Einer der Werke aus der Abteilung des Selbstjustizfilmes, der Anfang / Mitte der 70er Jahre vor allem durch Dirty Harry, Ein Mann sieht rot, im Grunde aber auch Taxi Driver eine erste neue Hochform erhalten hat, und wo die Leute per Beruf oder auch aus dem bisherigen Normalleben heraus alle naselang rotgesehen haben oder durchgedreht sind, wenn man den Filmtiteln glauben darf und den insgesamt mit Frust, Gewalt und einer scheiternden Toleranzgrenze aufgeladenen Geschichten aus nunmehr einiger zeitlicher Entfernung so zusieht. Die Antwort auf eine zunehmend als Bedrohung empfundene gesellschaftliche Anspannung, der tatsächlich oder gefühlt wachsenden und vonseiten der Obrigkeit ignorierten oder unzureichend beachteten Kriminalität, und das Stoßen in ein emotionales Wespennest des Zuschauers, der mit Begeisterung und klingelnden Kassen auf die entsprechende cinematografischen Beiträge reagierte und folgerichtig auch Nachzügler en masse generiert.
Dabei ist Ein Mann rechnet ab durchaus bekannt in seinem Teilbereich des Kriminal- und Aktionsfilmes, wenn auch sicherlich weniger populär und weniger effektheischend als die drei aufgezählten oder der noch fehlende Eine Frau sieht rot; hat aber immerhin mit Regisseur Edward Dmytryk in seinem allerletzten Schaffen eine beachtenswerte Erscheinung und eine seltsame Wahl eigentlich für einen aktuellen Reißer und zudem mit George Kennedy einen Schauspieler wie geschaffen für die Verkörperung des Otto Normalverbrauchers einerseits und des späteren Berserkers andererseits und gleichermaßen zu bieten:
John Kinsdale [ George Kennedy ] ist zusammen mit seinen Kollegen Mike McAllister [ John Mills ] und Janice Tilman [ Rita Tushingham ] in Neapel als Computerspezialist für die NATO zuständig. Eines Abends nach dem Dienst findet er seine Frau und die drei Kinder in seinem Haus ermordet vor. Der zuständige Polizist Inspector Lupo [ Raf Vallone ] ist ihm keine wirkliche Hilfe, auch sucht Kinsdale nach Rache und nicht nach Gerechtigkeit, und macht sich deswegen selbständig auf die Suche nach den Tätern. Bald bekommen das aber nicht nur die Mörder selber mit, sondern auch der Polizist und Kinsdale Vorgesetzter General Fuller [ Arthur Franz ].
Kaffee, Rührei, Müsli, Orangensaft und Kindergeschrei zum Frühstück, der Gang durch eine voll gestellte Garage zum Auto und dann weiter die alltägliche Routine und die kurze Idylle von Normalität und Glück. Das Geld sitzt locker, die Frau ist daheim, der Job ist eher easy, wenn man den ganzen Tag über ein Geburtstagsgeschenk reden kann und die Kollegen sind auch Freunde und fast familiär dabei. Keine 10min dauert diese Ruhe, dann ist das Leben gelaufen und die bis dahin bekannte und sich dran gewöhnte Existenz mit einem Schlag vorbei. Die Garagentür ist auch die nächsten Tage noch offen, der Gang in das Haus für jedermann möglich und frei. Die erste Kugel, die abgefeuert wird, trifft nur den Fernseher mit seinen schlechten Nachrichten, vorher wurde die Waffe für einen Moment an den eigenen Kopf gehalten und ein Ausweg aus der Misere mit Selbsttötung überlegt.
Der Ausweg ist ein anderer, die eigenen Ermittlungen, ist der Ansatz des Filmes auch ein anderer als zum urbanen Crime von New York. Eine größere Anlage wird hier gesucht und gefunden, das Umfeld mit Politik, Militär und vor allem auch Technik, mit Observierung und Überwachung per Computer und dem 'Detektivspiel' per Eingaben von Informationen in die elektronische Datenverarbeitung und die Nutzung persönlicher und staatlicher Rechenanlagen gespickt. Kennedy ist (wie Hackman in Der Dialog das Jahr zuvor) Bestandteil einer großen Organisation, ein Datenträger im Laufwerk, ein Rädchen im Getriebe und dennoch ein Individuum in der Masse, wobei er gegenüber den Anderen dort auch keinerlei Schwächen selbst nach der Tragik und der Beerdigung und nur Funktion und Stoismus zeigt. Die erste Emotionalität kommt nach dem zweiten Massenmord, da allerdings auch nicht von Kennedy, sondern von einem Freund der dortigen ermordeten Familie. Ähnlich kühl und auch ruhig, trocken wie Stroh ist (abseits des größeren Showdowns, taktisch eine Vollkatastrophe) auch der Film vollzogen, bis auf kleinere Szenen ohne wirkliche Dramatik, wie in einer statischen Simulation, als spröder Terror- und Spionageplot mit verbaler Internationalität, mit dem Bebildern von Ereignissen und Prozessen, aber ohne Regung oder wenn – wie in der Szene vor dem zweiten Tatort – mit einer falsch empfundenen, nicht kongruent wirkenden Affektivität des mittelbar Betroffenen.
Dmytryk zeigt scheinbar wenig Interesse für die Geschichte selber – der Antithese seines eigenen Cornered, 1945, in der Dick Powell als Kanadier in Frankreich den Mörder seiner Frau in den Wirren zwischen Faschismus und Antifaschismus sucht – und schleicht auch dem zeitgenössischen Kino lange hinterher, zeigt aber dabei eine gewisse Grundnervosität auf, die sich auch auf den Zuschauer überträgt; ein Mitfiebern in der langen Ruhe vor dem Sturm, der dann schneller kommt, als einem lieb ist. Das erste Auflauern der Terroristen ist eher stümperhaft und undurchdacht, da fehlt dem Normalbürger der Professionalismus und die Kaltblütigkeit auch den anderen involvierten Zivilisten, eigentlich geht da alles schief, was schiefgehen kann; auch ein Zweikampf mit Eisenkette gegen eine abgebrochene Schaufel ist eher holprig und ruppig als von langer Hand geplant. Vorher, gegen Ende des zweiten Drittels wird eine nicht uninteressante Autojagd durch die vollen italienischen Straßen inmitten des Verkehrsstroms und auch mal dagegen eingeworfen, gefolgt von der Verfolgung zweier schon betagter, körperlich nicht mehr ganz fitter Männer zu Fuß durch die Hintergassen und auch treppauf, treppab, was schon jüngere untrainierte Leute außer Atem bringen würde. Die Stadt Neapel sieht sowieso aus wie im Krieg oder kurz danach, ärmlich, verwahrlost, ausgeblichen und Putz von den Häusern abgeplatzt. Das Hauptquartier der Terroristen ein ehemaliges, längst vergammeltes Café, dass seit Jahren keine Sonne gesehen hat und keine Reinigung, aber von früheren Berkeley-Studenten der 68er-Bewegung auf Kriegspfad gegen das Establishment bevölkert wird.