Review

„Are you here for business or for pleasure?”

Die schwedische Nachwuchsregisseurin Ninja Thyberg veröffentlichte bereits im Jahre 2013 einen (mir unbekannten) Kurzfilm namens „Pleasure“, dessen Thema – ein Blick hinter die Kulissen der Pornoindustrie – sie nach vielen persönlichen Recherchen in der Branche mit dem 2021 auf diversen Festivals präsentierten, schwedisch-niederländisch-französisch produzierten und 2022 auch hierzulande in die Kinos gekommenen „Pleasure“ auf abendfüllende rund 100 Minute ausdehnte. Das Ergebnis als Drama zu kategorisieren, trifft es einerseits, liefert andererseits aber kaum einen Eindruck davon, mit welch einem Film man es zu tun bekommt.

„For pleasure.“

Die 19-jährige Linnéa (Sofia Kappel) siedelt aus der langweiligen schwedischen Einöde ins neonbunte Los Angeles um, ein Ziel fest vor Augen: unter dem Pseudonym Bella Cherry ein Pornostar zu werden. Ihre Scheu vorm ersten Dreh überwindet sie mithilfe des freundlichen Drehteams und möchte anschließend mehr, vor allem raus aus der Wohngemeinschaft, in der ihr Agent sie mit seinen anderen Darstellerinnen untergebracht hat. Bald verinnerlicht sie die Regeln, nach denen die Branche funktioniert: Höhere Aufmerksamkeit und dadurch mehr Reichweite durch immer extremere Praktiken vor der Kamera erzielen. Zum Vorbild nimmt sie sich „Spiegler-Girl“ Ava (Evelyn Claire, „Trashy Love Story“), die Verkörperung der aktuellen Porno-Elite…

Thyberg hält sich und ihr Publikum gar nicht erst mit einer langen Charakterisierung oder Vorgeschichte Linnéas auf, stattdessen entsteht der Eindruck einer selbstbewussten, mutigen und moralistisch nicht vorbelasteten jungen Frau auf der Suche nach einem großen Abenteuer – und nach Schwänzen. Nachdem die feministische Thyberg in der Vergangenheit anscheinend Pornos gegenüber grundsätzlich negativ eingestellt war, nimmt „Pleasure“ eine sexpositive, weibliche und zunächst weitestgehend neutrale Perspektive auf die Porno-Branche ein, die sie gekonnt aufs Publikum ihres Films überträgt. Es ist ok, Pornodarstellerin zu sein, es ist ok, Bock auf Schwänze zu haben (wie es Linnéa so oder ähnlich formuliert) – und es ist ok, Pornos zu drehen. Linnéas erster Dreh zeigt ein professionelles Team, das ihr gegenüber routiniert seiner Informationspflicht nachkommt und für ein Umfeld sorgt, in dem sie sich keine Sorgen zu machen braucht, ihr jederzeit die Möglichkeit bietet, abzubrechen, und das generell einen fairen Eindruck hinterlässt. Anfänglich hadert und zweifelt sie, ist kurz davor, einen Rückzieher zu machen – zieht dann aber durch, ist stolz auf sich und angefixt. Im Prinzip also ähnlich wie bei „normalem“ Sex außerhalb von Pornodrehs.

Den aus der Hose schnellenden erigierten Penis bekommt man in Großaufnahme zu sehen, die Penetration jedoch nicht bzw. ganz anders als in Pornos – aus Linnéas Perspektive nämlich. Dieser sich durch den Film ziehende darstellerische Kniff trägt dazu bei, dass sich der bis auf Kappel überwiegend aus tatsächlichem Personal jener Branche rekrutierende „Pleasure“ all seiner Freizügigkeit zum Trotz eben nicht wie ein herkömmlicher Porno rezipieren lässt, der typische Male gaze greift hier nicht. Davon einmal abgesehen findet kein echter Sex vor der Kamera statt. Linnéa jedenfalls ist geil auf mehr, kommt jedoch zunächst in der wenig glamourösen Darstellerinnen-WG unter, wo sie eine freundschaftliche Beziehung zu Joy (Zelda Morrison alias Revika Anne Reustle, „Big Black Cock Gave Me My First Orgasm“) knüpft, einer Darstellerin aus dem White-Trash-Milieu.

Doch bald greifen ganz ähnliche Mechanismen wie in anderen Branchen: Um „voranzukommen“ und Karriere zu machen, muss Linnéa möglichst schnell ihre Popularität ausbauen, wofür regelmäßige Beiträge in sozialen Netzwerken nicht ausreichen. Ihre Drehs müssen spektakulärer, extremer werden. Also versucht sie sich an einem BDSM-Dreh in der Maso-Rolle. Wird Thyberg diesen als frauenverachtend und erniedrigend inszenieren? Mitnichten. Auch hier gerät Linnéa an ein Profiteam, sogar an eine weibliche Regisseurin. Man umsorgt Linnéa und schafft eine Atmosphäre, in der sie sich trotz der erschwerten Bedingungen gegenüber „normalen“ Drehs wohlfühlen kann. Linnéa nimmt die Herausforderung an und entwickelt Spaß daran. Eine Mischung aus Arbeit und Befriedigung.

