Ein Lippenbekenntnis von Liam Neeson, der aufgrund eines erhöhten Alters und auch einer gewissen Konvention seiner letzten Werke mit dem Genre des Actionfilmes bzw. des Actionthrillers brechen und sich auf anderes konzentrieren wollte, hat dazu geführt, dass im turbulenten Jahr 2020 sein ebensolcher Honest Thief einer der wenigen und auch besser laufenden Neustarts im Kino wohlgemerkt war. Gefolgt von gleich Anfang 2021 dem The Marksman (und der Ankündigung von The Ice Road exklusiv für Netflix sowie Martin Campbells Memory), wobei eben dieser Marksman dabei gar noch relativ eng einem Thema folgt und verfolgt, was gleichzeitig im seriellen Fernsehen mit Coyote (2021, "After 32 years of service, Border Patrol agent Ben Clemens finds himself helping people he has always tried to keep out of the United States.") durch Michael Chiklis und dem Demand-Titel No Man's Land (2020, "When a vigilante border patrol turns fatal, a man flees on horseback to Mexico, seeking forgiveness from the victim's father.") durch Frank Grillo, dem selbsterklärten "poor man's Liam Neeson" bearbeitet wurde:
Der u.a. im Vietnamkrieg gediente Veteran Jim Hanson [ Liam Neeson ] betreibt nun und auch nach dem krankheitsbedingten Tod seiner Ehefrau eine Ranch in Arizona, in unmittelbarer Nähe zur Grenze, bei dessen illegalen Übertritten er auch Meldung an die Behörde macht, zumal seine Tochter Sarah Pennington [ Katheryn Winnick ] beim Grenzschutz angestellt ist. Eines Tages trifft Hanson auf die gerade aus Mexiko flüchtende Rosa [ Teresa Ruiz ] mit ihrem Sohn Miguel [ Jacob Perez ], die von Maurico [ Juan Pablo Raba ] im Auftrag eines Kartells verfolgt werden. Hanson 'klärt' die momentane Situation, zieht aber deswegen auch den Zorn der Kriminellen auf sich und muss sich einer Entscheidung stellen.
Neeson dabei als Titelfigur und Mann der Tat und weniger der Worte, der Junge als dramaturgischer Hebel und emotionaler Zugang zum Geschehen, der Grenzzaun und die Enge und verbundene und gleichzeitig getrennte Nähe der beiden Länder als Schauplatz eines Krieges im Kleinen und als umkämpfte Flächenebene, die trotz der Leere und der Weite beizeiten schon ein unwohles Gefühl auslöst und wo die Aasvögel auf Beutezug kreisen und man ständig auf der Hut auch ist. Und wo man nicht nur Rancher mit der Amerikaflagge am Mast, sondern irgendwo freiwillig oder auch unfreiwillig 'Blockwart' und Ausguck bei auffälligen Geschehen in der Umgebung, wie eben ein illegaler Grenzübertritt ist. Die Tage waren auch sowieso schon mal besser, die Ranch steht notgedrungen zum Verkauf, die Herde ist ausgedünnt, die Ehefrau gibt es krankheitsbedingt nicht mehr und jetzt steht auch noch Ärger mit dem Kartell vor der Tür. Im Safe daheim ist kein Geld und keine Aktien, nur eine Pistole und Patronen und nicht viel mehr.
Wie auch Honest Thief und wie auch die meisten Arbeiten der Regisseure mit Neeson zuvor ist dies eher altmodisches und angenehm ruhiges Erzählen, Mid-Budget mit ordentlicher Produktion und solider Finanzierung, die Verlässlichkeit schlechthin quasi, in der sich auf seinen Star verlassen wird – Costner könnte das noch spielen, ein etwas jüngerer Eastwood (interessanterweise wird später einmal Hang 'em high kurz angespielt, und der Film hier ähnelt deren A Perfect World (1993), nur unter umgekehrten und düsteren Vorzeichen) oder Ford, aber sonst gibt es nicht allzu viele, auf dies das Setting automatisch wie als Alltagskleidung wirkt – und sich dieser auf Genretopoi und leicht überdurchschnittliche Fähigkeiten seiner Skripte und der Inszenierung auch verlässt. Die Farben schon nach Möglichkeit kräftig, aber nicht exaltiert, der Schnitt ruhig und übersichtlich, gehandhabt eher mit leisen, fast melancholischen Tönen und wie als Abgesang, die Action (wie ein größerer Autocrash kurz vor dem Finale) nicht im Mittelpunkt des Ganzen, sondern als Anreiz mit und neben der allgemeinen Reputation von Darsteller und Œuvre und einer gewissen, sich aber nicht vordrängelnden Aktualität vom löchrigen Grenzzaun und sowieso einer gewissen Laschheit bis hin zur Korruption bei den Kontrollen (und den 'Hütern' des Gesetzes sowieso) als weiteres Verkaufsargument.
"I come here to take the woman and the boy." - "Sorry, Pancho. These illegals are mine." dabei als Auslöser des Ganzen, als Wendepunkt, muss sich von hier auf gleich entschieden werden, wie man handelt und wie man weiter vorgeht, werden kurz darauf schon die Waffen gezogen und die Munition in Richtung der Gegenüber verstreut. Heavy fire am Grenzzaun, der Hund sucht schon mal Deckung vor den einprasselnden Kugeln, die Regierung selber ist nicht da und sowieso nicht hilfreich, muss der letzte Amerikaner hier allein für sich (und weniger sein Land) gerade stehen und wird die Erfahrung und die frühere Karriere beim Marine Corps als Trumpfkarte gezogen und in die Waagschale gelegt; bis hin zu einem Showdown stilecht in und um einer Scheune, erneut im Nichts und nirgends und erneut wird Widerstand gegen eine Übermacht und deren besseren Waffen eingelegt.
Was zwischendurch erfolgt, nach dem ersten Scharmützel und der dort ausgebrochenen Gewalt und der Drohung, ist eine Reise durch Amerika, auf der Route 66 durch New Mexico, durch Arizona, durch Oklahoma Richtung Chicago, einer vorneweg, die anderen hintendran, ein Roadtrip zweier Individuen aus verschiedenen Gesellschaften und verschiedenen Generationen, mit dem Mann eher am Ende seines Lebens und mit dem Kind, das gerade erst sein Dasein beginnt. Beide unfreiwillig miteinander verbunden und gleichzeitig durch die Unterschiede und zusätzlich die 'Sprachbarriere' voneinander getrennt, einmal ist der Junge am Weglaufen, später einmal ist der Mann – welcher sowieso voller Hass, voller Verzweiflung und auch voller Alkohol steckt – plötzlich weg, selbst der Hund auf der Rückbank versteht mehr von den beiden Menschen auf dem Vordersitz und wirkt zuweilen auch als Bindestück und bei einer bedrohlich ausartenden Polizeikontrolle auch als Schutzengel auf vier Pfoten und rettendes Mitglied.