf, dessen Zorn der Originaltitel ansagt. Denn H erweist sich im Laufe der Zeit als archaischer Rachegott. Dazu kommt ein starkes Ensemble von Nebendarstellern, in dem sich zahlreiche Charakterfressen finden, etwa Holt McCallany als altgedienter Geldbote, Eddie Marsan als Fortico-Aufseher, Josh Hartnett als Maulheld und Niamh Algar als Henne im Hahnenstall. Später kommen noch Jeffrey Donovan und Scott Eastwood hinzu – letzterer in einer kantigeren Rolle, in der er weniger gelackt wirkt als beispielsweise in „Overdrive“ oder „Pacific Rim: Uprising“. Für wenige Szenen schaut auch noch Andy Garcia vorbei, dessen unnötige Rolle man allerdings auch bequem aus dem Script hätte streichen können.
Denn obwohl „Cash Truck“ seine zwei Stunden reichlich kurzweilig abspult, so wäre noch Raum für Verbesserung gewesen. Das fängt bei der Suche nach dem Insider an: Da wird die ganze Truppe vorgestellt, es gibt Animositäten und Andeutungen, dass bei dem einen oder anderen etwas im Argen liegen könnte, doch dann wird dieses Verdächtigenkabinett in der Mitte des Films zugunsten mehrerer Rückblenden fallen gelassen. Und die betreffende Person offenbart sich kurz vor Schluss selbst, wird nicht durch Ermittlungen oder Kombinationsgabe gefunden. Dazu werden manche der Subplots etwas zu ausführlich behandelt oder sind unnötig, was von der dichten Kerngeschichte etwas ablenkt. Denn das Herz von „Cash Truck“ ist das Geldbotengeschäft, mit den Fahrzeugen und der Zentrale, die allesamt lohnenswerte Ziele für Kriminelle abgeben, mit den Angestellten, die stets auf der Hut sein müssen, und der Gefahr, die ein Verräter in so einem Business bedeutet.
Im Gegensatz zu den früheren Kooperationen zwischen Regisseur und Hauptdarsteller ist „Cash Truck“ deutlich actionbetonter, wenngleich die Krawalldichte etwas niedriger ist als in einem typischen Statham-Vehikel. Auch die Martial-Arts-Fähigkeiten des Actionstars werden nicht genutzt, stattdessen setzt Ritchie rein auf Shoot-Outs. Diese kommen zwar mit Gimmicks wie Ganzkörperpanzerung, schweren Waffen und (in einer Szene) Jeder-Schuss-ein-Treffer-Zielkünsten daher, bewahren aber noch eine gewisse Bodenständigkeit. Die meisten Actionszenen sind nicht so ausladend, eine Ausnahme ist das finale Gefecht, das einen würdigen Showdown abgibt. Mit ordentlich Munitionsverbrauch und diversen Toten geht es zur Sache, auch wenn es teilweise schade ist, wenn einige der charismatischen Figuren etwas nebensächlich über den Haufen geballert werden.
Doch trotz kleinerer Schönheitsfehler ist „Cash Truck“ ein kerniger Actionthriller, der von seinem charismatischen Hauptdarsteller ebenso profitiert wie von Guy Ritchies versierter Regie. Dass der Krimiplot nicht das Maximum aus der Insidersuche herausholt und dafür manche Subplots zu sehr betont, ist nicht genutztes Potential. Aber der Film hat Tempo und die leicht augenzwinkernde, aber nie offen humorvolle Mackerwelt voller Typen mit großer Klappe und dicken Eiern übt eine ganz eigene atzige Faszination aus.