Eine Werbefilm für die Porno-Industrie also? Nein: Als Linnéa noch einen Schritt weiter geht und für ein rein männliches Drehteam das Opfer einer Vergewaltigung spielen soll, verwischen die Grenzen zwischen Spiel und Realität und werden schließlich überschritten. Auch wenn sie zu wissen glaubte, worauf sie sich einlässt, ist die an ihr verübte Gewalt in zu großen Teilen real und setzt ihr (sowie jedem noch nicht ganz abgebrühten Kinopublikum) schwer zu – und zwar derart, dass sie den Dreh mehrfach unterbricht und eigentlich – einem Zusammenbrach nah – abbrechen möchte. Was darauf jeweils folgt, ist ein perfektes Beispiel einer Manipulation dahingehend, dass die jeweilige Wiederaufnahme des Drehs vor dem Gesetz keine Vergewaltigung ist, aufgrund der emotionalen Erpressung aber einer gleichkommt. Diese Veranschaulichung ist eine der Schlüsselszenen des Films, aufgrund derer jede Zuschauerin und jeder Zuschauer einen Eindruck davon erhalten sollten, wie so etwas in der Praxis „funktioniert“ – und man sich generell die Frage stellen sollte, für wen solcher Rape Porn eigentlich produziert wird…

Fast schon schwarzhumorig mutet es da an, wenn Linnéa anschließend ihre von ihrem Einstieg ins Pornogeschäft nichts ahnende Mutter in Schweden anruft und unter Tränen nach Hause kommen zu dürfen bittet, ihre Mutter sie jedoch mit Durchhalteparolen beschwichtigt, davon ausgehend, sie habe lediglich einen schlechten Tag während eines Praktikums o.ä. gehabt. Doch tatsächlich hält Linnéa nicht nur durch, sondern bereitet sich auf ihren nächsten großen Coup vor: Double Black Anal, eine der größten Herausforderungen für Pornodarstellerinnen. In diesem Zusammenhang thematisiert Thyberg rassistische Stereotype und Rollenklischees, die sich in derlei spezifischen Pornofetischen widerspiegeln. Und wie man als Zuschauer(in) vom Kinosessel aus mit Linnéa mitfiebert und ihr wünscht, dass sie diese Herausforderung bestehen möge, mutet im Nachhinein irgendwie absurd an.

Doch in der Tat: Double Black Anal ist krass, krasser aber ist die charakterliche Veränderung, die Linnéa durchmacht: Gegenüber ihrer besten Freundin Joy wird sie zur Verräterin, als diese bei einem gemeinsamen Dreh vom männlichen Darsteller nicht nur spielerisch, sondern ganz real aufgrund ihrer sozialen Herkunft und persönlicher Animositäten erniedrigt wird und Linnéa ihr nicht zur Seite steht, um ihren weiteren Aufstieg in der Branche nicht zu gefährden. Nach oben buckeln, nach unten treten, korrumpiert durch Karrierismus. Die zweite große Schlüsselszene des Films. Spaß macht von nun an nichts mehr, stattdessen begleitet man Linnéa mit mehr als gemischten Gefühlen auf ihrem Weg zum „Spiegler-Girl“ und ihren Versuchen, Hauptkonkurrentin Ava auszustechen. Ihre eigene Gewalterfahrung wird Linnéa im weiteren Verlauf reproduzieren, was einerseits kathartische Wirkung zu haben scheint, sie andererseits aber auch – insbesondere angesichts der kaum wahrnehmbaren Reaktion ihres offenbar bereits weitestgehend abgestumpften Opfers – nachdenklich stimmt. Double Black Anal und „Spiegler-Girl“ – was soll danach noch kommen? Das Abenteuer ist durchlebt und langweilig (!) geworden. Am Ende steht der metaphorisch inszenierte Ausstieg.

Thyberg ist es gelungen, ohne moralischen Zeigefinger oder feministischen Beißreflex ein authentisch anmutendes Bild des Pornogeschäfts zu zeichnen, das die Branche fair zu behandeln scheint und zugleich als Abbild der kapitalistischen Gesell- bzw. Wirtschaft mit ihrem Konkurrenzkampf und ihrer Ellbogenmentalität entzaubert. Es geht nie darum, ob Pornos legitim sind oder nicht, sie sind sowieso da und gehen nicht mehr weg. Was man jedoch neben der ernüchternden Erkenntnis, dass Porno auch im Zuge weiblicher Selbstermächtigung ein ebenfalls den Regeln des Markts unterworfener Geschäftszweig wie so vieles andere ist, mitnimmt, ist die Infragestellung dieses Markts, der offenbar mit immer härteren Extremen bedient werden will. Wer bestimmt eigentlich diesen Markt?

Neben seiner Authentizität, der stimmigen Dramaturgie und der wunderbar durchdachten Kameraarbeit ist das größte Pfund des Films Hauptdarstellerin und Debütantin (!) Sofia Kappel, die süß und sexy zugleich erscheint und deren im Kontrast zu ihrer Jugendlichkeit stehende verbrauchte Stimme etwas Verruchtes mitbringt. Ein auch für Rap-Muffel hörenswerter, rebellischer Hip-Hop-Soundtrack rundet „Pleasure“ musikalisch ab. Thyberg setzt mit „Pleasure“ ein dickes Ausrufezeichen in die Filmbranche und empfiehlt sich als überaus interessante Newcomerin, auf deren nächste Arbeiten man gespannt sein darf. Ihr gilt Dank dafür, aus diesem Stoff kein Melodram gemacht zu haben – wenngleich die betonte Kühlheit und der bewusste Verzicht auf zu viel Emotionalität den einen oder anderen großen Gänsehautmoment verhindern. 8,5 von 10 Vaginalduschen für „Pleasure“!

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