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„Ihre Höflichkeit hat was Perfides…“

Mit „Spätlese“ feierten die Essener „Tatort“-Kommissare Heinz Haferkamp (Hansjörg Felmy) und Willy Kreutzer (Willy Semmelrogge) ihren zehnten Einsatz innerhalb der öffentlich-rechtlichen Krimireihe. Das Drehbuch zum am 22. Mai 1977 erstausgestrahlten Fall verfasste Herbert Lichtenfeld; für die Regie konnte man Wolfgang Staudte („Die Mörder sind unter uns“) gewinnen, der damit nach „Tote brauchen keine Wohnung“ und „Zwei Leben“ seinen dritten „Tatort“ inszenierte.

„Fast alle Leute fühlen sich von mir belästigt, das muss an meinem Beruf liegen.“

Paul Bernhold wurde erschlagen, Täter und Motiv sind unbekannt. Seine Witwe Claudia (Andrea Jonasson, „Schonzeit für Füchse“), die mit ihm in einer schicken Villa zusammenlebte und nie finanzielle Sorgen zu haben brauchte, fällt aus allen Wolken, als ihr bewusst wird, dass ihr Mann offenbar ein Erpresser war. Dies erklärt auch ihren gehobenen Lebensstandard, den sie bisher nie hinterfragt hatte. Zusammen mit ihrer auf einen Rollstuhl angewiesenen Schwester Ingeborg (Claudia Wedekind, „Attentat auf den Mächtigen“) versucht sie herauszufinden, wen ihr Mann erpresste – und womit. Da die regelmäßigen Zahlungen weiterhin am vereinbarten Ort konspirativ hinterlegt werden, findet sie recht bald Gefallen daran und verwirft den Gedanken, diesbezüglich mit der Polizei zusammenzuarbeiten. Kommissar Haferkamp verdächtigt derweil Claudia und ermittelt in ihrem Umfeld. Doch auch Dr. Stolp (Udo Vioff, „Die letzten Ferien“), Hausarzt der Bernholds, kommt als Verdächtiger in Betracht, da sein Interesse an Claudia über ein rein freundschaftliches hinauszugehen scheint. Bei der Beschattung beider gerät Haferkamp unwissentlich in eine Geldübergabe und lernt dadurch den gutbetuchten Eckhart Waarst (Alexander Kerst, „Der Fall Liebknecht-Luxemburg“) kennen, offenbar das Erpressungsopfer. Aber wer ist dieser Waarst, und womit wurde respektive wird er erpresst? Haferkamp studiert zurückliegende, unaufgeklärte Kapitalverbrechen im Archiv…

„Vielleicht hat er uns zuliebe eine Bank überfallen!“

Eine reizvolle Prämisse: Ein Tötungsdelikt, durch das man einer Erpressung auf die Spur kommt, wodurch wiederum ein anderes Verbrechen aufgeklärt werden kann. Vom alles ins Rollen bringenden Mord bzw. Totschlag ist indes nichts zu sehen; die Episode beginnt damit, dass Haferkamp Frau Bernhold die schlechte Nachricht vom Tode ihres Mannes überbringt. Der Hausarzt erscheint Haferkamp eher als Hausfreund und ist ihm gleich suspekt, womit jenem die Rolle des klassischen Erstverdächtigen zuteilwird. Demonstrativ wissend blickt Haferkamp drein, um seine Gegenüber aus der Reserve zu locken, kommt um Beschattung und schließlich das Einspannen seiner zeitweise bei ihm wohnenden Ex-Frau Ingrid (Karin Eickelbaum) jedoch ebenso wenig herum wie um einige weitere Finten und Tricks.

„Ich muss in eine Besprechung. Fangen Sie nicht an, mich zu nerven!“

Bedauerlicherweise ist die Inszenierung für einen Staudte ungewöhnlich bieder ausgefallen und wird die Handlung langatmiger, je weniger Claudia und Ingeborg noch zu ihr beizutragen zu haben. Durch den Verzicht auf jegliche über die seriösen schauspielerischen Leistungen hinausgehende Schauwerte – keines der behandelten Verbrechen geschieht onscreen – gerät „Spätlese“ zu einem ermüdenden Laber-„Tatort“, der zudem in einem zunehmend uninteressanten Milieu spielt (zumindest wird kaum etwas aus ihm herausgeholt). Stattdessen pfeift einem ein verrückter Freejazz-Soundtrack in den Ohren.

Nichtsdestotrotz ist der Fall bzw. seine Lösung durch Haferkamp und Kreutzer intelligent konstruiert und, folgt man der Handlung aufmerksam, auf einem noch annehmbaren Level bis zu seinem fatalistischen Ende spannend. Seine stärksten Momente hat er aber, wenn er nur allzu menschliche Verhaltensweisen wie „Gelegenheit macht Diebe“-Verführbarkeit, die Rechtfertigung bewusst falschen Handelns vor sich selbst und den damit verbundenen Pragmatismus aufgreift. Seine in einem Dialog formulierte Frage richtet sich demnach auch an die Zuschauenden: „Glaubst du etwa an das Gute im Menschen?“

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