Wenn man wie ich stets und ständig für einen brauchbaren Geisterfilm zu haben ist, dann greift man gern mal zu einem Netflix-Happen wie der spanischen Produktion „Voces- Die Stimmen“, der im englischen Raum kurz „Don’t Listen“ betitelt ist.
Die Spanier verstehen ja erfahrungsgemäß was von patentem Grusel und hintergründiger Spannungsunterhaltung und so beginnt auch „Voces“ mit einem ominösen Kameraschwenk von einem moderigen Swimming Pool hinüber zu einem älteren Landhaus, in dem eine dreiköpfige Familie bemüht ist, die Einkünfte zu mehren, indem man alte Häuser kauft, renoviert und teuer weiter verkauft.
So haben wir dann auch gleich die monetäre Notlage parat, die es den Figuren nicht erlaubt, mal eben stiften zu gehen, als Sohne über das Babyfon und andere Gerät beginnt, Stimmen aus den Tiefen des Gebäudes zu hören, die ihm einflüstern, dass Mama und Papa ihn so gar nicht mehr lieb zu haben. Sohnemann Eric, 9 Jahre alt, aber sich leider eher wie ein Sechsjähriger gebärdend, ist schon in Therapie, doch das hält nicht lange, denn die scheinbar wenig motivierte Therapeutin muss den Dienst bald abbrechen, weil sie leider tot ist. Durch eine verdächtig bösartige Fliege im Ohr bringt man sie dazu, mit dem Auto die lokale Vegetation frontal anzusteuern und dicke Äste sind schwer zu schlucken.
Also sieht sich die Familie auch weiterhin den Attacken einer schattenhaften Entität ausgesetzt, deren Umrisse man meistens hinter den Bauplanen stehend bemerken kann, leicht angewest und offenbar nicht eben freundschaftlich gesinnt.
An diesem Punkt beginnt der an sich sehr atmosphärische, technisch und inszenatorisch hochkompetente Film jedoch schon zu kippen. Allein der Tod der Psychologin aufgrund einer aus einem Riss in der Wand gedrungenen Höllenfliege setzt den Rahmen so deutlich, dass gar kein Spielraum mehr für andere Interpretationen bleibt, als dass hier das Böse persönlich im „Haus der Stimmen“ wohnt.
Folgerichtig macht der Plot den nächsten Schritt und das ist ein drastischer, den ich hier mit Bedacht spoilere, denn er kommt schon nach einem Drittel: der Sohn macht kopfüber seinen Fahrtenschwimmer im benachbarten Designerpool.
Ganz ehrlich, diese Plotwendung kommt keine Sekunde zu früh, denn das naiv und tranig auftretende Kind ist wirklich nur schwer als angeblicher Neunjähriger zu ertragen, vor allem weil seine Eltern zur Abwechslung mal ganz patent sind.
Das gibt der Ehe natürlich den nötigen Knacks und jetzt kann sich der Sohn als groteske Stimme aus dem Babyfon seinen Erzeugern andienen. Ergo holt sich Dad Hilfe bei einem ESP-Spezialisten und dessen Tochter als „voice of reason“, der natürlich bass erstaunt ist, dass er es mal mit einem echten Fall zu tun hat und nicht mit einem Fake.
Ab da schwankt die Produktion bedenklich zwischen Bundesliga und Kreisklasse, denn wenn auch die atmosphärischen Sequenzen mit einiger Kunstfertigkeit hervorragend inszeniert sind, speziell die Sequenzen, in denen Wärmebildkameras eine Rolle spielen, fällt es mir schwer, heute noch einen Film durchzustehen, in dem die Protagonisten (oder jeweils Überlebenden) aus Erfahrung wissen, dass man von den Stimmen instantly zu Mord oder Suizid getrieben werden, sich aber dennoch vogelwild und ständig EINZELN in dem verwinkelten Gebäude verteilen.
Eine weitere Sequenz, in der sich eine Figur der Entität ausgesetzt sieht, in dem sie erst den toten Sohn präsentiert bekommt und dann unter dem Bett hindurch zwei ziemlich bedrohliche Füße sieht, beweist dieses auseinanderfallende Qualitätsprinzip. Einerseits ist der Wechsel zwischen „unter dem Bett hindurch etwas erspähen“ und „wieder oben drauf schauen und nichts sehen“ total horribel, andererseits ist es kaum zu fassen, dass die Figur den Sichtwechsel trotz offensichtlicher Annäherung etwas Unsichtbaren noch ZWEIMAL WIEDERHOLT. Hier ist das „Echt jetzt?“ wirklich Programm.
Im letzten Drittel wird dann auch der Erklärbär aus dem Schrank geholt und dem Finsterling eine Identität gegeben, das allerdings so ausführlich aus dem Bereich „Amityville meets Conjuring“, dass man gar nicht mehr weiß, was mehr nervt: die Risikofreudigkeit der Figuren, die dauernde Erklärerei oder das Übermaß an „jump scares“ und Annäherungen durch flackernde Lichter.
Einen Bonuspunkt verteile ich gern noch für die Schlußpointe, die einigen Figuren dann überraschenderweise noch die Möglichkeit für eine Fortsetzung einräumt, aber ansonsten erfrischend konsequent ist.
Ich will nicht zu streng mit Regisseur Hernández sein (der Mann ist Anfang 30), es ist sein erster Langfilm nach fast 10 Kurzfilmen und da ist unbestritten Talent, aber an den Skripten und der Klischeequote müssten er und seine Autorenkollegen noch etwas feilen, um nicht in der beachtlichen Menge des iberischen Horroroutputs unterzugehen.
Wer generell sich eine schöne Gruselsause machen möchte, darf hier gern im Snackmodus zugreifen, als Fan des Subgenres liegt die Anspruchslatte bei mir aber schon etwas höher als bei diesem freundlichen Conjuring-Derivat, bei dem die man übrigens gerade die titelgebenden „Stimmen“ meistens mit dahinbretternden Soundtrack-Motiven zugekleistert hat. (5/10)